Rushmore (Wes Anderson)

Filmplakat Rushmore

Filmplakat Rushmore

Das Leben ist ein Geschenk, nach dem man nicht gefragt hat, und bis man wirklich weiß, was man damit anfangen soll, ziehen meist Jahrzehnte ins Land. Nicht so für Max Fischer (Jason Schwartzman), der schon mit 15 formuliert, worum es seiner Meinung nach im Leben geht:

“I think you just gotta find something you love to do, then do it for the rest of your life.”

Das klingt natürlich viel einfacher, als es ist – finden, was man wirklich liebt. Doch Max hat auch das schon gemeistert: Sein ganz persönlicher Sinn des Lebens ist die Rushmore Academy. Max‘ ganzes Leben dreht sich um die Elite-Schule, sei es als Herausgeber des Jahrbuchs, als Präsident des Französich-Clubs, als Teilnehmer der Model UN, als Kapitän des Fecht-Teams oder als Begründer der Völkerballmannschaft. Die Schuluniform sitzt an ihm so akkurat wie an keinem Zweiten, und mit seiner doch recht auffälligen Brille und dem wie mit einem Lineal gezogenen Scheitel sieht er aus wie der Entwurf des perfekten Privatschülers.

Dabei passt Max eigentlich so gar nicht in die Schule: die Mitschüler respektieren ihn zwar, doch sein einziger wirklicher Freund Dirk, der auch in allen Clubs und Mannschaften dabei ist, ist nicht älter als 11. Max‘ Noten sind so schlecht, dass ihm zum Rausschmiss nur noch eine einzige verpatzte Prüfung fehlt. Und anders als seine Mitschüler hat er keine reichen Eltern, die ihm den Besuch von Rushmore ermöglichen, sondern er hat sich selbst dorthin gebracht – ein Theaterstück, das er als Kind geschrieben hat, brachte ihm ein Stipendium ein. Seinen Mitschülern und neuen Bekanntschaften gegenüber gibt er seinen Vater allerdings schon mal als Neuro-Chirurg aus, obwohl der in Wahrheit als Friseur arbeitet und seinem Sohn genug vertraut, um ihn einfach machen zu lassen.


Schicksalhafte Begegnungen

Die einzelnen Kapitel, in denen „Rushmore“ erzählt wird, sind nach Monaten benannt, und im September trifft Max gleich zwei Menschen, die für ihn sehr wichtig werden. Der erste ist Herman Blume (Bill Murray), ein reicher Unternehmer, der die Rushmore Academy durch Spenden unterstützt und außerdem seine beiden ziemlich verzogenen Söhne dorthin schickt. Aus diesem Grund wird er gerne als Redner zu Schulveranstaltungen eingeladen, und als Blume während eines Schulgottesdienstes davon spricht, dass es im Leben nicht genügt, reich zu sein, ist Max von der Rede so begeistert, dass er sich Blume noch auf dem Parkplatz vorstellt.

Herman Blume ist gleich angetan von dem Jugendlichen, der so ganz anders ist als seine eigenen Söhne. Vor allem ist er fasziniert davon, dass Max ganz offensichtlich so gut im Leben zurecht kommt – etwas, das Blume nicht von sich behaupten kann. Sein Leben scheint das genaue Gegenteil von Max‘ zu sein: Zwar verfügt er über Reichtum und lebt in einer nach außen hin intakten Familie, doch spätestens, als er auf der Geburtstagsparty seiner beiden Söhne vor der versammelten Gästeschar in angetrunkenem Zustand auf das Sprungbrett seines Swimming-Pools steigt – in einer Hand eine Zigarette, in der anderen ein Scotch-Glas – und nach dem Sprung mit geschlossenen Augen so lange wie möglich unter Wasser verharrt, ist klar, was Herman Blume empfindet: Für ihn hält das Leben nichts mehr bereit.

Doch Blume irrt sich, denn durch Max erhält auch sein Leben einen neuen Sinn. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Midlife-crisis-geplagten Familienvater und dem lebensbegeisterten Jugendlichen vertieft sich, als eine weitere Person in Max‘ Leben tritt: Durch ein in einem Bibliotheksbuch gefundenes Zitat von Jacques Cousteau (der Wes Anderson auch zu „Die Tiefseetaucher“ inspirierte) wird Max auf die neue Grundschullehrerin Miss Cross aufmerksam, in die er sich sofort und ohne sie wirklich zu kennen verliebt. Miss Cross ist zunächst geschmeichelt, stellt jedoch schnell klar, dass zwischen ihr und Max nie mehr sein kann als Freundschaft. Doch Max Fischer ist niemand, der so leicht aufgibt, und als seine Angebetete nebenbei erwähnt, dass sie Fische mag, setzt er sich in den Kopf, ein Schulaquarium zu bauen – wofür er Geld von Blume erhält, ein Sportfeld verschieben will, diverse Bäume fällt – und schließlich von der Schule fliegt.

Doch auch wenn Max nicht mehr nach Rushmore geht, ist noch eine gehörige Portion Rushmore in ihm – die Schuluniform legt er auch an der neuen, öffentlichen Schule nicht ab, er gründet sofort eine Fechtmannschaft (mit nur einem Mitglied) und erhält viel Unterstützung durch sein etwas seltsames Freundesgespann Dirk, Blume und Miss Cross. Dass sich ausgerechnet Blume und Miss Cross ineinander verlieben, war selbstverständlich nicht beabsichtigt und wirft Max noch mehr aus der Bahn als der Rausschmiss aus seiner geliebten Schule.

 

Faszinierende, mitreißende Hauptfigur

„Rushmore“ ist keine klassische Coming-of-Age-Geschichte, da die Hauptfigur Max Fischer schon viel erwachsener und im Leben angekommener erscheint als die erwachsenen Figuren des Films, eine Konstellation, wie sie mehrere Filme von Wes Anderson kennzeichnet. Zwar merkt man Max sein junges Alter an manchen Stellen deutlich an – zum Beispiel als er denkt, dass in Lateinamerika Latein gesprochen wird – doch seine Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit dem gegenüber, was das Leben ihm zu bieten hat, bringen auch alle Menschen in seiner Umgebung dazu, sich noch ein gutes Stück weiterzuentwickeln. Vor allem aber schafft er es, mit seiner Begeisterung selbst die Menschen anzustecken, die ihn eigentlich nicht leiden können, und er bringt die richtigen Leute zusammen, um immer wieder etwas Neues zu schaffen. Dazu zeichnet sich Max dadurch aus, dass seine größte Leidenschaft die Leidenschaft an sich ist und seine Lebenseinstellung ein großes „Ja!“. Und auch er entwickelt sich durch seine ungewöhnlichen Freundschaften weiter und schafft es am Ende sogar, seine Rushmore-Uniform abzulegen. Warum “Rushmore” ein typischer Vertreter des neuen Sub-Genres “Melancholische Komödie” ist, lest ihr hier.

„Rushmore“ war Wes Andersons zweiter Film, und man merkt ihm die 1990er Jahre deutlich an. Dennoch ist die Geschichte über Freundschaft, die sich keinen Regeln beugt, und Liebe, die auch mal vor den Tatsachen des Lebens zurückstehen muss, absolut sehenswert. Der Kontrast zwischen Max und Blume, die so unterschiedlich sind und sich dennoch in die selbe Frau verlieben, scheint unüberbrückbar – und doch reicht am Ende eine kleine Geste, um die Freundschaft aufrechtzuerhalten. Hier und an so vielen Stellen im Film könnte die Botschaft nicht deutlicher sein: Wenn man etwas wirklich will, dann darf man nicht aufgeben.

Käuflich zu erwerben ist die deutsch synchronisierte Fassung von „Rushmore“ zurzeit nur gebraucht oder als Teil der Bill Murray-Collection, die sich aber schon allein für meinen neuen LieblingsfilmThe Royal Tenenbaums“ lohnt. Und obendrein erhält man noch Tim Burtons „Ed Wood“, der eine ähnlich begeisterte Hauptfigur bereithält wie „Rushmore“.

Infos zum Film

Rushmore
USA, 1998
93 Minuten
Filmverleih: Movienet
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson,
Owen Wilson
mit Jason Schwartzman,
Bill Murray, Olivia Williams
FSK: frei ab 6

 

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