tschick Zusammenfassung und Kritik (Wolfgang Herrndorf)

Perfektes Buch über das Erwachsenwerden, über Freundschaft und über „Tschick“: 5.0 Stars

Cover tschick Zusammenfassung

Cover von tschick

Zum Erwachsenwerden gehört es, auch mal Dinge zu tun, die man eigentlich nicht machen sollte. Vielleicht geht man einfach mal nicht zur Schule, experimentiert mit Drogen oder klaut – wie im Fall von Maik Klingenberg und Andrej „Tschick“ Tschichatschow – ein Auto und fährt damit durchs halbe Land. Was auch immer man anstellt, Gründe und Logik spielen eine untergeordnete Rolle, vielmehr geht es darum, etwas auszuprobieren, von dem man irgendwie schon ahnt, dass die Gelegenheit dazu nicht wiederkehren wird. Einfach, um zu schauen, was passiert. Denn erwachsen werden kann man nur aus Erfahrung.

Maik Klingenberg, der Erzähler des Romans tschick, der bezeichnenderweise nicht nach ihm selbst, sondern seinem besten Freund benannt ist, weiß zu Beginn der Geschichte schon, wo so ein Abenteuer endet: Mit vollgepinkelter Jeans und blutigem Bein auf der Polizeiwache. Dorthin hat man den 14-jährigen gebracht, nachdem er auf der Autobahn aufgelesen wurde, und die Information, dass man in seinem Alter bereits strafmündig ist, führt dann auch gleich zu dem Malheur mit der Hose. Die Aufregung, die Sorge um Tschick und der Anblick seiner Verletzung kosten ihn schließlich das Bewusstsein und seine nächste Erinnerung stammt aus dem Krankenhaus, wo ihn die jungen und freundlichen Schwestern sowie der väterliche Arzt kurzzeitig vergessen lassen, dass er wegen Autodiebstahls ziemlichen Ärger bekommen könnte. Stattdessen denkt Maik darüber nach, wie er dort gelandet ist, wo er jetzt ist, und in dieser langen Rückblende lässt er den Leser an einem heiter-melancholischen Roadtrip teilnehmen, den man so schnell nicht vergisst.


TSCHICK Zusammenfassung der Reise

Mit 14 ist man entweder angesagt und einer von den Coolen oder man ist raus aus der Nummer. Dazwischen gibt es nicht viel. Maik Klingenberg würde sich schon freuen, wenn man ihn aufziehen oder mit einem dämlichen Spitznamen versehen würde, doch seine Klassenkameraden beschränken sich darauf, ihn zu ignorieren. Zwar kommt Maik aus etwas, das man als „gutes Elternhaus“ bezeichnen würde, doch die Fassade bröckelt. Maiks Vater hat in die falschen Immobilien investiert, seine Mutter fährt regelmäßig und nur mit mittlerem Erfolg in die euphemistisch Schönheitsfarm genannte Entzugsklinik und dass die Ehe geschieden wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Freunde hat Maik keine, Geschwister auch nicht, so dass er seine Zeit meistens alleine verbringt. Aber die Sommerferien stehen vor der Tür, und Maik hat etwas, worauf er sich freuen kann: Die Geburtstagsparty von Tatjana, in die er – wie der männliche Rest der Klasse – heimlich verliebt ist. Tatsächlich wird die ganze Klasse eingeladen, bis auf ein paar Außenseiter-Ausnahmen, darunter der neue Mitschüler Tschick und Maik. Zu Hause läuft es auch nicht besser: Die Mutter fährt mal wieder zur „Schönheitsfarm“, der Vater kann kaum abwarten, dass sie aus dem Haus ist, um mit seiner Mitarbeiterin / Freundin in die Ferien zu fahren und Maik bleibt allein mit 200 Euro in der elterlichen Villa im Berliner Osten zurück.

tschick Wolfgang Herrndorf

Doch er bleibt nicht lange allein: Tschick taucht auf, ungefragt, aber äußerst beharrlich. Und da beide allein sind, beginnen sie, Zeit miteinander zu verbringen, im Pool von Maiks Eltern und beim Playstation-Spielen. Bis Tschick eines Tages mit einem Auto vor der Tür steht: Er hat einen alten Lada gestohlen – was offensichtlich deutlich leichter ist, als Maik Klingenberg von dessen Gebrauch zu überzeugen -, mit dem sie schließlich Tatjana Maiks selbstgezeichnetes Geburtstagsgeschenk vorbeibringen und anschließend in Richtung Walachei aufbrechen, um dort Tschicks Großvater zu besuchen.

Auf dem Weg in den Südosten treffen sie auf wirklich ganz unglaubliche Menschen: eine Familie, die die Jungen spontan zum Mittagessen einlädt, aber das Dessert verweigert, weil Maik und Tschick beim Familien-Quiz versagen, einen bewaffneten Alten, der der letzte Bewohner eines Geisterdorfs zu sein scheint und Isa, die die beiden auf der Müllkippe treffen und in die Maik – wie das mit 14 nun mal ist – sich gleich verliebt, ohne Tatjana weniger zu mögen. (Mittlerweile ist übrigens Herrndorfs unvollendeter Roman Bilder deiner großen Liebe, geschildert aus Sicht von Isa, erschienen).

