Knallmasse (Ulrich Holbein)

Grelle Science-Fiction-Parabel über das Andere, Selbstbestimmung und die Möglichkeiten im Leben:

Cover Knallmasse, Ausgabe 2017 Ulrich Holbein

Cover Knallmasse, Neuausgabe 2017

Als „abgedrehtes Science-Fiction-Märchen“ wird Knallmasse vom homunculus Verlag beworben. Diese Kurzbeschreibung in Kombination mit dem wimmelnden Cover und dem Klappentext, in dem von Roboter Knallmasse die Rede ist, der als Abweichler vom Staat des Dröhnens DeziBel durchs kunterbunte Weltall gejagt wird, ließen mich den Roman als Lektüre für unseren Buchclub vorschlagen, in dem wir zuletzt Die Vegetarierin diskutiert haben.

Letzten Dienstag trafen wir uns, um Knallmasse zu besprechen, und soviel vorweg: Während das Buch meinen beiden Mitleserinnen überhaupt nicht gefallen hat, halte ich es für eines der besten Bücher, die wir in unserem Buchclub je gelesen haben. Macht euch gefasst auf eine Rezension eines – darüber waren wir uns einig – einzigartigen Buches und lest, warum Knallmasse stark polarisiert.

Was Knallmasse widerfährt

Roboter Knallmasse fühlt sich eigentlich ganz wohl in seinem Heimatstaat des Dröhnens, genannt DeziBel: Jeden Morgen erwacht er aus dem immer gleichen grauen Traum, den alle blechernen Einwohner des totalitären Staates dank eines Traumschlauchs träumen. Jeden Morgen schiebt er die Kassette mit seinem Lieblingskrach in seinen eingebauten Rekorder. Und jeden Morgen fährt er mit dem „beglückenden Omnibus“ und den 66 anderen Zentralschulpflichtigen in die Zentralschule Nord, wo Weltgeschichte bei Frau Dr. Schallreiter, Biologie bei Frau Dr. Kackflasche und Abhärtung bei Frau Dr. Drillbeuter auf dem Programm stehen.



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Der Bio-Unterricht überrascht eines Tages mit einem besonders aufregenden – wenn auch ekligem – Highlight: der Vorführung eines echten, lebendigen Wulwiletten-Paares inklusive ungelegtem Ei, eingefangen von einem DeziBelitischen Forschungstrupp im kunterbunten Weltall. „Pfui Teufel!“, lautet die gemeinsame Reaktion auf diese widerlich weichen, rundlichen Wesen, die so ganz anders sind als Knallmasse und seine Mitschüler.

Ein Unfall im Sportunterricht führt zu einer für Knallmasse folgenschweren Wende: Kurzfristig ohnmächtig durchlebt er einen Traum, vollkommen abweichend von der täglichen Propaganda des Dröhnenden Staats. Knallmasse träumt von bunten, bauschigen Wolken und hört weiche, süßliche Musik. Anstatt der üblichen Abscheu empfindet Knallmasse plötzlich äußerste Wonne beim Gedanken an Buntes, Weiches und Melodisches. Die Lehrerin ist entsetzt:

„‚Um der höchsten Göttin Willen!‘, rief Frau Dr. Drillbeuter. ‚Der arme Knalllmasse! Obwohl DeziBeliten grundsätzlich unsterblich sind, müsste er verschrottet werden. Persönlichkeitsveränderungen kann sich der Staat des Dröhnens nicht erlauben.'“

Kurzerhand entschließt sich Knallmasse, die mittlerweile entflohenen Wulwiletten zu retten, doch die gemeinsame Flucht in sein eisernes Schlafzimmer bietet nur kurzfristigen Schutz: Das Verschrottungskommando befördert die Wohnbox samt Knallmasse und Wulwiletten in den Gerümpel-Krater. Der Sturz wird jedoch überlebt und gemeinsam machen sich der Abweichler mit seinen neuen Freunden auf in Richtung Kunterbuntes Weltall – der Heimat der Wulwiletten. Damit stehen Knallmasse die größten Abenteuer und Herausforderungen noch bevor, denn dass er ohne den heimatlichen Kraftschlauch überlebt, ist unwahrscheinlich.

