Die Vegetarierin (Han Kang)

Polarisierendes Buch über ein Leben ohne Schuld

Die Vegetarierin

Die Vegetarierin – in vielen internationalen Varianten

Das Buch Die Vegetarierin der südkoreanischen Autorin Han Kang ist im Original bereits 2007 erschienen. Im Jahr 2016 wurde das Buch mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet und ist im selben Jahr noch in deutscher Sprache erschienen. Nicht zuletzt durch diese Auszeichnung hat „Die Vegetarierin“ Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Feuilletons gestürmt. Mehr gute als schlechte Besprechungen, trotzdem ein polarisierendes Buch.

Und ein paar Monate später hat Die Vegetarierin dann auch endlich den Weg in unseren kleinen Buchclub gefunden.


Kann man ein unschuldiges Leben führen?

Ein wenig voreingenommen geht man natürlich schon an die Lektüre, der Klappentext deutet ja schon an, dass es eine „kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, […]“ ist. Und natürlich stellt sich die Frage: Wie passt das Thema Vegetarismus da rein?

Ich war sehr neugierig und habe das Buch dann fasziniert, ein wenig irritiert, aber mit steigender Spannung gelesen. Recht trocken und emotionslos geschrieben, angesiedelt in einem Kulturkreis, der zumindest mir mit seinen Sitten und Gebräuchen fremd ist. Dass es nicht um Vegetarismus geht, wird sehr schnell deutlich. Es geht vielmehr um eine Frau namens Yong-Hye, die versucht, ihrem starren Leben zu entfliehen. Dies tut sie, indem sie sich von heute auf morgen wegen eines Traumes entschließt, Vegetarierin zu werden und sich nach und nach immer mehr danach sehnt, zu einer Pflanze zu werden. Denn als Pflanze braucht man nur Wasser und Licht. Dafür stellt sie sich gegen ihr komplettes soziales Umfeld und muss sich mit Unverständnis, Abwehr und Misshandlungen auseinandersetzen. Nacheinander erfahren wir die Geschichte von Yong-Hye aus der Sicht ihres Ehemanns, ihres Schwagers und ihrer Schwester. Jeder Teil für sich ist auf andere Weise faszinierend, abstoßend, traurig, fremdartig und denkwürdig. „Kafkaesk“ ist teilweise tatsächlich eine durchaus passende Beschreibung.

Das zentrale Thema des Buches ist „Gewalt“ in ihren verschiedenen Facetten – ob psychische Gewalt oder physische Gewalt, ob selbst erfahrene Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen oder auch selbst ausgeübte Gewalt.

Autorin Han Kang erzählt in Interviews, dass es folgende Fragen sind, die sie immer wieder beschäftigen und die sie in ihren Büchern behandelt: Kann man ein unschuldiges Leben führen? Gibt es menschliche Unschuld? Was muss geschehen, damit man ein völlig untadeliges Leben führen kann? Was passiert, wenn wir uns dafür entscheiden, niemandem weh zu tun?

Han Kang gibt in Die Vegetarierin jedoch keine Antworten auf diese sehr wichtigen Fragen, sie regt stattdessen zum Nachdenken an und lässt ihre Leser darüber diskutieren.
Wir haben lange über die verschiedenen Aspekte des Buches gesprochen, über einzelne Begebenheiten diskutiert, unsere Meinungen kundgetan und teilweise sogar geändert, Neues entdeckt und Fremdartiges verstanden.

Faszinierend war wieder einmal, und dies ist tatsächlich das Besondere an unserem kleinen Buchclub, wie man durch den Dialog mit den anderen beiden Leserinnen noch einmal einen ganz anderen Blick auf ein Buch erhält; Aspekte in den Vordergrund rücken, die man vielleicht überlesen hat; Dinge klar werden, die man anders eingestuft hat; sich Bedeutungen manifestieren oder erst offenbaren.

Dass es dabei natürlich immer ausreichend Speis und Trank gibt, ist selbstverständlich. Ein wunderbarer und bereichernder Abend. Wie jedes Mal.

Fazit zu Die Vegetarierin aus dem Buchclub:

Stefanies Fazit zum Buch:

Die Vegetarierin zeigt eindrücklich, wie schwierig Traditionen, soziale Rollen und daran geknüpfte Erwartungen es machen, ein vollkommen selbstbestimmtes Leben nach eigenen Entscheidungen zu führen. Die subtile Symbolik im Buch lässt beim Lesen beeindruckende Bilder entstehen, während die Sprache funktional und distanziert bleibt.

Yvonnes Fazit zum Buch:

Die traurige Botschaft aus Die Vegetarierin lautet für mich, dass es nur zwei Möglichkeiten im Leben gibt: Fressen oder gefressen werden, und das mit jeder Entscheidung, jeden Tag, jede Stunde aufs Neue. Die Hauptfigur entscheidet sich bewusst für die zweite Option und rückt damit für ihr Umfeld – aus dessen Sicht das Buch geschrieben ist – in unbegreifliche Ferne. Dass jemand die Ethik seines Handelns höher einschätzt als das eigene Leben, ist für Vater, Ehemann und Schwester nicht vorgesehen und damit nicht akzeptabel.

Mein Fazit zum Buch:

Mir wird Die Vegetarierin noch lange im Gedächtnis bleiben. Was als schnörkellose, etwas groteske Geschichte über eine Frau, die sich wegen eines Traumes dafür entscheidet, ein Leben als Vegetarierin zu führen und schließlich selbst zu einer Pflanze werden will, beginnt, entpuppt sich als Auslöser, über die vielen Formen aktiver und passiver Gewalt nachzudenken und zu diskutieren.

Definitiv eine gute Buchwahl, die wir da getroffen haben!

Infos zum Buch

Die Vegetarierin
(채식주의자 Ch’angbi)
Han Kang
119 Seiten
Erstausgabe 2007

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