Der Gesellschaftsroman stellt ein Bild der Gesellschaft und des Lebens in ihr dar. Während der historische Roman sich mit gesellschaftlichem Zusammenleben und sozialen Strukturen der Vergangenheit beschäftigt, ist der Gesellschaftsroman in der Gegenwart des Autors angesiedelt. In der englischen, französischen und russischen Literatur des 19. Jahrhunderts finden sich die ersten Beispiele für den Gesellschaftsroman; das Genre ist aber nach wie vor weit verbreitet und auch etliche Neuerscheinungen lassen sich dem Genre Gesellschaftsroman zuordnen.

Der Gesellschaftsroman ist auf Grund seines Ziels, gesellschaftliche Zustände kritisch zu betrachten sowie Widersprüche, soziale Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten aufzudecken, dem Realismus zuzuordnen. Oft wird in mehreren parallel zueinander laufenden Handlungssträngen die Abhängigkeit des Individuums von seiner Zeit, den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen und seiner Rolle darin gezeigt. Die psychologischen Vorgänge der Hauptfiguren spielen im Gesellschaftsroman eine besondere Rolle, da in ihnen die Stellung des Einzelnen zur Gesellschaft besonders deutlich wird.

Der typische Gesellschaftsroman handelt von Gegensätzen in der Gesellschaft und stellt das Aufeinanderprallen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen mit verschiedenen Rechten und Pflichten dar. So kann ein Thema im Gesellschaftsroman der Unterschied zwischen Bürgertum und Proletariat, zwischen Mann und Frau oder zwischen Stadt und Land sein. Die Ereignisse spielen immer vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, und häufig sind soziale Umbrüche ebenfalls Gegenstand der Erzählung.

In England hat vor allem Charles Dickens den Gesellschaftsroman geprägt; seine Romane lassen sich fast durchgängig diesem Genre (und dem oft nahe verwandten Entwicklungsroman) zuordnen. Auch viele russische Klassiker wie „Anna Karenina“ (Leo N. Tolstoi) und „Schuld und Sühne“ (Fjodor Dostojewski) schildern kritisch und in mehreren Handlungssträngen die Gegensätzlichkeit der Gesellschaft ihrer Zeit.

Ein besonders bekannter französischer Gesellschaftsroman ist Victor Hugos „Les Misérables“, das durch die Umsetzung als Musical und die aktuelle Verfilmung zusätzliche Bekanntheit erlangte.

Der deutschsprachige Gesellschaftsroman wurde unter anderem durch Thomas Mann („Die Buddenbrooks“) und Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) geprägt.

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