Mikel – Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste (Judith Vanistendael, Mark Bellido)

Außergewöhnlicher Comic-Thriller mit irreführendem Titel: 3.5 Stars

Mit Mikel gesellt sich Mark Bellido zu den vielen modernen Autoren, die ihren Büchern vornehmlich Titel mit langen Relativsätzen geben (s. „Der Hundertjährige, …“). Warum macht man das? Ich denke, weil solche Titel ganz konkrete Bilder von ganz konkreten Figuren malen – und Bilder machen bekanntlich Lust auf mehr. Zum anderen können diese Titel aber auch zwei- oder mehrdeutig wirken, was die Neugier weckt.

Bei mir hat das im Fall Mikel funktioniert. Ich wollte wissen, was es mit dem Bonbonverkäufer, der sich im Regen auflöst, auf sich hat, und las die neue Reprodukt-Graphic Novel. Und prompt hat mich die Geschichte überrascht, denn sie hat mit dem Titel nur wenig zu tun. Mikel (eigentlich „Miquel“) ist zwar Bonbonverkäufer, aber in erster Linie Familienvater und verkappter Schriftsteller, der sich nach einer einzigen Veröffentlichung vor Jahren nicht mehr ans Schreiben wagt. Kein Wunder, sein gemächliches Leben im schönen Südspanien gibt nicht viel Stoff her für eine aufregende Geschichte. Zufrieden kann er zwar sein, hat er doch eine glückliche Ehe, zwei aufgeweckte Kinder und den süßen Job als fahrender Bonbonhändler. Aber Spannung? Adrenalin? Action? Daran fehlt es in Mikels Leben. Er aber ist überzeugt davon, dass man genau diese Dinge erleben muss, um daraus Literatur zu machen.



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Vom andalusischen Bonbonverkäufer zum Bodyguard im Baskenland

Am anderen Ende des Landes, in Nordspanien, toben derzeit die Unruhen zwischen ETA und Regierung. Die Terrororganisation will die Unabhängigkeit des Baskenlandes mit allen Mitteln erzwingen, die Regierung sucht dies zu verhindern. Die Menschen, vor allem baskische Regierungsmitglieder, müssen tagtäglich um ihr Leben fürchten.

Um die Gefahr einzugrenzen, setzt die Regierung auf Personenschutz: Bodyguards, oft mit unzureichender Ausbildung, die den mittelhohen bis hohen Tieren des Staatsapparates 24 Stunden am Tag auf Schritt und Tritt folgen.

Wie es der Zufall will, spitzt sich die Lage zu und man braucht dringend neue Personenschützer. Die Regierung startet einen Aufruf an die Bevölkerung. Mikel ist Feuer und Flamme. Ein Leben als Personenschützer, mit einer Waffe am Gürtel, umzingelt von Terroristen und ständig bereit, sein Leben für das eines anderen zu lassen – wenn das nicht der beste Stoff für einen Roman ist!

Seine Frau ist von der Idee jedoch wenig begeistert, nicht nur, weil der Job lebensgefährlich ist, sondern weil Mikel obendrein Pazifist ist, eine Waffe noch nie angerührt hat, selbst den Kindern Kriegsspiele im Haus verbietet. Für einen echten Schriftsteller hält sie ihn auch nicht – wozu also das Ganze? Doch Mikel setzt sich durch und die Familie zieht letztlich ins Baskenland.

Traumjob wird Albtraum

Mikel wird zum „Txakurra“, zum „Wachhund“ für einen Politiker, den er gemeinsam mit seiner Kollegin Rosa beschützt. Anfangs ein Action-Spiel entwickelt sich der Job schnell in jeder Hinsicht zum Albtraum: Mikel hat keine Freizeit mehr und muss zu jeder Tageszeit in jeder Minute für seinen sauflustigen Schützling da sein. Seine Kinder bekommt er kaum noch zu Gesicht, von seiner Frau entfremdet er sich und es kommt der Tag, an dem sie ihn verlässt.

Mikel wird immer unglücklicher, kann aber nicht mehr aus seinem Wachhund-Leben aussteigen. Die Gewalt spitzt sich zu, Mikel erlebt ein erstes Todesopfer und erhält eines Tages sogar selbst Morddrohungen.

Erschrocken stellt er fest, dass er selbst durch den Job mehr und mehr zum Monster geworden ist, obwohl er doch eigentlich nur eins sein wollte: ein richtiger Schriftsteller.

Wahre Begebenheiten

Mikel  – Die Geschichte eines bonbnverkäufers, der sich im regen auflöste ist eine ungewöhnliche Graphic Novel mit einem ganz eigenen, etwas ungleichmäßigen Rhythmus, der es mir stellenweise schwergemacht hat, in die Geschichte einzutauchen. Einige dramaturgische Schwachstellen werden aber durch die wirklich originelle Geschichte von Mark Bellido und die stimmungsvollen Zeichnungen von Judith Vanistendael wettgemacht. Vanistendael ist eigentlich bekannt für ihre Kinderbuchillustrationen und das merkt man auch in Mikel. Sie setzt auf farbenfrohe und klare Zeichnungen anstelle einer bei dem Thema durchaus zu erwartenden düsteren Noir-Ästhetik. Die Geschichte beruht übrigens auf den eigenen Erfahrungen von Mark Bellido, der vier Jahre lang als Leibwächter für baskische Politiker gearbeitet hat. In Mikel arbeitet er seine Erinnerungen auf und gibt Einblick in einen nicht allzu bekannten Teil der neueren spanischen Geschichte. Zu Hochzeiten der ETA gab es rund 3.000 „Txakurras“ im Land, die aus allen möglichen Bevölkerungsschichten stammten und meistens weder eine fundierte Ausbildung noch moderne Waffen besaßen. Trotzdem – so heißt es nicht ohne Stolz im Vorwort zu Mikel – haben die Txakurras es geschafft, dass nicht ein einziger ihrer Schützlinge der ETA zum Opfer fiel.

Infos zum Buch

Mikel – Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste
Judith Vanistendael, Mark Bellido
Reprodukt
368 Seiten
Erste Auflage: 2016

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