QualityLand (Marc-Uwe Kling)

Dystopische Satire, die gar nicht so weit weg scheint

QualityLand

QualityLand – Cover der hellen Edition

Das Leben ist schön in QualityLand! Über die Dating-Plattform QualityPartner findet man garantiert den Partner fürs Leben – oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Software einem Bescheid gibt, dass es mal wieder Zeit für jemand anderen wäre. Das Beenden der Beziehung läuft dann aber immerhin auch vollautomatisch. Als ständigen Begleiter hat man ein QualityPad bei sich, das einen besser kennt als man selbst. Außerdem ist es über einen „Ohrwurm“ direkt mit den eigenen Gedanken verbunden und hat so alle Möglichkeiten, einem das Leben noch besser zu machen.

Auch super: Niemand muss sich Gedanken darüber machen, was er als nächstes im Online-Handel bestellt. Denn der größte und beste aller Online-Shops – TheShop – schickt basierend auf den vorhandenen Daten immer dann etwas heraus, wenn man es gerade braucht. Auch dann, wenn man das noch nicht wusste. Und mit einem Kuss auf das eigene oder ein fremdes QualityPad kann man alles bezahlen, was man als konsumbereiter Bürger so kauft.

Okay, man könnte auch was zu meckern finden in QualityLand, wenn man ein Nörgler ist und nicht nur die guten Seiten sehen will. Wer zum Beispiel in seinem Ranking (das sich aus Aussehen, Intelligenz, Sexualverhalten und vielen anderen sozial relevanten Kriterien zusammensetzt) nicht aufpasst und unter 10 von 100 Punkten rutscht, wird zum Nutzlosen, den die Maschinen in QualityLand duzen dürfen und der eigentlich kaum noch eine Chance auf eine Teilhabe an der Gesellschaft hat. Geschichte kommt nur noch in Hitler – Das Musical und ähnlichen Inszenierungen vor. Und ja, QualityPads zu küssen, ist schon ein bisschen eklig. Aber hey, Fortschritt erfordert auch Opfer, und dass QualityLand das fortschrittlichste aller Länder ist, haben eine Unternehmensberatung und eine Werbeagentur schließlich in einem umfangreichen Konzept erarbeitet.


Es läuft nicht alles rund in QualityLand

Wahlen gibt es natürlich auch in QualityLand, und zwar immer dann, wenn der aktuelle Präsident oder die aktuelle Präsidentin bald das Zeitliche segnen wird – was man dank genauester Daten zum Glück rechtzeitig weiß. Aktuell ist es wieder so weit, also ist Wahlkampf angesagt. Eine der beiden kaum zu unterscheidenden Parteien hat sich einen besonderen Coup überlegt, um bessere Chancen bei der Wahl zu haben: Sie stellen einen Androiden auf. John of Us ist intelligenter und menschenfreundlicher als jeder Mensch und garantiert, dass er für jedes Problem in seinem Heimatland die perfekte Lösung finden wird.

John of Us tritt gegen den Gründer des QualityLand-Food-Imperiums Conrad Koch an, bei dessen Kommunikationsstil man sofort einen gelbhaarigen US-Präsidenten vor Augen hat. Und ähnlich wie dieser findet Koch problemlos seine Anhängerschaft, die sich gar nicht lange mit Argumenten aufhalten will.

„Das sind nur Argumente! Recht habe trotzdem ich!“

„Ich will das nicht“ gibt es nicht

Mitten in diesem Wahlkampf hat Peter Arbeitsloser – dessen Nachname sich wie der aller männlicher Bewohner aus dem Beruf seines Vaters zum Zeitpunkt von Peters Geburt ableitet – eine Pechsträhne. Peter wäre selbst in die Fußstapfen seines Vaters getreten, hätte er nicht eine Schrottpresse geerbt, die er – dank konsumfreundlicher Gesetzgebung – regelmäßig an defekten Elektro-Geräten und Robotern einsetzen soll. Viel lieber aber steht Peter selbst in der Schrottpresse und stellt sich vor, wie es wäre, auf den Knopf zu drücken. Roboter zu verschrotten bringt er jedenfalls nicht übers Herz, viel lieber bietet er ihnen Asyl im Keller an.

Gewürdigt wird das natürlich nicht. Peters mangelnder Ehrgeiz bringt seine Freundin dazu, sich von ihm zu trennen. Und wirkliche Alternativen bietet QualityPartner für Peter auch nicht. Sein Ranking rutscht in den Bereich der Nutzlosen und zu allem Überfluss schickt ihm TheShop auch noch etwas, was er beim besten Willen nicht brauchen kann: einen rosafarbenen Delfinvibrator. Doch Rückgabe ist ausgeschlossen, denn das würde bedeuten, dass das System fehlbar ist – und das darf auf keinen Fall sein. Peter begibt sich gemeinsam mit seinen Roboter-Freunden und einigen anderen skurrilen Gestalten auf eine Mission, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt scheint: er will zurückgeben, was er nicht bestellt hat.

