Born to be blue (Robert Budreau)

Biopic über Jazzlegende Chet Baker mit einem brillianten Ethan Hawke in der Hauptrolle: 4.0 Stars

Filmplakat Born to be blue

Jazztrompeter Chet Baker befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er auf Tour in Italien wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis kommt. Plötzlich taucht ein Hollywood-Produzent auf, der einen Film über ihn machen will. Baker kommt auf Bewährung frei und darf zurück in die USA, um sich selbst in dem Film zu spielen. Am Set lernt er Jane kennen, eine hinreißende junge Schauspielerin und Jazzpianistin, die seine verflossene Ehefrau Elaine verkörpert. Die beiden werden ein Paar und Chet fühlt zum ersten Mal, was wahre Liebe bedeutet. Trotzdem fällt es ihm schwer, sich an die Bewährungsauflagen zu halten und clean zu bleiben.

Eines Nachts wird er von seinem Dealer auf der Straße zusammengeschlagen und verliert all seine Frontzähne – eine Katastrophe für einen Blasmusiker. Der Film wird daraufhin gecancelt, sein langjähriger Freund und Plattenproduzent Dick Bock wendet sich von ihm ab und es sieht so aus, als könnte Chet nie wieder Trompete spielen.

Nur Jane weicht nicht von seiner Seite, päppelt ihn auf und ermuntert ihn, trotz der Aussichtslosigkeit und Schmerzen nicht aufzugeben und weiter Musik zu machen. Das Wunder geschieht: Allen Erwartungen zum Trotz kämpft sich Chet mit Hilfe einer Zahnprothese und eiserner Disziplin zurück in die oberste Liga des amerikanischen Jazz. Er nimmt eine neue Platte mit Dick Bock auf und bekommt einen Gig im legendären New Yorker „Birdland“ („The Jazz Corner of the World“), wo selbst seine Idole und zugleich größten Konkurrenten Miles Davis und Dizzy Gillespie im Publikum sitzen. Doch das Heroin hat Chet allen guten Willens zum Trotz nach wie vor im Griff und droht, ihm das Teuerste zu nehmen, was er neben der Musik besitzt: seine große Liebe.

// //

Chet Baker: Ausnahmemusiker, „King of Cool“, Heroinjunkie

Schaut man sich die Lebensgeschichte von Chet Baker an, fragt man sich, warum nicht schon längst ein Spielfilm über ihn gemacht wurde. Ein weißer Farmerssohn aus Oklahoma wird, gefördert von Charlie Parker höchstpersönlich, zu einem der größten Jazzmusiker der 50er Jahre, tritt im selben Laden wie Miles Davis auf, verkauft Tausende von Platten, wird heroinabhängig, landet deshalb bei einer Europatournee im Gefängnis, versucht zurück in den USA auf den rechten Weg zu kommen, verliert (aus ungeklärten Gründen) seine Zähne – eine Katastrophe für einen Blasmusiker – und erkämpft sich unter Schweiß und Tränen den Weg zurück in den Jazz-Zenit. Allerdings nicht ohne Opfer: Um dem Druck standzuhalten, verfällt Baker wieder und wieder dem Heroin und bleibt letztlich bis zu seinem Lebensende abhängig von der Droge – born to be blue.

Dritter Versuch eines Films über Chet Baker

Schon vor Born to be blue gab es zwei ernsthafte Anläufe, dieses filmreife Leben als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen. Der erste davon wird sogar als Film im Film thematisiert – als Hollywood-Produzent Dino de Laurentis Baker Anfang der Sechziger Jahre aus dem Gefängnis in Italien holt, damit er sich selbst spielen kann. Die Dreharbeiten scheitern jedoch an Bakers Heroinsucht. Den zweiten Versuch unternahm Richard Linklater Anfang der 2000er Jahre. Auch in seinem Film sollte Ethan Hawke die Hauptrolle übernehmen. Linklaters Film kam nie zustande, doch Ethwan Hawkes langjährige Beschäftigung mit der Figur Chet Baker kommt dafür hier zur Geltung: Hawke verkörpert den „King of Cool“ in allen seinen Facetten absolut brilliant, vom begnadeten Musiker über den beziehungsgestörten Frauenhelden bis hin zum gebrochenen Junkie.

Natürlich bekam Hawke für die Rolle Musikunterricht und übernahm den Gesangspart komplett selbst. Die Trompeten-Parts, und zwar sowohl von Chet Baker als auch von Miles Davis und Dizzy Gillespie, spielte Jazzmusiker Kevin Turcotte ein, der laut Music Arranger David Braid für die Umsetzung dieser unterschiedlichen Stile einen Oscar verdient hätte.

Improvisation als Lebensgefühl

Die Musik gibt das Tempo und die Farbe in diesem Film vor. Spiel und Kamera nähern sich mit Improvisation und Schieflage (dem „Dutch Angle“, der auch im Film Noir vorherrscht), dem Wesen des Jazz an, die Bilder variieren zwischen Hollywood-Manier und französischer Nouvelle vague und kommen damit dem nah, was den Jazz ausmacht: ein bisschen American Dream und viel coole Melancholie oder eben Blues.

Mit der Story entfernt sich Regisseur Robert Budreau teilweise sehr von der Realität. Jane zum Beispiel verkörpert als fiktive Figur mehrere von Chets Geliebten in einer Person. Ob Chet seine Zähne wirklich bei einer Schlägerei verlor und ob es tatsächlich alle waren, weiß man bis heute nicht. Damit verfremdet Budreau allerdings nichts, sondern wird der Person Chet Baker mit all ihren Mythen, Legenden und Unstetheiten eher gerecht, als wenn er versuchte, die Realität 1:1 abzubilden. Schließlich gibt es zu Chet Bakers Lebensgeschichte verschiedene Versionen, die er auch selbst in Umlauf brachte.

Und diese Lückenhaftigkeit oder auch Unvollkommenheit in der Person, die im Kontrast zur Perfektion seines Spiels steht, hat Budreau zusammen mit erstklassigen Musikern und Schauspielern wunderbar eingefangen. Ethan Hawke hätte für seine Performance eigentlich seinen ersten Oscar verdient.

Infos zum Film

Born to be blue
Kanada / Großbritannien 2015
97 Minuten
Filmverleih: Alamode Film
Regie: Robert Budreau
Drehbuch: Robert Budreau
mit Ethan Hawe, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie
FSK: 12

Dieser Blogartikel hat dir gefallen und du möchtest uns unterstützen? Dann starte einfach deinen nächsten Amazon-Einkauf über diesen Link zu Amazon, so erhalten wir eine kleine Provision dafür. Vielen lieben Dank.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite verwendet Cookies. Mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen