Die vollständige Maus (Art Spiegelman)

Aufwühlende Graphic Novel über den Holocaustüberlebenden Wladek Spiegelman: 5.0 Stars

Cover Die komplette Maus

Cover von Die komplette Maus

Die Graphic Novel Maus ist die Geschichte eines Holocaustüberlebenden. Art Spiegelman erzählt hier die Geschichte seines Vaters Wladek Spiegelman (1906–1982), der die Shoa überlebt hat. Aber nicht nur sein Vater, auch seine Mutter Anja war eine Überlebende. Spiegelman bettet die Überlebensgeschichte seiner Eltern in eine Rahmenhandlung ein, in der er selbst seinen Vater immer wieder dazu auffordert, seine Geschichte zu erzählen. Sein Vater ist mittlerweile ein alter, herzkranker Mann, der recht anstrengend ist und nicht nur einmal die Geduld seines Sohnes herausfordert. Seine Mutter lebt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, sie hat Jahre zuvor Selbstmord begangen.

Den Schrecken mit Mäusen und Katzen sichtbar machen

Das Besondere an Maus ist sicherlich nicht nur die schwarzweiße, sehr gradlinige Darstellung. Ins Auge springt vielmehr die Zeichnung der Charaktere: Spiegelman stellt die Personen nicht als Menschen dar, er lässt sie als Tiere agieren. Juden sind Mäuse, Deutsche sind Katzen, Polen sind Schweine, US-Amerikaner sind Hunde, Schweden sind Rentiere und Briten sind Fische.

Sicherlich ein ungewöhnlicher und faszinierender Kniff, die Menschen in dieser Biografie zu Tieren zu machen. Vielleicht sind die Geschehnisse in Maus dadurch etwas leichter zu ertragen, da beim Lesen ein wenig Abstand zum dargestellten Grauen gelingen kann.



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Die Erlebnisse des Vaters im Holocaust

Art Spiegelman geht sehr offensiv mit seinem Wunsch um, ein Buch über die Erlebnisse seines Vaters zu schreiben. So nimmt er die Gespräche mit ihm auf Tonband auf und hakt über Monate hinweg immer wieder nach, was dieser erlebt hat. Gleichzeitig erfährt man, wie es mittlerweile um Wladek bestellt ist: Er ist herzkrank, nimmt sehr viele Tabletten und hat hin und wieder einen Schwächeanfall. Außerdem schildert Spiegelman recht ungeschönt, welche Eigenarten sein Vater entwickelt hat und wie es um seine zweite Ehe steht.

Zwischen diesen Episoden erfahren wir Leser, was Wladek als junger Mann in der Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat. Wie er sich in Arts Mutter verliebt hat, wie er es zu Wohlstand gebracht hat – und dann Diskriminierung, Ausgrenzung, Antisemitismus. Ein Mann, der durch Enteignung alles verliert, aber niemals die Hoffnung aufgibt.

Verstecke, der Kampf ums Überleben, schließlich die Deportation nach Auschwitz. Der Versuch, die Lager zu überleben, unvorstellbarer Hunger, Zwangsarbeit, der Verlust seiner Familie, Transporte und Fußmärsche. Die Bewachung durch Nazis, die zum Spaß Juden erschießen. Die völlige Hilflosigkeit, Kraftlosigkeit. Er sieht zu, wie viele um ihn herum aufgeben und sterben. Manchmal ist der Erzählstil fast schon sachlich, wenn er über die Grauen berichtet, die er erlebt und gesehen hat. Informationen für seinen Sohn, aber Wladek erzählt ihm auch von vielen Dingen, die er nicht verstanden hat, die ihn wütend gemacht oder enttäuscht haben. Dass zum Beispiel auch Verrat durch Juden drohte, die zu Bewachern wurden. Dass der einzelne Mensch als Individuum nichts mehr zählte. Dass ein Stück Brot für sich selbst mehr wert war, als das Leben eines anderen.

Umso beeindruckender ist es, dass Wladek stets aufrichtig und loyal geblieben ist, seine Freunde nicht vergessen hat. Ob dies durch die subjektive Erzählung des Erlebten beschönigt wurde oder wirklich so war, spielt keine Rolle.

Er berichtet vom Ende des Krieges und der offiziellen Verfolgung, von den Monaten danach und wie er seine Frau Anja endlich wieder gefunden hat. Und schließlich von der Emigration nach Amerika, in ein neues Leben.

Maus ist eine Überlebensgeschichte – beispielhaft für das Schicksal so vieler

Alles andere als leichte Kost also, diese Überlebensgeschichte von Wladek Spiegelman. Berührend, bewegend, und allzu häufig muss man schlucken, wieder einmal erkennen und sich daran erinnern, was zur Zeit des Nationalsozialismus für unfassbares Unrecht an so vielen Menschen begangen wurde. Ich habe ziemlich lang für die Lektüre gebraucht – einfach weil diese Überlebensgeschichte, die beispielhaft für das Schicksal so vieler ist, nicht so leicht zu verdauen ist. Sie liegt oft wie ein schwerer Stein im Magen, wirkt immer noch nach und wird dies wohl auch immer tun.