Die Themen des Buches

Angst vor Andersartigem

Das Nichtakzeptieren, Ausschließen und Bekämpfen des Fremden bzw. Anderen zeigt sich in Knallmasse – analog zu unserem gesellschaftlichen Phänomen des Fremdenhass – als Reaktion auf eine Angst vor allem Fremden und Unbekannten kombiniert mit den eigenen Minderwertigkeitskomplexen. Um das eigene Dasein zu rechtfertigen, basieren im totalitären Staat des Dröhnens sämtliche Ideologien auf einem direkten Vergleich mit dem Äußeren, Anderen und können auch nur auf diese Weise propagiert werden:

„‚Hartes ist herrlich. Weiches ist scheußlich. Hartes berührt angenehm. Weiches quillt über. Stille quält. Musik bedrückt. Krach beglückt. Fleisch erregt Ekel. Blech erzeugt Freude.'“

Erst durch solch direkte Vergleiche und die vorgegebene Bewertung erhält das Andersartige seinen vermeintlichen Schrecken. Die Angst vor dem Fremden wird sogar noch geschürt, indem man Exemplare der anderen Spezies vorführt und Mantra-artig die Abscheu dagegen nachbetet. Allein das weckt historische wie gegenwärtige Assoziationen.

Und als wäre es nicht fragwürdig genug, dass man sich über ein selbst errichtetes Vakuum von allem Fremden abschottet, will der Staat des Dröhnens auch noch gewaltsam das Universum rundherum mit den eigenen Ansichten missionieren:

„‚Also Krach, den der Staat des Dröhnens ins kunterbunte Weltall ausstrahlt‘, ergänzte Wammarilli: ‚Um uns zu stören.'“

Erkenntnis des Selbst und der Wirklichkeit

Ein Unfall bringt Knallmasse dazu, die antrainierten Sichtweisen zu vergessen und stattdessen den eigenen Empfindungen nachzuspüren. Einmal erkannt, worin der eigene Wille und die persönlichen Ideale bestehen, ist er bereit, ins Unbekannte, für ihn Lebensbedrohliche aufzubrechen. Der Übergang aus dem Vakuum in die äußere Realität ist für ihn zunächst schmerzhaft verbunden mit einem gleißenden, blindmachenden Licht, das an Platons Höhlengleichnis erinnert.

Alles ist möglich!

Wie immer, wenn man sich dem Unbekannten verschließt, limitiert man damit die eigenen Erfahrungen und Möglichkeiten. Nach seinem Übergang ins Kunterbunte Weltall erfährt  Knallmasse, was er bisher verpasst hat: In dem bunten, kreativen Chaos des Weltalls scheint alles möglich zu sein und was bisher nur vage in einem Traum fantasiert wurde, ist hier Realität. Dieses überquellende Füllhorn an Möglichkeiten bestärkt Knallmasse darin, die eigenen, antrainierten Grenzen zu überwinden.

Totalitäre Diktatur vs. fröhliche Anarchie

Im Staat des Dröhnens DeziBel herrscht eine Art religiöse Diktatur: Man betet ein Wesen an, das noch nie jemand gesehen hat. Dank der täglichen Portion Propaganda funktionieren alle im Gleichklang, andersdenkende Individualisten werden einfach verschrottet:

„’Persönlichkeitsveränderungen kann sich der Staat des Dröhnens nicht erlauben.’“

Dank der Abschottung nach außen (der Himmel ist über einen Reißverschluss geschlossen) und der arrangierten Abhängigkeit (Energie kann nur innerhalb des Staates bezogen werden) sind die Einwohner praktisch zum Bleiben gezwungen.

Diese Dystopie wird kontrastiert durch die utopischen Verhältnisse, die im Kunterbunten Weltall herrschen:

„’Wulwiletten kennen keine Zentralschulen, keine Verschrottung, keine Sachzwänge, keine Sinnfragen, keine Existenznöte, keine Alterssorgen, keine Todesangst!‘

 

‚Vor etwa sechzig Jahren wurde die letzte Uhrenfabrik des Weltalls geschlossen. Seitdem gibt es bei uns keinen Zeitdruck mehr und keine Zeitnot.'“

Die Botschaft, dass erst in einer fröhlichen Anarchie wie im Kunterbunten Weltall die friedliche Koexistenz verschiedener Arten möglich wird, ist natürlich individuell zu bewerten – auf jeden Fall aber lädt sie ein zum Träumen.

