Die Außerirdischen (Doron Rabinovici)

Dystopische Gesellschaftskritik über Medien und leichtgläubige Menschen 5.0 Stars

Cover Die Außerirdischen (Doron Rabinovici)

Cover Die Außerirdischen (Doron Rabinovici)

Natürlich ist die Nachricht erst mal ein Schock: Alle Fernsehstation und Radios berichten eines Morgens, dass in der letzten Nacht Außerirdische auf der Erde gelandet sind. In den Medien herrscht schnell Sensationsbegeisterung nach dem Motto „Hurra, endlich passiert was!“. Zwar hat noch niemand die Außerirdischen zu Gesicht bekommen, aber das hat ja vielleicht auch etwas Gutes.

Online-Redakteur Sol und seine Frau Astrid erleben bald eine andere Seite der Hysterie um die Außerirdischen. Ein flächendeckender Stromausfall sorgt dafür, dass die Menschheit sofort auf Notfallplan umschaltet. In Panik beginnen vor kurzem noch zivilisierte Bürger, Supermärkte zu plündern und sich zu bewaffnen. Auch wenn der Strom bald wieder da ist und die Ursache dafür ganz und gar irdisch war, findet sich der Alltag nicht gleich wieder ein. Nach ein paar Tagen übernehmen Jugendbanden die Gewalt über die Straße und die Lebensmittel werden knapp.

Er fächelte mit seinen offenen Händen nach unten, als könne er so die Emotionen niederhalten. Ein Dirigent vor Wölfen.


 

Die Außerirdischen sorgen für Quote

Bei einer Krisen-Redaktionssitzung hat Sol eine fantastische Idee. Er schlägt vor, das Online-Gourmet-Magazin smack.com in eine Talkshow umzubauen, in der Betroffene offen über ihre Erfahrungen und Ängste in Bezug auf die Außerirdischen äußern können. Alle sind begeistert, Restaurant-Kritiker Albert Stern findet als stimmungsanheizender Trash-Moderator seine neue Berufung und das Außerirdischen-Sensations-TV ist geboren.

Als einzige Sendung, die nicht beruhigt und beschwichtigt, erhält Brandheiß enormen Zulauf selbst von denen, die am liebsten bei diesem Spektakel wegschauen würden. Als nach einigen Wochen die postapokalyptischen Zustände in den Städten beendet sind, muss die nächste quotenträchtige Sensation her. Da kommen die Gerüchte, dass die Außerirdischen einen Wettkampf mit hohem Einsatz planen, genau zur richtigen Zeit. Im Gegenzug für weltweiten Frieden, technologischen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung (schließlich wird jetzt für den gesamten Kosmos produziert!) wünschen sie sich hin und wieder ein freiwilliges Menschenopfer. Ganz human versteht sich. Und fernsehtauglich. Ein bisschen wie in einer Casting-Show, in der leider für alle bis auf die drei besten Kandidaten der Weg endet. Und welches ernsthafte Medium könnte ein solches Angebot schon ablehnen?

Ich sagte Astrid, es werde alles gut, und als sie leise nickte, drehte ich den Kopf weg, um ihr nicht in die Augen blicken zu müssen.

Bittere Medien- und Gesellschaftskritik

Doron Rabinovici zeichnet in seinem Roman ein düsteres und leider sehr gut vorstellbares Bild einer Gesellschaft, die konsequent ihre schlechtesten Seiten hervorkehrt. Leichtgläubig glaubt man alles, was man im Radio hört oder auf Facebook liest, die kleinste Nachricht versetzt alle in Panik und lässt binnen Stunden der Gewalt freien Lauf. Doch auch, als die Zivilisation sich scheinbar rettet, bleibt die Sensationsgier bestehen, und am Ende zeigt sich das wahre Gesicht einer Gesellschaft, der jede noch so dumme Ausrede recht ist, um einen Zerstörungsapparat aufzubauen und mitzutragen.

Die Außerirdischen ist so überzeichnet, dass es durchaus satirische Züge trägt. Gleichzeitig ist es so realistisch, dass es teilweise deprimierend ist. Denn wir brauchen gar keine Außerirdischen, um unsere Ängste zu schüren, uns am Misserfolg und inszenierten Leiden vermeintlich Freiwilliger zu laben und unsere Menschlichkeit immer wieder zu verlieren oder wegzudiskutieren. Wovor wir Menschen eigentlich Angst haben müssen – so das Fazit des Buchs – das sind unsere eigenen schrecklichen Möglichkeiten. Und die Zerbrechlichkeit der dünnen Schicht Zivilisation, die uns davon abhält, sie alle wahr werden zu lassen.

Infos zum Buch

Die Außerirdischen
Doron Rabinovici
255 Seiten
Erstausgabe 2017

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