Kirio (Anne Weber)

Schelmenroman über einen Helden, der keiner ist: 4.5 Stars

Cover Kirio

Cover Kirio

Die Welt von Kirio steht Kopf, und dafür sorgt er ganz allein. Schon als Schüler bevorzugt er den Gang auf Händen der unter Menschen üblichen Fortbewegungsmethode und eckt damit bei den meisten seiner Lehrer an. Bevor sie ihn von der Schule werfen können, ist er jedoch schon wieder verschwunden – ein Muster, das sich durch sein puzzlehaft erzähltes Leben zieht.

Kirios Geschichte wird etwa die Hälfte der Zeit erzählt von einem (einer?), der selbst nicht weiß, wer er ist. Die Frage nach der Identität dieses mysteriösen und allwissenden Erzählers (Ein Geist? Gott? Der Tod? Das Leben?) nimmt ähnlich viel Raum ein wie die Geschichte von Kirio, diesem uneingeschränkt freundlichen, freiheitsliebenden und kaum zu greifenden „Helden“, der seine Heldentaten im Verborgenen und wahrscheinlich unbewusst vollbringt.

Seine Arglosigkeit hatte Revolutionspotential, behaupte ich: wait and see.

Da der Erzähler sich in einer Art Identitätskrise befindet, lässt er Zeugen zu Wort kommen – seine Mutter, seinen Vermieter, sogar die Gebrüder Grimm – die von Kirio gestreift und beeinflusst wurden.

 

Kirio findet seinen Weg – oder sein Weg findet Kirio

Zitat Kirio

Diese ungewöhnliche und maximal zuversichtliche Hauptfigur lässt sich vom Leben treiben, tut, was nötig ist, um in der Welt zurechtzukommen, aber nicht viel darüber hinaus. Seine ersten Worte sagt der Junge, als er zur Musikschule gebracht wird und sich dort sein Instrument – die Flöte – aussucht. Ansonsten betrachtet Kirio seine Mitmenschen genau so nachsichtig wie ernsthaft und ändert allein durch seine Anwesenheit ihr Dasein.

Das Einzige, was Kirio nicht für bare Münze nahm, war die bare Münze selbst. Er verstand nicht, was es auf sich hatte mit dem Geld. Das heißt, er verstand schon, dass man es eintauschen konnte gegen verschiedene nützliche oder nutzlose Güter. Aber dass man es anhäufen und horten konnte, dass man damit nicht nur Güter erwerben, sondern auch über Menschenzeit und -leiber verfügen konnte, das ging über seinen Horizont hinaus, nein, es reichte nicht annähernd an seinen Horizont heran.

Auch wenn er nicht die Herzen aller Menschen gleichermaßen öffnet, so lässt er sie doch alle verändert zurück. Ohne Kirio scheint das Leben weniger schön, weniger freundlich, weniger lebenswert zu sein. Und das, obwohl der junge Mann nicht viel anderes macht, als einfach nur da zu sein.

Winter blickt kurz zu Boden, wie um sich die Augen im kurzgeschorenen Gras zu waschen.

Kirio ist eine leichte und zugleich tiefe Geschichte über die Verbindung zwischen Menschen, über das Gute an sich und darüber, dass allein gute Intention schon etwas zum Besseren wenden kann. Dabei schwankt die Erzählung zwischen Märchen und Schelmenroman, springt zwischen Zeiten und Erzählern so leichtfüßig hin und her wie die titelgebende Hauptfigur.

Dieser Roman, der sich zu großen Teilen auch um sich selbst dreht, lässt einen in einer ähnlichen Stimmung zurück, wie Kirio selbst: offen, positiv und gewillt, der Welt nur das Beste abzugewinnen – und zurückzugeben. Damit löst er das im Leser aus, was seine Hauptfigur mit ihren Mitmenschen anstellt.

Kirio ist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert.

Infos zum Buch

Kirio
Anne Weber
224 Seiten
Erstausgabe 2017

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