Die Geschichte von Zeb (Margaret Atwood)

Atmosphärisch dichte Zukunftsvision, spannend und erstklassig geschrieben:

Cover "Die Geschichte von Zeb"

Cover „Die Geschichte von Zeb“

Die wasserlose Flut hat fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Nur einige wenige Menschen haben sich so verschanzt, dass sie die alles verschlingende Seuche überlebt haben. Die Gruppe, der Toby und ihr Geliebter Zeb angehören, nennt sich die MaddAddamiten. Die Gemeinschaft haust unter einfachsten Bedingungen in selbstgebauten Lehmhütten ohne sanitäre Anlagen. Als Kleidungsstücke dienen Laken, Nahrungsmittel werden selbst angebaut, auf Streifzügen durch verlassene Supermärkte und Wohnungen gesammelt oder gejagt. Die meisten Tiere – ob nun wild oder als Nutztiere lebend – sind das Resultat genetischer Kreuzungen. So ist es zwar möglich, Schweine zu erlegen, doch gleichzeitig sehr gefährlich: Die sogenannten Organ-Schweine wurden ursprünglich als Ersatz-Organ-Lieferanten für Menschen gezüchtet. Ausgestattet mit menschlichem Hirngewebe verfügen sie über hohe Intelligenz und die Fähigkeit zu strategischem Denken und Kommunikation. Wer ein Schwein erlegen will, muss sich vor den angriffslustigen Kreaturen und ihren geschickten Manövern in Acht nehmen. Und als wäre das ungeschützte Leben in der Natur nicht schon herausfordernd genug für die MaddAmiten, fürchten sie auch noch die Rache von zwei Männern.



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Pain-Baller: auf der Suche nach Mord- und Vergewaltigungs-Opfern

Leider haben auch noch ein paar Männer überlebt, die sich nicht der Gemeinschaft anschließen wollen: Zwei Ex-Sträflinge und sogenannte Painballer, die schon mehrfach die tödlichen Spiele in der Painball-Arena überlebt haben. Aus diesen Spielen, die zum Zeitvertreib der Bevölkerung vor der Pandemie im Fernsehen übertragen wurden (und die entfernt an die Spiele aus den „Tribute von Panem“-Verfilmungen Teil 1 und 2 erinnern), ging nur derjenige als Sieger hervor, der sämtliche Mitstreiter tötete – meist auf besonders brutale Art und Weise. Die beiden Painballer, die sich nun in der Nähe des MaddAddamiten-Lagers aufhalten, kennen Toby und einige Mitglieder der Gemeinschaft bereits: Die junge Amanda war von den beiden Gewalttätigen verschleppt, vergewaltigt und grausam misshandelt worden. Toby war es zwar gelungen, die beiden Männer gefangen zu nehmen und Amanda zu befreien, doch waren die Painballer anschließend wieder entkommen und sinnen nun auf Rache.

Craker: biotechnisch erzeugter Gegenentwurf zum Menschen

Eine weitere Gruppe von Lebewesen, welche die MaddAddamiten vor den Painballern beschützen müssen, sind die Craker. Sie wurden von einem Biowissenschaftler namens Crake im Labor entwickelt und sind dazu gedacht, die Welt nach der Pandemie neu zu bevölkern – frei von allem, das zum Elend der Menschheit und damit zum Weltuntergang geführt hat. Craker brauchen weder Kleidung noch tierische Proteine, kennen keine Gier, Eifersucht oder Gewalt. Sie leben nicht in monogamen Paaren, sondern als Gemeinschaft, und paaren sich miteinander immer dann, wenn sich bestimmte Teile ihres Körpers blau färben. Da sie in ihrer pazifistischen Art nicht in der Lage sind, sich gegen zwei gewalttätige Männer zu wehren, haben die MaddAddamiten sie bei sich aufgenommen, um sie ebenfalls zu beschützen.

Margaret Atwood (© Jean Malek)

Autorin Margaret Atwood (© Jean Malek)

Die Geschichte von Zeb – letzter Teil einer Trilogie

„Die Geschichte von Zeb“ folgt als letzter Trilogie-Teil den Romanen „Oryx und Crake“ (2003) und „Das Jahr der Flut“ (2009). Wie „Die Geschichte von Zeb“ sind auch die anderen beiden Trilogie-Teile Post-Apokalypsen, beschäftigen sich jedoch intensiv mit den Ereignissen, die zum Untergang der Menschheit geführt haben. Jeder der Romane zeigt die Sicht verschiedener Gruppen. „Oryx und Crake“ spielt hauptsächlich innerhalb der Institutionen der alles regierenden Konzerne. In „Das Jahr der Flut“ beschreibt Margaret Atwood das Leben im Plebsland außerhalb der Konzern-Komplexe. „Die Geschichte von Zeb“ führt schließlich die Fäden zusammengeführt und erläutert, wie die Gemeinschaft, in der Toby mit Zeb nun lebt, zusammen gefunden hat. Einen Großteil der Handlung macht dabei die persönliche Geschichte von Zeb aus, der seiner Freundin Toby erzählt, unter welch grausamen Umständen er und sein Bruder Adam mit einem sadistischen Vater (von Beruf Sektenführer) aufwuchsen, wie sie flohen und welche Rolle sie im bioterroristischen Kampf gegen die Konzerne spielten.