Wie die Geschichte ausgeht, erfährt man ja bereits am Anfang. Natürlich geht der Road Trip nicht gut und am Ende landen Maik und Tschick vor dem Jugendgericht, wo sie sich zum ersten Mal seit Wochen sehen und ihre eigene, eigentlich nicht vorgesehene Lösung des Gefangenen-Dilemmas leben, die als einzige Voraussetzung tiefe Freundschaft und enge Verbundenheit fordert. Die Spieltheorie (und außerdem auch Maiks Vater) geht davon aus, dass zwei „Gefangene“, die keinen Kontakt miteinander haben und die Wahl haben, entweder zu schweigen oder den anderen zu verraten, am Ende immer beide den jeweils anderen verraten werden, da dies die rationalere Wahl ist (mehr zum Gefangenendilemma bei Wikipedia). Für Tschick und Maik ist die rationalere Wahl jedoch die, die den Freund schützt, und dass sie am Ende dafür belohnt werden, ist nur eine von vielen kleinen Hoffnungsbotschaften, die dieser wunderbare Roman verbreitet.

tschick zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass seine jugendlichen Hauptfiguren sich selbst ernst nehmen und von Autor und Lesern auch automatisch ernst genommen werden. Egal wie absurd es erscheint: Die unglaublichen Geschichten, die Tschick, Isa und am Ende auch Maik erzählen, sind erstaunlicherweise alle wahr.

Besonders toll in tschick sind die Dialoge, die witzig, rührend und bewundernswert zugleich sind und an denen man das Alter und die Ernsthaftigkeit der Protagonisten gut erkennt – wie der Dialog über die Existenz oder Nicht-Existenz einer Region namens Walachei, in der der Großvater von Tschick angeblich wohnt und der noch ungefähr eine Seite lang in ähnlicher Weise weitergeht.

„Du nervst, echt. Mein Großvater wohnt irgendwo am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heißt. Und da fahren wir morgen hin.“
Er war wieder ganz ernst geworden, und ich wurde auch ernst. „Ich kenn hundertfünfzig Länder der Welt mit Hauptstädten komplett“, sagte ich und nahm einen Schluck aus Tschicks Bierflasche. „Walachei gibt’s nicht.“
„Mein Großvater ist cool. Der hat zwei Zigaretten im Ohr. Und nur noch einen Zahn. Ich war da, als ich fünf war oder so.“
„Was bist du denn jetzt eigentlich? Russe? Oder Walacheier oder was?“
„Deutscher. Ich hab ’n Pass.“

Überhaupt sind es die beiden Figuren Maik und Tschick, die den Roman zu etwas besonderem machen: völlig unterschiedlich gleichen sie sich nur in ihrer Einsamkeit, und dass sie Freunde werden, liegt vor allem an der Zeit, die sie miteinander verbringen, dem Vertrauen, das sie sich gegenseitig schenken und einer Offenheit dem anderen gegenüber, die durch selbst erfahrene Ausgrenzung erzeugt ist. Dabei überraschen beide am Ende noch, denn letztlich ist es der deutlich großspurigere und auf den ersten Blick offenherzigere Tschick, der vor Maik lange Zeit ein Geheimnis bewahrt.

Die große Botschaft, die hinter dem Roman steckt, lautet „carpe diem“ – Nutze den Tag. Maik nimmt das für sich aus seiner Reise mit, nach deren Ende einiges besser, aber vieles auch beim Alten ist. Doch er hat gelernt, die guten Momente zu genießen, wenn sie auch nicht ewig dauern.

Wer nach der Lektüre und dieser tschick Zusammenfassung nicht genug bekommen hat, kann auf Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ oder in der gleichnamigen Veröffentlichung ein Outtake aus tschick lesen – eine Szene, die es dann doch nicht in die gedruckte Roman-Fassung geschafft hat. Zeitlich ist diese Szene schwer zu verorten: Maiks Verhalten deutet eher darauf hin, dass sie vor dem Lada-Klau stattgefunden hat, das zum Heulen schöne Gedicht am Ende enthält jedoch einige Hinweise auf die Reise, die Maik vorher so nicht anbringen konnte. Egal, wann diese Szene nun spielen soll, für mich gehört sie zu tschick dazu, weil in ihr viel von Maiks Melancholie und Einfühlungsvermögen zusammenfließen, und man kann sie gar nicht oft genug lesen. Hier geht’s zum Outtake von tschick.

Eine weitere tschick Zusammenfassung inkl. Analyse der Erzählstruktur findet ihr bei uns ebenso wie die Kritik zum tschick Film.

Infos zum Buch

tschick
Wolfgang Herrndorf
253 Seiten
Erstausgabe 2010

 

Eine tschick Lektüre-Hilfe und Klausur-Vorbereitung gibt’s hier:


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