Der wahre Sohn (Olaf Kühl)

U1_Olaf Kühl_Der wahre Sohn.inddEinen ungewöhnlichen Job hat der 38-jährige Konrad Krynitzki: Er sucht für eine große Versicherung gestohlene Autos im Ausland, um sie anschließend wieder nach Deutschland zurückzubringen. Dass Konrad das Suchen zu seinem Beruf gemacht hat, passt zu der Tatsache, dass er auch privat auf der Suche ist, allerdings ohne sich dessen bewusst zu sein. Schon früh wurde Konrad von seiner Mutter verlassen, und auch sein Vater konnte ihm keinen Halt durch Zuneigung bieten. Onkel Wolfgang, der Bruder von Konrads Mutter, hat ihm erst kürzlich ein paar Dinge enthüllt, die Konrad am liebsten schnell wieder vergessen würde. Und auch die Beziehung, die Konrad immer mal wieder mit einer Frau in Berlin führt, wirft für ihn mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Initialzündung: Der wahre Sohn begibt sich auf die Suche

Konrads Arbeitgeber hat für ihn einen neuen Auftrag: Er soll in Kiew nach einem gestohlenen Luxuswagen suchen, einem Mercedes 500 SE. Konrad nimmt diesen Auftrag nur allzu gern an und flieht bereits am Anfang des Romans förmlich im Morgengrauen aus der Wohnung seiner Freundin. Mit dem eigenen Auto macht er sich auf in Richtung Kiew und während er sich Kilometer um Kilometer von seinem Leben in Deutschland entfernt, gerät er mehr und mehr ins Grübeln über sich und seine Vergangenheit.

Einen ersten Anhaltspunkt für seinen eigentlichen Auftrag hat Konrad von seinem Arbeitgeber bekommen. So macht er sich in Kiew angekommen auf, um die über 80-jährige Svetlana genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie ist die Frau des Mannes, auf dessen Namen der gestohlene Wagen in Kiew gemeldet ist, doch sie behauptet, ihr Mann sei tot und sie wisse nichts von einem Mercedes.


Da es zu Konrads Recherche-Methoden gehört, sich sehr genau mit den Menschen zu beschäftigen, die sich im Dunstkreis des gestohlenen Objekts befinden, und diese anschließend in Konstellationen auf Papier festzuhalten, weicht er nicht von Svetlanas Seite. Die schlaue und belesene Ukrainerin mit einem Faible für Deutsche lässt sich von Konrad zwar nur schwer Informationen entlocken, findet aber Gefallen am Interesse Konrads. Dieser lernt schließlich Svetlanas Adoptivsohn Arkadij kennen, der in einer psychatrischen Klinik lebt und nur ein Ziel hat: sein früheres Kindermädchen Olha ausfindig zu machen. Konrad wird tiefer und tiefer in die Geheimnisse und Bedürfnisse dieser Familie hineingezogen und lernt dabei einiges über seine eigene Familie und sich selbst. Und irgendwie hängt auch alles, was Konrad während seiner mittlerweile unzähligen Tage in Kiew herausfindet, mit dem Mercedes 500 SE zusammen. Konrad weiß nur noch nicht genau, auf welche Weise. Während er die Puzzle-Teilchen mühsam zusammensetzt, merkt Konrad nicht, dass er selbst schon unter Beobachtung steht.

Das Besondere an “Der wahre Sohn”

Ganz ehrlich: Als ich auf Olaf Kühls Blind Date-Lesung in Siegburg (Veranstaltung im Rahmen des Deutschen Buchpreises 2013) war und hörte, dass es in “Der wahre Sohn” um jemanden geht, der in Kiew ein gestohlenes Auto sucht, dachte ich: “Wie langweilig!”Aber Olaf Kühl versteht es, aus seinem Stoff einen Krimi zu schmieden, in dem er den Protagonisten und somit den Leser Stück für Stück Rätsel lösen lässt. Ich fand dieses langsame Enthüllen der Informationen sehr spannend und hatte Mühe, das Buch zwischendurch mal zuzuklappen, da ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.

Was den Roman aber abgesehen davon so besonders macht, sind die psychologischen Einblicke, die man in die Roman-Figuren erhält. Sei es über Svetlana, deren Verhalten Konrad immer wieder analysiert, oder sei es ihr Adoptivsohn Arkadij, über dessen Psyche man sehr viel durch psychiatrische Gesprächsprotokolle oder auch direkte Gespräche mit (ehemaligen) ihn behandelnden Ärzten erfährt. Oder sei es über Konrad selbst, der sich regelmäßig selbst hinter- und befragt, an dessen Gedankenstrom man als Leser direkt beteiligt ist und über dessen Handlungen man ebenfalls viel über ihn erfährt. Olaf Kühl zeigt in “Der wahre Sohn” auf intensive Weise, wie die familiäre Vergangenheit einen Menschen prägt und wie schwierig es ist, aus den so entstandenen Mustern auszubrechen.

Zuletzt möchte ich noch die Sprache des Romans hervorheben. Olaf Kühl benutzt ganz neue, bildreiche Vergleiche, zu denen man beim Lesen nicht nur sofort ein Bild vor Augen hat, sondern auch direkt das passende Gefühl empfindet. Rein sprachlich gesehen ist “Der wahre Sohn” das beste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe.

Fazit

“Der wahre Sohn” stand in diesem Jahr absolut verdient auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2013, hat es jedoch leider nicht auf die Short List geschafft. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der spannende Bücher mag, sich darüber hinaus aber auch für Familiengeschichten, Psychologie und historische Ereignisse interessiert, denn ganz nebenbei ist der Roman durchzogen von der Geschichte Kiews bzw. der Ukraine. Mein persönliches Fazit: unbedingt lesen!

Infos zum Buch

Der wahre Sohn
Olaf Kühl
480 Seiten
Erstausgabe 2013


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