Das Besondere: Ideen, Atmosphäre und Erzählstimmen

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat Ideen von unserer Zukunft, die nicht nur in höchstem Maße erschreckend sondern auch bis ins letzte Detail von ihr durchdacht sind. Wie in den meisten Dystopien entstammen viele dieser Ideen unserem heutigen Leben. Als große Visionärin spinnt Atwood alles weiter, was uns aktuell zwar Sorge bereitet, jedoch für die meisten keinen Anlass zum Handeln bietet: Sei es Gentechnik, Macht der Konzerne, Korruption, Überwachung, akzeptierte bzw. legitimierte Gewalt oder fortschreitende menschliche Abstumpfung. Atwood gelingt es dabei, die Zustände so bildlich und lebensecht zu beschreiben, dass der Leser immer tiefer in die Atmosphäre des Romans hineingezogen wird – ein Freistrampeln ist dabei kaum möglich. Auch die Figuren sind so angelegt, dass man sie nicht nur ständig vor Augen, sondern auch im Ohr hat. Atwood schreibt nämlich in „Die Geschichte von Zeb“ in unterschiedlichen und perfekt ausgearbeiteten Erzählstimmen, die einmal mehr zur Glaubwürdigkeit von Figuren und Story beitragen.

Mein Fazit zu „Die Geschichte von Zeb“

Nachdem ich nun länger nichts von Margaret Atwood gelesen habe (zuletzt das erwähnte „Das Jahr der Flut“), hat mich „Die Geschichte von Zeb“ wieder daran erinnert, warum Margaret Atwood zu meinen Lieblings-Schriftstellerinnen gehört. Sie ist einfach in der Lage, ihre Ideen so zu beschreiben, dass man diese für die einzig existierende Wahrheit hält. Dabei ist sie mit einem Schreibstil (und offenbar guten Übersetzern) gesegnet, der das Lesen einfach und gleichzeitig unglaublich spannend macht.

Ich lege „Die Geschichte von Zeb“ jedem ans Herz, der sich für dystopische Literatur und im Speziellen für Post-Apokalypsen interessiert. Auch wer Lust hat, in das Genre einzusteigen, findet mit „Die Geschichte von Zeb“ einen perfekten Start. Ganz wichtig: Man kann das Buch auch lesen, wenn man die ersten beiden Trilogie-Teile verpasst hat. Auf den ersten 6 Seiten gibt es dafür einen hilfreichen „Was bisher geschah“-Teil.

Margaret Atwoods Lesereise zu „Die Geschichte von Zeb“ in Deutschland: 

15. März 2014 Leipzig — Leipzig liest, Bibliotheca Albertina
16. März 2014 München — Literaturhaus München
17. 2014März Berlin — Kanadische Botschaft (geschlossene Veranstaltung, nur für Presse)
18. März 2014 Köln — lit.COLOGNE, WDR Funkhaus

Infos zum Buch

Die Geschichte von Zeb
(MaddAdam)
Margaret Atwood
480 Seiten
Erstausgabe 2014


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4 Kommentare

  • Susie

    so, toll, einmal auf Leselink geschaut und wieder 3 neue Bücher auf der Leseliste…Aber bei Dystopien kann ich nicht nein sagen und bei Margaret Atwood auch nicht. Ich möchte Euch wärmstens „Der Report der Magd“ (verfilmt als „Die Geschichte der Dienerin“) ans Herz legen, auch dystopisch, auch Margaret Atwood!

    • Hallo Susie, danke für deinen schönen Kommentar, ich freue mich immer, auf weitere Dystopie- und Margaret Atwood-Fans zu treffen! Den „Report der Magd“ kenne ich auch (sowohl Buch als auch Verfilmung) und fand ihn damals extrem beeindruckend. Lass mich unbedingt wissen, wie dir „Die Geschichte von Zeb“ gefallen hat. Kennst du eigentlich die anderen beiden Teile der Trilogie?

      • Susie

        Nein, das ist ja das Problem 🙂 Da kann ich dann auch nicht anders, da müssen alle 3 her.
        Übrigens hab ich mir auf Eure Bemerkung hin (Literaturverfilmung) sowohl „the road“ als auch „Vielleicht lieber morgen“ angesehen. Das erste sehr verstörend, das zweite eine Offenbarung!

        • „The Road“ hat Yvonne rezensiert, den Film habe ich bisher nicht gesehen. Aber „Vielleicht lieber morgen“ fand ich ebenfalls großartig! Und: Gute Entscheidung mit den 3 Büchern 😀

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