Persepolis (Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi)

Wunderbare Adaption eines Graphic Novel-Klassikers:

DVD-Cove Persepolis

DVD-Cover Persepolis

Unpolitisch sein, kein Interesse für Geschichte haben – das ist ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn man davon überzeugt ist, dass das größte Übel, das einem vom Staat droht, eine Steuererhöhung ist. Marjane Satrapi kann sich diesen Luxus nicht leisten, denn sie wächst zur Zeit der iranischen Revolution in Teheran auf. Schon als kleines Mädchen lernt sie von ihren liberalen und politisch aktiven Eltern und ihrer intelligenten, unabhängigen und fürsorglichen Großmutter, dass man seine Überzeugungen nicht verraten darf.

Das ist jedoch leichter gesagt als getan, denn nach der Absetzung des Schahs entsteht nicht etwa eine demokratischere und freiere Gesellschaft im Iran, sondern mit Ausrufung der Islamischen Republik werden die Revolutionäre zu Staatsfeinden erklärt, verfolgt, verhaftet und getötet. Marjis Onkel Anusch, zu dem sie eine besonders innige Beziehung hatte und der mit ihr wie mit einer Erwachsenen über Politik, Gefängnis und Folter sprach, wird wie schon unter der Herrschaft des Schahs verhaftet und schließlich hingerichtet. Für Marjane ist das der Grund, noch stärker an ihrem Recht auf Selbstbestimmung festzuhalten und gleichzeitig mit ihrer Religion zu brechen. Natürlich steht das im krassen Gegensatz zur politischen Entwicklung des Landes, denn wo zu Zeiten des Schahs nahezu Gleichberechtigung herrschte, müssen Frauen nun Kopftuch tragen und es hinnehmen, dass sie jeder beliebige Mann auf offener Straße beschimpfen und zurechtweisen darf, wenn auch nur eine Haar-Strähne zu sehen ist. Dieses Recht steht ihm einfach auf Grund seines Geschlechts zu.


 

Persopolis: Persönliche Geschichte, die nicht von der Geschichte der Welt losgelöst werden kann

Marjane beugt sich oberflächlich natürlich den neuen Regeln, liebt aber nach wie vor westliche Musik und ihre Freiheit. Wie viele Teenager rebelliert sie gegen ihre Umgebung, steht damit jedoch in ihrer Heimat und Altersgruppe relativ allein da – und begibt sich dadurch mehr als einmal in Gefahr. So gerät sie beispielsweise in Konflikt mit ihrer Religionslehrerin, die den völligen Gegenpol zu Integrität herstellt, zu Zeiten des Schahs glühende Vertreterin des Schahs war, während der Revolution durch die Schüler dessen Bilder aus den Büchern reißen ließ und nach Ausrufung der Islamischen Republik schließlich zur Sittenwächterin über die Kopftücher der Mädchen avanciert – Marjis Religionslehrerin ist das, was jedes diktatorische Regime braucht: die perfekte Mitläuferin. Als sie ihren Schülerinnen (natürlich wird der Unterricht mittlerweile nach Geschlechtern getrennt erteilt) jedoch stolz erklärt, dass es nun endlich keine politischen Gefangenen mehr gibt, kann Marjane ihren Mund nicht halten, konfrontiert die Lehrerin mit dem, was sie aus eigener Erfahrung mit ihrem Onkel und etlichen Bekannten und Nachbarn weiß und provoziert so selbstverständlich einen Anruf aus der Schule bei ihren Eltern. Da diese sich zu Recht Sorgen um ihre Tochter machen, wissen, wie man das Gesetz, nach dem man Jungfrauen nicht hinrichten darf, im Gefängnis elegant aushebelt, beschließen sie, Marji nach Wien zu schicken, wo sie bei einer Freundin der Familie wohnen soll.

Doch auch in Wien hat das junge Mädchen mit Schwierigkeiten zu kämpfen, findet zwar Anschluss, bleibt aber doch immer die Fremde, die Ausgeschlossene, so dass sie sogar zurück in ihre Heimat kehrt, weil die europäische Gefühlskälte sie fast das Leben kostet. Zurück im Iran fällt ihr der Verzicht auf die Freiheit, die sie im Westen kennengelernt hat, natürlich doppelt schwer, und in ständiger Angst vor den Revolutionswächtern verlässt sie kaum noch das Haus und erkrankt an einer Depression.

Vergiss niemals, wer du bist und woher du kommst.

Marjane steht zu ihrer Meinung - Szenenbils aus Persepolis

Marjane steht zu ihrer Meinung – Szenenbils aus Persepolis

Mit Persepolis hat Marjane Satrapi 2007 ihre gleichnamige Graphic Novel-Reihe, in der sie von ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählt, für das Kino adaptiert. Dabei behält die Verfilmung den Charme der Vorlage, wird jedoch ergänzt durch Möglichkeiten des Films. Wenn Marji beispielsweise zu neuem Lebensmut findet und das bekräftigt, in dem sie – schief, mit einem wunderbaren Akzent, aber aus vollem Herzen – „Eye of the Tiger“ singt, wird man von ihrer neuen Begeisterung gleich angesteckt.

Einige Unterschiede zur Vorlage gibt es allerdings auch: Im Film Persepolis wird keine Gewalt dargestellt; diese findet anders als in der Graphic Novel zwischen den Bildern statt, ist aber dennoch oder gerade deswegen allgegenwärtig, womit der Film es noch mehr ermöglicht, sich in das Mädchen Marji hineinzuversetzen, da auch sie von Hinrichtungen und Folter nur hörte und der Rest ihrer Fantasie überlassen war.

Spießrutenlauf - Szenenbild aus Persepolis

Spießrutenlauf – Szenenbild aus Persepolis

Neben der Geschichte des Iran geht es in Persepolis vor allem um Marjanes Rolle als Frau, denn schon das Mädchen Marji lässt sich nicht auf Klischees und Rollenanforderungen festlegen, was in einer Gesellschaft, in der man auf Grund seines Geschlechts öffentlich angefeindet werden darf, noch schwieriger ist. Dennoch setzt Marjane sich durch, beweist, dass man auch dann stark sein kann, wenn es einem niemand zugesteht.

Seit dem 7. März 2014 ist Persepolis wieder auf DVD erhältlich. Diese zu 100% persönliche Geschichte, in der der Werdegang einer jungen Frau vor dem Hintergrund und bedingt durch die sie umgebenden gesellschaftlichen Entwicklungen erzählt wird, ist eine Bereicherung für jede Film-Sammlung.

Infos zum Film

Persepolis
Frankreich, 2007
92 Minuten
Filmverleih: Universum Filmverleih
Regie: Vincent Paronnaud,
Marjane Satrapi
Drehbuch: Vincent Paronnaud,
Marjane Satrapi
FSK: frei ab 12

 

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