Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern (Stina Werenfels)

Coming-of-Age-Drama über das sexuelle Erwachen einer geistig Behinderten

Filmplakat Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Filmplakat Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Stina Werenfels‘ Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Lukas Bärfuss und erzählt die Geschichte der lernbehinderten Dora – 18 Jahre jung, lebensfroh und auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

 

Doras Frühlingserwachen

Pünktlich zu Doras Volljährigkeit entscheidet ihre Mutter, die sedierenden Psychopharmaka der Tochter abzusetzen. Plötzlich erlebt Dora die Welt intensiver und ihr Interesse für Sex erwacht. Zwischen Kinderspielzeug und Gutenachtgeschichten entdeckt sie ihren eigenen Körper und bald auch die sexuelle Anziehungskraft der Männer. Sie begegnet dem zwielichtigen Peter: Anzugträger, Cabriofahrer, Bilderbuch-Arschloch. Ein „erstes Mal“ auf dem Bahnhofsklo bringt auch den Zuschauer zum ersten Mal in die moralische Bredouille: Hat er sie vergewaltigt? Kann man von einvernehmlichem Sex sprechen, wenn da ein Nicht-Behinderter sich kalt und brutal an einer geistig Behinderten vergreift?

Während die erschütterten Eltern Anzeige erstatten, redet Dora vom „schönen Pimmelchen“ des Täters. Sie sucht ihn erneut auf und eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Trotz aller Bemühungen seitens der Eltern wird Dora schwanger: einmal, zweimal. Das zweite Mal kommt eine Abtreibung nicht in Frage. Doras Kind wächst in ihrem Bauch und die Eltern müssen nicht nur mit der unvorhergesehenen Schwangerschaft ihrer behinderten Tochter klarkommen, sondern auch noch mit dem schlimmsten Kindesvater, den man sich vorstellen kann. Zwischen Dora und ihrer Mutter entfacht ein tiefgreifender Konflikt, der Doras Loslösung vom Elternhaus endgültig in Gang setzt.



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Dabei handelt der Film nur oberflächlich von dem Thema „Kinderkriegen mit geistiger Behinderung“, und auch Dora steht nur scheinbar im Mittelpunkt des Geschehens. Im Fokus stehen vielmehr die Reaktionen ihres geistig „normalen“ Umfeldes, die nach und nach weitaus subtilere und kontroversere Tabuthemen hervorbringen und heftig an allseits anerkannten Moralvorstellungen rütteln.

 

Was ist verwerflich, was ist erlaubt?

Da ist die Mutter, die sich sehr um das behinderte Kind sorgt und sich trotzdem schon immer verzweifelt ein „normales“ gewünscht hat. Diese Sehnsucht reicht sogar bis zur Eifersucht auf die eigene Tochter, als sie erfährt, dass Dora höchstwahrscheinlich ein normal entwickeltes Kind im Bauch trägt. In der Figur der Mutter zeigt sich die Zerrissenheit zwischen Liebe und Wut auf das eigene Kind, das wegen seiner Behinderung so viel Raum einnimmt. Einerseits kann die Mutter Dora nicht loslassen, andererseits hat sie Angst, dass das eigene Leben zu kurz kommt. Aus dieser Angst speist sich im Grunde ihre Doppelmoral. Während Sie glaubt, über die Grenze zwischen sexueller Freiheit und moralischen Ge- und Verboten richten zu können, gibt sie am Ende selbst dem Drang nach, die Mauern ihres Alltags zu durchbrechen und (im Drogenrausch) die eigenen sexuellen Grenzen zu überschreiten.

Auf der anderen Seite ist da Peter, das personifizierte Böse. Ein beruflich erfolgreicher, egomaner Perversling, der die Naivität der Behinderten zu seinem sexuellen Vergnügen ausnutzt. Der seine Zeit mit Trinken, Spielen und fragwürdigen Sexdates verbringt, sich einen Dreck um gesellschaftliche Normen oder Höflichkeitsfloskeln schert, geschweige denn um die Schwangerschaft seiner Sexpartnerin oder deren wütende Eltern. Und doch ist er es, der Dora zu dem verhilft, was ihr von so vielen Seiten verwehrt wird: zu einem selbstbestimmten Leben.

 

„Sie ist behindert!“ – „Könnte man das nicht von vielen behaupten?“

Ein Film also über eine geistig Behinderte, die schwanger wird? Tendenziell noch immer ein Tabuthema, ohne Frage. Aber das in einem Familiendrama aufzugreifen, wäre nichts Besonderes. Viel interessanter sind die Reaktionen, die Doras sexuelles Erwachen in ihrem Umfeld auslösen und die Fragen nach gesellschaftlichen Normen, verbotenen Wünschen und dem Gehalt von Moralvorstellungen, die daran gekoppelt sind. Ganz klar tritt dies im ersten Dialog zwischen der entsetzten Mutter und dem verhassten Geliebten der Tochter hervor, als sie ihn mit scharfer Stimme daran erinnert, dass Dora behindert ist. Seine Antwort: „Könnte man das nicht von vielen behaupten?“

Dieses Infragestellen absolut geglaubter Grundsätze wird mal mehr, mal weniger auch filmisch unterstrichen. Vor allem in den zahlreichen Szenen, die wir aus Doras Sicht erleben: in den Close-Ups auf die wohlwollenden und zugleich fordernden Gesichter der Ärzte, die alle nur das Beste wollen, aber Dora mit ihren „Verhören“ überfordern. Ebenso in den unerwartet auftauchenden pornographischen Bildern, die man einem deutschen Familiendrama nicht zugetraut hätte. Und auch in der Umsetzung des Drogentrips der Mutter, der zeitgleich, aber räumlich getrennt von Doras Entbindung stattfindet.

 

Was ist „normal“ – und brauchen wir das?

Der Film stellt natürlich bereits vordergründig einige sehr kontroverse Fragen: Sollte eine geistig Behinderte ein Kind bekommen? Darf die Mutter eines behinderten Kindes den Wunsch nach einem „normalen“ haben? Darf ein geistig Nicht-Behinderter mit einer geistig Behinderten Sex haben? Und: Inwieweit braucht ein geistig Behinderter Schutz und wo beginnt die Freiheitsberaubung?

Aber Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern geht noch einen Schritt weiter mit grundlegenden Fragen, die viel abstrakter sind. Zum Beispiel kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was „normal“ eigentlich bedeutet. Wer legt das fest und nach welchen Grundsätzen? Wen oder was dürfen wir weswegen verurteilen? Und: Ist es so viel verwerflicher, ein absolutes Arschloch zu sein als ein situationsabhängiger Moralapostel? Brauchen wir über die Menschenrechte hinaus überhaupt eine feste moralische Norm oder – eigentlich undenkbar – geht es vielleicht auch ohne?

Dass man sich als Zuschauer diese Fragen wirklich stellt, liegt natürlich nicht zuletzt an der Leistung der Darsteller. Victoria Schulz überzeugt auf ganzer Linie als Dora und liefert einige sehr emotionsstarke Szenen. Die Rolle des Peter ist Lars Eidinger wie auf den Leib geschneidert.

Der Film Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern startet am 21. Mai 2015 in den deutschen Kinos.

Infos zum Film

Dora oder die sexuellen
Neurosen unserer Eltern

Schweiz/Deutschland, 2014
90 Minuten
Filmverleih: Alamode
Regie + Drehbuch: Stina Werenfels
Schauspieler: Viktoria Schulz,
Lars Eidinger, Jenny Schily
FSK: frei ab 12

 

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