Die langen hellen Tage (Nana Ekvtimishvili, Simon Groß)

Intensive und packende Coming-of-Age-Geschichte: 4.5 Stars

Die langen hellen Tage

Die langen hellen Tage

Wer 1992 in Deutschland aufgewachsen ist, hörte Genesis, Salt’n’Pepa oder Techno, staunte noch über die Wiedervereinigung und schaute am Wochenende Sister Act oder Basic Instinct. Die Sorgen, die man üblicherweise hatte, drehten sich um Jungs oder Mädchen, die Schule und Auseinandersetzungen mit den Eltern, die beim Erwachsenwerden nicht ausbleiben. Natia und Eka, beste Freundinnen die 1992 in der georgischen Hauptstadt Tiflis aufwachsen, haben dieselben Probleme, aber ihr Leben spielt sich vor einem anderen Hintergrund ab. Das Land befindet sich im Bürgerkrieg und obwohl die beiden 14jährigen Mädchen all das tun, was man in dem Alter tut – sich über Jungs unterhalten, mit Freundinnen singen und heimlich trinken oder rauchen, gegen Eltern und Lehrer rebellieren – gehören zu ihrem Alltag auch Dinge, die westeuropäische Jugendliche nicht erlebt haben. Täglich müssen sie in der Schlange stehen, um zwei Laib Brot für die Familie zu sichern, junge Männer sind nicht nur ein interessantes Thema, sondern können genau so gut zur Bedrohung werden, und die Instabilität des Landes führt dazu, dass immer wieder männliche Bezugspersonen verschwinden, weil sie Kriegsdienst leisten.


 

Die langen hellen Tage des Erwachsenwerdens

Natia, die die Männerherzen höher schlagen lässt, ist deutlich selbstbewusster und auch risikobereiter als die ernste Eka. Dennoch stehen die beiden Mädchen für einander ein und verbringen jede freie Minute miteinander. Gleich zwei ständige Verehrer hat Natia: den schüchternen und zurückhaltenden Lado und den draufgängerischen und gewaltbereiten Kote. Für wen Natias Herz schlägt, ist auf den ersten Blick klar, und auch, dass Kote ihr Blumen schickt und ihr einen Heiratsantrag macht, ändert nichts daran.

Da die Zeiten hart und die Sitten rau sind, schenkt Lado seiner Angebeteten eine Pistole zur Selbstverteidigung. Natia ist begeistert und Lado einigermaßen beruhigt, weil er seine Liebste in Sicherheit weiß, während er zu seinem Onkel fährt. Während Natia die neue Macht, die die Waffe ihr verleiht, begeistert annimmt, ist sie für Eka das erste Mal ein Grund, mit der Freundin zu streiten. Doch die Unstimmigkeit hält nicht lange an, und selbst Eka findet einen sinnvollen Einsatz für die Pistole. Doch schützen kann sie Natia nicht, denn Kote lässt das „Nein“ auf seinen Heiratsantrag nicht gelten. Wie in Georgien in den 1990er Jahren noch verbreitet, entführt er mit ein paar Freunden Natia, so dass die Familie keine andere Wahl hat, als ihre Tochter – die nun schließlich entehrt ist – an den jungen Mann zu verheiraten.

Natia und Lado - Szenenbild aus Die langen hellen Tage

Natia und Lado – Szenenbild aus Die langen hellen Tage

Die langen hellen Tage ist ein fantastisch tiefes und ergreifendes Coming-of-Age-Drama, das einen in eine Welt der Ängste und der Unterdrückung zieht, die sich von unserer so stark unterscheidet, obwohl sie weder zeitlich noch räumlich sehr weit von uns entfernt liegt. Die Zerrisenheit zwischen Akzeptanz des Unvermeidlichen und dem Wunsch nach Rebellion ist in jeder Szene spürbar und macht das Erwachsenwerden von Natia und Eka zu einem Kampf gegen ganz andere Widerstände als die uns bekannten.

Der Film lebt vor allem vom Spiel der jungen Darsteller, das auch vielfach ausgezeichnet wurde. Lika Babluani, die als Eka in Die langen hellen Tage ihr Schauspiel-Debüt gibt, überzeugt durch ihr fantastisches und überaus reifes Spiel. Jeden Gedanken, jeden Gewissenskonflikt, kann man Eka am Gesicht ablesen, und die dadurch erreichte Tiefe und Komplexität der Geschichte macht Die langen hellen Tage zu einem besonders authentischen Zeugnis des Aufwachsens in einer für uns fremden Welt.

Die langen hellen Tage erhielt mehr als 20 Filmpreise, lief auf etlichen Festivals und war Georgiens Beitrag zu den Acadamy Awards 2013. Am 21. August startet Die langen hellen Tage in den deutschen Kinos.

Infos zum Film

Die langen hellen Tage
(In Bloom)

Deutschland/Frankreich/Georgien, 2013
102 Minuten
Filmverleih: bemovie
Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß
Drehbuch: Nana Ekvtimishvili
mit Lika Babluani, Mariam Bokeria,
Zurab Gogaladze

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