Piano Oriental (Zeina Abirached)

Autobiographisch gefärbter Comic über Beirut in den 60ern und ein ganz besonderes Instrument: 3.0 Stars

Das Piano Oriental hatte eine kurze Lebensdauer. Es wurde in Beirut erfunden, nur ein einziges Mal gebaut und geriet dann mit seinem Erfinder Abdallah Chahine in Vergessenheit. Dies ist die Geschichte dieses Mannes.

Erzählt wird sie aus der Sicht seiner Enkelin. Zeina Abirached verbindet dabei die Geschichte des Klavierstimmers Chahine mit der ihres eigenen Großvaters und zaubert daraus die Figur des Abdallah Kamanja. Kamanja lebt im Beirut der 50er Jahre als Klavierstimmer und Pianist. Er lebt ein glückliches Leben mit seiner Frau und kleinen Tochter und genießt das aufregende Flair in Beiruts Blütezeit, das von französischem Einfluss und arabischer Geschichte geprägt ist. Diese beiden Kulturen will Kamanja auch in der Musik verbinden. Er träumt von einem Klavier, das sowohl die klassische Musik des Westens als auch orientalische Melodien spielen kann. Dafür bräuchte es den arabischen Viertelton, den das klassische Piano nicht hergibt.



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Die Erfindung des Piano Oriental

Kamanja macht es sich zur Aufgabe, dies zu ändern. Er tüftelt und probiert und findet einen Weg, den Viertelton per Dämpferpedal am Klavier herzustellen. Das Piano Oriental ist geboren. Mit diesem im Gepäck und seinem Freund Victor, einem Damenwäschehändler mit Abenteurergeist, reist er nach Wien, um seine Erfindung den renommierten Klavierbauern Hofmann & Hofmann vorzustellen. Dort ist man begeistert vom Piano Oriental und verspricht, das Klavier in großer Stückzahl herzustellen, wenn Kamanja es schafft, 100 Bestellungen zusammenzubekommen.

Beflügelt fahren Victor und er nach Hause nach Beirut, um Werbung für das Instrument zu machen. Das Interesse ist groß: Alle wollen das Piano Oriental sehen und hören, der Besucherandrang in Kamanjas Haus will kein Ende nehmen. Doch auf Bestellungen wartet Kamanja vergeblich. Die Zeit vergeht – und mit ihr die Erinnerung an das Piano Oriental. Das einzige Exemplar, das je gebaut wurde, steht noch heute in Beirut.

„Ich bin meine Sprache.“

In Piano Oriental geht es um mehr als um die Erfindung eines Instrumentes. Es geht um das Beirut der 50er/60er Jahre, um eine Kultur, die zwischen Französisch und Arabisch balanciert, und um den Einfluss der Sprache(n) auf die eigene Identität. Nebenbei erzählt Zeina Abirached auch ihre eigene Geschichte, wie sie schon als Kind die französische Sprache besser beherrschte als die arabische, wie sie später nach Frankreich ging, um dort das genaue Gegenteil zu erleben, nämlich wie sich einige Dinge nur auf Arabisch sagen ließen und im Französischen komisch bis unmöglich waren. Die Sprache als identitätsstiftendes Element ist also das eigentliche Thema des Buches, was auch schon das vorangestellte Zitat von Mahmud Darwisch klarmacht:

„Wer bin ich? Das ist die Frage, die andere stellen. Ich bin meine Sprache.“

Abichared erzählt dabei von den Bereicherungen und Herausforderungen, die es mit sich bringt, in zwei Kulturen aufzuwachsen und daraus seine ganz eigene Identität zu entwickeln – genau wie ihre Heimatstadt Beirut dies als arabisch-französischer Meltingpot in den 50er Jahren tat und genau wie es Abdallah Kamanja in der Musik tut, indem er aus westlichen und orientalischen Klängen etwas Einzigartiges, Neues erschafft: nämlich das Piano Oriental.

Fazit: Liebevoll gestalteter persönlicher Comic

Piano Oriental ist ein liebevoll gestalteter Comic, der sehr viel Persönliches beinhaltet. Leider plätschert er stellenweise etwas unaufgeregt vor sich hin. Ein bisschen mehr erzählerischer Wagemut hätte zu mehr Spannung und bestimmt zu einem größeren Lesevergnügen beigetragen. Trotzdem: Insgesamt interessant und für Klavier-Fans ein kleines Juwel – nicht nur wegen der überall präsenten Schwarz-Weiß-Tastenoptik.

Infos zum Buch

Piano Oriental
Zeina Abirached
avant-verlag
212 Seiten
Erste Auflage 2016

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