Systematisch sind Juden verfolgt und vernichtet worden, was sie an Leid, Hunger und Gewalt erlebt haben, ist schwer zu akzeptieren. Was Menschen anderen Menschen antun können – es lässt mich sprachlos zurück. Niemals darf vergessen werden, und genau deshalb ist Art Spiegelmans Werk so wichtig. Beeindruckt hat mich außerdem, wie Art Spiegelman sich selbst in seinem Werk zeichnet. Oft reagiert er äußerst ungeduldig auf seinen Vater, kann viele Eigenarten nicht verstehen – der Generationskonflikt ist deutlich zu spüren.

So verurteilt er dessen sparsame Lebensweise als Geiz und ist der Meinung, dass man gewisse Dinge neu kaufen sollte, für Arbeiten am Haus durchaus einen Handwerker bestellen kann und sich auch einmal etwas gönnen muss. Denn Wladek ist kein armer Mann. Er hat es geschafft, nach all dem Erlebten wieder Wohlstand zu erlangen. Er ist allerdings ein sparsamer Mann. Für den Leser wohl eher zu akzeptieren als für den eigenen Sohn, denn diese gewitzte Art, dieses Feilschen und Handeln, die Umsicht und Weitsicht war genau das, was ihm – nicht nur einmal – das Leben gerettet hat. Und dies sitzt nun einmal in ihm drin und lässt sich nicht so einfach abstellen. Es wirkt fast so, als würde Wladek sich bereithalten, falls es wieder losgeht mit Diskriminierung und Verfolgung. Vielleicht ist es aber auch das Einzige, auf das er noch vertrauen kann: auf seine eigene Gewitztheit und Stärke. Bei seinem Sohn und seiner zweiten Frau verursacht er dadurch allerdings eher Streit und Abwehr.

Traumatisierende Ereignisse in Comic-Form

Den Holocaust haben Wladek und seine erste Frau Anja überlebt, aber Anja hat 1968 Selbstmord begangen, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Auch darüber hat Art Spiegelman einen Comic veröffentlicht – wohl seine Art, traumatisierende Ereignisse zu verarbeiten. Gefangener auf dem Höllenplaneten, so der Titel dieses Comics, hat seinen Vater sehr schockiert, und doch hat er zugestimmt, dass seine eigenen Erlebnisse nun auch als Comic veröffentlicht werden.

Die Arbeit an Maus scheint Art Spiegelman mitunter an seine Grenzen zu führen:

Ich fühle mich dem Versuch nicht gewachsen, eine Wirklichkeit zu rekonstruieren, die schlimmer war als meine schwärzesten Träume.

Dies gibt Art Spiegelman in Maus zu und überlegt sogar, das ganze Projekt zu vergessen. Aber seine Freundin und spätere Frau Francoise rät ihm, nur ehrlich zu bleiben – und das bleibt er wohl. Er stellt sich eben nicht als lieben, verständnisvollen Sohn dar, oft ist er unsympathisch und als Leser kann man nur den Kopf über ihn schütteln sowie auf mehr Toleranz und Geduld gegenüber seinem Vater hoffen, der ihn sehr liebt und ihn gern um sich hat.

Und wieder einmal stellt sich dem Leser die Frage, wie es nur so weit kommen konnte. Wladek erzählt, dass man durchaus gewusst hat, was in Auschwitz geschehen ist. Warum haben dann damals so viele weggesehen?

Ein Massenmord, der nie vergessen werden darf

Wahrscheinlich wird man nie begreifen können, wie es zu diesem furchtbaren systematischen Massenmord gekommen ist. Warum sechs Millionen Menschen ermordet werden konnten. Umso wichtiger, dass dies niemals vergessen wird.

Wladek Spiegelman war in der Lage, vorausschauend zu handeln und er war erfinderisch. Dies und eine gehörige Portion Glück haben ihm das Leben gerettet, so dass er als einer der Wenigen aus seiner Familie den Holocaust überlebt hat und seine Geschichte weitergeben konnte. Was er erlebt hat, steht exemplarisch für das Schicksal so vieler und wird nicht zuletzt durch seinen Sohn unvergessen bleiben.

Mein Fazit zu Die vollständige Maus

Wie nicht anders zu erwarten lässt einen die Graphic Novel Die vollständige Maus aufgewühlt, deprimiert, traurig, fassungslos und mit so vielen Fragen zurück. Und völlig zu Recht ist sie eines der wichtigsten Werke in diesem Genre, sollte aber genauso Pflichtlektüre für alle sein, die etwas über den Holocaust erfahren wollen.

Hintergründe zu Maus und Art Spiegelman

Art Spiegelman (geboren 1948) hat bereits als Kind Comics gelesen und angefangen, selbst Comics zu zeichnen. Die Faszination für dieses Medium hat er als Erwachsener zu seinem Beruf gemacht.

Seine Graphic Novel Maus. Die Geschichte eines Überlebenden (Teil 1: Mein Vater kotzt Geschichte aus und Teil 2: Und hier begann mein Unglück) hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, 1992 erhielt Spiegelman sogar den Pulitzer-Preis dafür. Ungewöhnlich, dass ein Comic mit diesem begehrten und geachteten Preis ausgezeichnet wurde.

Teil 1 ist im Original bereits 1973 erschienen, Teil 2 im Jahr 1986. In deutscher Sprache ist Maus seit 1989 und 1991 in Deutschland erhältlich. Seit 2008 gibt es beide Teile in einem Band als Die komplette Maus im Fischer Verlag.

Infos zum Buch

Die vollständige Maus
(The Complete Mouse)
Art Spiegelman
Fischer Verlag
300 Seiten
Erstausgabe als Gesamtband 2008

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