Vielleicht lieber morgen (Stephen Chbosky)

Charlie und Sam

Charlie und Sam – Szenenfoto aus „Vielleicht lieber morgen“

Wenn man Dinge von außen betrachtet, kann man meist viel besser erkennen, wie sie funktionieren. Man kann ungestört beobachten und erkennt Zusammenhänge leichter, als wenn man Teil des Geschehens wäre. Das ist einer der Vorteile, ein Mauerblümchen zu sein. Doch wenn man selbst derjenige ist, der von außen schaut, sieht man das nicht als Vorteil – wie der 15jährige Charlie, der seinem ersten High School-Jahr mit Schrecken entgegensieht und sich nichts mehr wünscht, als irgendwo dazu zu gehören.

Die ganzen Ferien über hat Charlie mit niemandem außerhalb seiner Familie gesprochen. Sein bester Freund Michael hat sich das Leben genommen, und Charlie weiß nicht, warum. Seine ältere Schwester Candace (Nina Dobrev) hat ihm verboten, beim Mittagessen Asyl an ihrem Tisch zu finden, und die Mitschüler, die er noch von früher kennt, versuchen alles, um nicht daran erinnert zu werden, wie sie vor der High School waren. Also ist Charlie völlig auf sich gestellt, und der erste Tag an der Schule wird genau so, wie er es sich vorgestellt hat: Schlimm.


 

Ein Jahr voller Schwierigkeiten, Freundschaft und Liebe

Der erste Mensch, der an der Schule nett zu Charlie ist – und der auch ganz offensichtlich schon früh erkennt, dass Charlie etwas Besonderes ist – ist der Englisch-Lehrer Mr. Andrews (Paul Rudd). Er weckt Charlies Liebe zu Büchern, ermuntert ihn zum Schreiben und steht ihm das ganze Jahr über unaufdringlich, aber verlässlich als Mentor zur Seite.

Im Werk-Unterricht lernt Charlie dann auch endlich seinen ersten Freund kennen, den drei Jahre älteren und etwas exzentrischen Patrick (Ezra Miller, We need to talk about Kevin). Bald schon nehmen er und seine Stiefschwester Sam (Emma Watson, Harry Potter, My Week With Marilyn) Charlie in ihrer Mitte auf – und zeigen ihm, dass das Leben ruhig auch mal Spaß machen darf. Auf ganz wunderbare und liebevolle Weise bestärken sie ihren neuen Freund außerdem in seinem Vorhaben, Schriftsteller zu werden. Und sogar eine Freundin findet Charlie – allerdings leider nicht die Richtige, da er heimlich und aus der Ferne die ganze Zeit über Sam liebt.

Bei all der Leichtigkeit und dem Humor, durch die „Vielleicht lieber morgen“ sich auszeichnet, merkt man doch schnell, dass es sich hier nicht um eine seichte Jugendkomödie handelt. Dass es Charlie nicht leichtfällt, eine Verbindung zu seinen Mitschülern herzustellen, hat vielfältige Gründe, die erst nach und nach klar werden, dem Publikum und auch Charlie selbst. Hin und wieder werden Andeutungen gemacht: Offensichtlich war Charlie mal in einer psychiatrischen Klinik, und Michaels Selbstmord war nicht der einzige große Verlust, den er erlitten hat. Eine ganze Reihe ernster Themen beschäftigen den 15jährigen – Drogen, Halluzinationen, Selbstmord, Schuldgefühle, Verlust, sexueller Missbrauch und Gewalt – und dass er selbst es schafft, in seinem viel zu schwierigen Leben doch noch zurecht zu kommen, verdankt er seinen ungewöhnlichen Freunden und seiner Familie, die ihm die Unterstützung gibt, die er braucht.

 

Verfilmung von „Das also ist mein Leben“

Charlie, Patrick und Sam

Sich unendlich fühlen – Szenenbild aus „Vielleicht lieber morgen“

„Vielleicht lieber morgen“ ist die Verfilmung des Romans „Das also ist mein Leben“ von Stephen Chbosky, der auch das Drehbuch verfasste und selbst Regie führte. Wie bei Verfilmungen üblich musste an der einen oder anderen Stelle etwas gekürzt oder geändert werden, so dass ein paar Erzählstränge aus der Romanvorlage fehlen. Das ist zwar schade, der Film bleibt aber dennoch „rund“ und in sich stimmig.

Außerdem schafft die Verfilmung es, die Vielschichtigkeit und Ernsthaftigkeit des Buchs konsequent umzusetzen. Die vielen schwierigen Themen, die sich durch die Geschichte ziehen, werden nie einseitig schwarz oder weiß dargestellt, sondern immer sehr differenziert betrachtet. Das lässt sich leicht zurückführen auf Charlie, der ja nicht nur Hauptfigur, sondern auch Erzähler von „Vielleicht lieber morgen“ ist – und der bis zur Selbstaufgabe versucht, andere glücklich zu machen, und niemanden verurteilt, weil er mal einen Fehler macht.

Wer einen Coming-of-Age-Film mit vielen emotionalen Momenten, einer unglaublich sympathischen Hauptfigur und sehr viel Tiefe ansehen möchte, der ist in „Vielleicht lieber morgen“ absolut richtig aufgehoben.

„Vielleicht lieber morgen“ ist ab 1. November 2012 im Kino zu sehen.

Infos zum Film

Vielleicht lieber morgen
(The Perks of Being a
Wallflower)

USA, 2012
103 Minuten
Filmverleih: Capelight
Regie: Stephen Chbosky
Drehbuch: Stephen Chbosky
mit Emma Watson, Paul Rudd,
Logan Lerman, Ezra Miller,
Nina Dobrev
FSK: frei ab 12

 

Du magst „Vielleicht lieber morgen“? Dann gefällt dir vielleicht auch…

  • Der dreizehnte Monat (David Mitchell): Roman über ein Jahr im Leben eines 13jährigen in den 1980er Jahren in England
  • Skippy stirbt (Paul Murray): Roman über eine Jugend im Internat
  • Rushmore (Wes Anderson): Film über einen Jugendlichen, der sich und andere für das Leben begeistert

 

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Ein Kommentar

  • Gefiel mir auch. Nachvollziehbare Gefühle und schön gezeichnete Figuren mit Graautönen, nicht nur schwarz und weiß. Es hat eben jeder irgendwie seine Abgründe. Und dann noch ein absolut cooler Soundtrack!

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