Zettel Knallmasse

Buchclub-Annäherung an Knallmasse mittels buntem Zettelwald

Warum Knallmasse polarisiert

Dass unsere Meinungen über Knallmasse im Buchclub weit auseinandergingen, merkten wir recht schnell. Hier unsere Statements:

Corinnas Meinung:

„Von einem diktatorischen Roboterstaat, in dem nur das gut ist, das kalt, laut und geregelt ist, hinaus in ein Universum, in dem Weiches, Buntes und Melodisches bevorzugt wird. Während der Staat des Dröhnens im ersten Teil des Buches noch einen gewissen Reiz auf mich ausübte, muss ich leider gestehen, dass mich die absurden Erlebnisse im kunterbunten Weltall im zweiten Teil des Buches mehr und mehr angestrengt haben. Inhaltlich und leider auch vom Schreibstil kein Buch, das ich weiterempfehlen würde.“

Yvonnes Meinung:

„Die Geschichte rund um den Roboter Knallmasse ist spannend, rührend und hat eigentlich absolut das Zeug dazu, dass man sich mit der Hauptfigur verbunden fühlt. Trotzdem hat das Buch mich von Anfang an auf Distanz gehalten, weil ich mich immer wieder an der Sprache gestört habe. Verben, die dann plötzlich doch nicht zum ‚ruckweisen‘ Erwachen von Knallmasse passen, Bilder, die aus einer ganz anderen Welt (nämlich aus der unseren) stammen und vor allem viele Namen der einzelnen Figuren (Roboter Kotzbirne, Frau Dr. Kackflasche) haben dazu geführt, dass ich mich als Leser nicht ernst genommen gefühlt habe.“

Meine Meinung:

Die Lust an klangvoller Sprache und am ausgelassenen Spiel mit Wörtern war das erste, das mir in Knallmasse auffiel und das mich bis zuletzt festgehalten und mit dem Autor verbunden hat. Als regelmäßiger Konsument von Dystopien hat mich die originelle Darstellung des dystopischen Staats positiv überrascht und den Übergang ins utopische, überbordende Universum umso kontrastreicher und spannender gemacht. Die Beschreibungen des Kunterbunten Weltalls und seiner Bewohner waren für mich so bildreich, dass ich zwischendurch selbst auf einer fliegenden Insel saß. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das wichtige und ernste Botschaften so charmant und zwanglos überbringt.

Vergleich mit anderen Büchern

Stapel Knallmasse

Ein Stapel Knallmasse – Danke an den homunculus-Verlag für die Rezensionsexemplare!

Wie anfangs erwähnt, fanden wir alle, dass Knallmasse ein einzigartiges Buch ist – wenn auch aus verschiedenen Gründen. Mir fielen jedoch beim Lesen immer wieder andere Bücher ein, die mich zumindest in bestimmten Aspekten an Knallmasse erinnern: In der Selbstverständlichkeit der nicht-menschlichen Figuren an die Mumins, in der Fülle an außergewöhnlichen Settings und schrägen Verhaltensweisen ihrer Bewohner an Alice im Wunderland, in der Vielfältigkeit an kontrastierenden Fantasie-Ländern und -Völkern an Die unendliche Geschichte und in der Originalität der Sprache, dem Mut zur Kombination vermeintlich nicht zueinander passernder Worte und dem Gehalt an Satire an Blech.

Fazit zu Knallmasse

Knallmasse ist kein massentaugliches Buch und wird sicher aufgrund unterschiedlicher Lesevorlieben, Genregeschmäcker und Prioritäten immer polarisieren. Wer offen ist für ein genreübergreifendes, außergewöhnliches Sprachexperiment und Lust hat auf einen Überschwang an Farbe und Klang, auf wahnwitzige Settings und verschrobene Figuren, wird daran sicher ebenso viel Spaß haben wie ich und die Themen und Botschaften des Buches gerne ins eigene Leben mitnehmen.

Hintergründe zu Ulrich Holbein und Knallmasse

Der 1953 in Erfurt geborene Ulrich Holbein studierte an der Kasseler Hochschule für Bildende Künste freie Malerei, das Cover und die Zeichnungen im Buch stammen von ihm. Die Frage, wie er die Erstausgabe von 1993 für die 2017er Neuauflage bearbeibetet hat, beanwortete er im Interview:

„Aus Ärger über die neue Rechtschreibung hab ich das blecherne Haustier Stößel, damits nicht Stössel heißen muß, in Stöpsel umgetauft. An die Handlung hab ich nicht gerührt, außer ein Minimum an Erotica eingeschleust. Steife Substantivierungen, gegen die ich inzwischen allergisch bin, hab ich verflüssigt, unnötige Adjektive gestrichen.“

Diesen Portraitfilm über Ulrich Holbein empfehle ich gerne allen, die diesem besonderen Autor, seiner Lebensweise und Einstellung zum Schreiben ein Stück näher kommen möchten.

Infos zum Buch

Knallmasse
Ulrich Holbein
homunculus Verlag
230 Seiten
Erstausgabe 1993, vom Autor überarbeitete Neuauflage 2017

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