Die Argonauten (Maggie Nelson)

Literarische Verbindung persönlicher und gesellschaftlicher Themen

Die Argonauten (Maggie Nelson)

Die Argonauten (Maggie Nelson)

Kürzlich waren wir Kürbisse für Halloween kaufen. […] Wir bekamen kostenlose Mini-Kürbisse für unser süßes Baby. Dann: die Kreditkarte. Der Typ machte eine lange Pause, dann sagte er: „Das ist ihre Karte, richtig?“, und zeigte dabei auf mich. Mir tat er fast leid, weil er so verzweifelt versuchte, den Moment zu normalisieren. […] Wir blieben einfach eingefroren stehen, bis Harry sagte: „Es ist meine Karte.“ Lange Pause, Seitenblicke. […] „Es ist kompliziert“, sagte Harry schließlich in die Stille hinein. Schließlich sprach der Mann. „Nein, eigentlich ist es das gar nicht“, sagte er und gab Harry die Karte zurück. „Gar nicht kompliziert.“

Die Kreditkarte, um die es da geht, weist einen weiblichen Vornamen aus, und der Mensch, dem sie gehört, wurde als Mädchen geboren und sieht heute aus wie ein Mann, zumindest aber in einer Familie mit Autorin Maggie Nelson und zwei Söhnen. Dass es nicht immer einfach ist, das Leben so zu leben, wie sie es sich vorstellen – daran haben sie sich bereits gewöhnt. Doch in Kategorien pressen lassen möchten sie sich nicht. Und so schreibt Maggie Nelson tagebuchartig ihre Gedanken über ihr Privatleben nieder, dem sie nur den einen Stempel zugesteht: queer im Sinne von nicht heteronormativ.


 

Die Argonauten auf der Suche nach der Identität

Die sehr persönliche Geschichte ihrer kleinen Familie, die Nelson in Die Argonauten erzählt, beginnt zu dem Zeitpunkt, an dem sie mit Harry eine Beziehung eingeht und ein paar Wochen lang nicht weiß, mit welchem Pronomen sie in der dritten Person von ihm sprechen soll. Das Vermeiden der Benennung von Harry Geschlecht scheint wie ein Auslöser für das Thema des Buchs: Muss alles ein Etikett bekommen, damit wir es einordnen und akzeptieren können? Und inwiefern bestimmt der Blick des anderen, wer man selbst ist? Denn dieser „andere“ verzichtet in aller Regel nicht darauf, eine für sich leicht verständliche Schublade zu öffnen und uns hineinzustopfen. Und da stehen meist Dinge drauf, die man von außen sehen kann. Groß, klein, dick, dünn, hell, dunkel, alt, jung könnte auf dieser Schublade stehen. Ganz bestimmt aber ist erwähnt, welches Pronomen man in der dritten Person verwenden würde.

Auch der Titel des Buchs, das kein Roman ist, spielt auf diesen Benennungsdrang an: Die Argonauten der griechischen Mythologie sind nach ihrem Schiff, der Argo, benannt. Doch Iason, der sie anführt, benennt das Schiff in Poseidon um – und dennoch bleiben die Argonauten das, was sie mal waren, unabhängig vom Namen.

Neben der Geschichte von Harrys Brust-OP und Testosteron-Einnahme, die ihn äußerlich noch männlicher machen, und Maggies lange ersehnter Schwangerschaft bildet Die Argonauten vor allem einen Kommentar zu etlichen Autorinnen und Autoren, die zu den Themen im Buch schon vor Nelson etwas beigetragen haben. Meist sind dies Feminist*innen oder Künstler*innen wie Nelson und Dodge selbst, und ein Grund, warum man mit dem dünnen Buch doch relativ lange beschäftig ist, ist, dass es vor allem ein Ausgangspunkt für eine ganz eigene Recherche-Reise ins Internet und in Buchhandlungen ist.

Kann es nur das eine oder das andere geben?

In einem Interview mit dem Guardian, das wie der gesamte Literatur-Teil des Guardians sehr lesenswert ist, erzählt Maggie Nelson, dass Leser sie anschreiben, um ihr zu erklären, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Immer, wenn ich diesen Satz lese (der es in die Überschrift des Artikel gebracht hat), denke ich an Simone de Beauvoir und daran, dass es diesen E-Mail-Schreibern nicht allein darum geht, dass es nur, sondern dass es genau zwei Geschlechter gibt: eben das eine und das andere. Alles, was diese Dichotomie stört, bringt ein ganz gut eingespieltes Weltbild ins Wanken. Kein Wunder also, dass die meisten Bücher über sexuelle Identität von Feministinnen geschrieben wurden.

Es ist vielleicht wirklich nicht kompliziert, genau, wie der Kürbis-Verkäufer feststellt. Eigentlich ist es überhaupt nicht kompliziert, jedem selbst das Recht zuzugestehen, so zu leben wie er oder sie möchte – wozu in jedem Fall auch gehört, dass man sich nicht kategorisieren (lassen) will. Umso komplizierter ist es aber, darüber zu sprechen oder darüber zu schreiben. Die Kategorien, die man vermeiden möchte und in die man beim Benennen fast unweigerlich verfällt, zwingen einen dann doch fast immer, sich darauf festzulegen, etwas zu sein, statt einfach nur jemand.

Genau so wichtig ist es aber auch, darüber zu sprechen, und dies zeigt Maggie Nelsons Buch sehr deutlich. Denn während man es liest, nimmt man nicht einfach eine Geschichte oder Informationen ein, sondern man hinterfragt ganz automatisch mehr – auch sie, auch das Buch selbst -, weil man wieder einmal einsieht, dass sich nur durch ständiges Hinterfragen etwas ändern lässt.

Die Argonauten ist kein gewöhnliches Buch. Es hat keine Story und keinen Plot, und dennoch erzählt es eine ganz besondere, persönliche und intime Geschichte. Die Privatheit, die Nelson zulässt, macht es für jeden nachvollziehbar und nachempfindbar, warum die Einordnung von Menschen in Kategorien immer ein Problem und nie eine Lösung ist.

Infos zum Buch

Die Argonauten
(The Argonauts)
Maggie Nelson
192 Seiten
Erstausgabe 2017

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