Untypische und doch realitätsnahe Dystopie

QualityLand ist eine ganz und gar untypische Dystopie: Hier ist (auf den ersten Blick) nichts düster, es gibt keine Tyrannen, die die Bevölkerung unterdrücken, und keine Machtübernahme durch Diktatoren. Nein, die Dystopie in QualityLand ist hausgemacht. Aus Konsumfreude, Bequemlichkeit und dem Wunsch, etwas Besseres als ihre Mitmenschen zu sein, machen alle Bewohner freudig mit bei der Diktatur der Medien und der Großkonzerne. Nicht umsonst lautet der zentrale und für fast alle unfassbare Satz: „Ich will das nicht“. Da gibt es also einen, der trotz all der Informationen, die über ihn gesammelt und ausgewertet wurden, einen eigenen, seinem Persönlichkeitsprofil widersprechenden Willen entwickelt. Und diesen partout durchsetzen will.

Das eigentlich Erschreckende an Buch und Land ist gerade, dass es auf den ersten Blick gar nicht so erschreckend ist. Wer schon die ein oder andere Dystopie gelesen oder gesehen hat, kennt die dunklen und beängstigenden Zustände, die einem sofort klar machen: „Da will ich nicht leben!“ Bei QualityLand hat man eher das Gefühl, dass man fast schon zuhause ist. Vieles ist bequem und wird halt erkauft damit, dass man manche Sachen nicht so richtig super findet. Aber alles kein Grund zur Sorge, denn es gibt immer Wege, auch selbst von den Schwächen des Systems zu profitieren. Kennen wir, haben wir. Wenn wir uns ein paar Klicks sparen oder den Weg zur Buchhandlung, sind wir doch gerne bereit unsere Daten herzugeben. Und manchmal unsere Werte gleich mit.

Und wer sagt eigentlich, dass Dystopien immer düster sein müssen? Diese Dystopie hat skurrile Charaktere, witzige Dialoge und einen liebenswert unambitionierten Protagonisten, den nur ein rosafarbener Delfinvibrator aus der fast schon lethargischen Akzeptanz seines Schicksals reißen kann. Dann aber gewaltig.

Alles ist personalisiert im besten Land der Welt

Übrigens handelt Klings Buch nicht nur von QualityLand, es stammt direkt daher. Als Autorin wird eine der Figuren des Romans benannt und es gibt wichtige Reisetipps für den unerfahrenen Touristen. Zwischendurch ist immer wieder Werbung für diverse QualityLand-Produkte eingestreut (und auch für Marc-Uwe Klings Känguru-Trilogie) und unter den mit Schleichwerbung gepflasterten Nachrichten findet man die Fake-Kommentare, die von Peters Fast-Freundin verfasst werden. Natürlich auch mit Werbung, denn das ist ihr Beruf. Und selbstverständlich gibt es den Roman „personalisiert“ – in einer hellen und einer dunklen Fassung, je nach Stimmung (ich habe die helle gelesen).

Es ist auch fast schon gruselig, wie sehr die Geschichte von Peter Arbeitsloser einem Erlebnis gleicht, das ich selbst vor etwa zehn Jahren mit TheShop Amazon hatte: Ungefragt wurde mir ein Roman zugeschickt, den ich nicht bestellt hatte. Er trug den Namen Swallow, mein wackerer Mustang. Ich habe ihn heute noch, weil die Dame am Telefon bei Amazon nicht wollte, dass ich ihn zurückschicke. Aber vielleicht passiert das Ganze ja auch nur in meiner Ausgabe, immerhin ist in QualityLand ja alles personalisiert.

QualityLand schafft es auf der einen Seite, vor so vielen witzigen und aberwitzigen Ideen zu sprudeln, dass man damit locker drei Staffeln Black Mirror füllen könnte, und dabei einen regelrechten Sog zu entwickeln, sodass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen kann. Auf der anderen Seite sind die Szenarien, die entwickelt werden, so realistisch, so nah an unserer eigenen Welt, dass einem das Lachen auf fast jeder Seite sehr schnell wieder vergeht. Immerhin regiert einer wie Koch heute schon das mächtigste Land der Welt und mein Handy sagt mir abends den besten Weg nach Hause – ohne dass ich ihm mitgeteilt hätte, wo zuhause ist.

Ich mag Bücher, die mich noch lange nach dem Lesen beschäftigen, die in mir unterschiedlichste Emotionen auslösen und die ich auch in der kleinsten Pause noch hervorziehe, um ein paar Seiten weiter zu lesen. Ich bin außerdem großer Fan von Dystopien, die durch nur geringe Variationen der Gegenwart zeigen, dass wir eigentlich schon fast in ihnen leben. Es ist also kein Wunder, dass QualityLand mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen und bis zum Schluss begeistert hat. Wer Dystopien, Satire oder einfach gute Bücher mag, ist mit diesem ganz sicher gut bedient.

Infos zum Buch

QualityLand
Marc-Uwe Kling
384 Seiten
Erstausgabe 2017

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