Amy (Dokumentation von Asif Kapadia)

Berührende Dokumentation über eine besondere Künstlerin:

DVD-Cover Amy

DVD-Cover Amy

Wenn man sich für die Biographie von Amy Winehouse interessiert, muss man sich eigentlich nur all ihre Lieder in chronologischer Reihenfolge anhören. Sie könne keine Songs schreiben über etwas anderes als ihre ureigensten persönlichen Erfahrungen, sagte sie einmal in einem Interview, und so verarbeitete sie die vielen Rückschläge in ihrem Leben in Liedtexte – und weltberühmte Kunstwerke. Der Dokumentarfilm Amy, der für einen Oscar und zwei BAFTAs nominiert ist, zeigt nun vier Jahre nach ihrem Tod den Aufstieg und Fall dieser Ausnahmekünstlerin und bleibt dabei die gesamte Zeit über genau so persönlich wie Amys Texte.

Der Film konzentriert sich auf die Jahre 2002 bis 2011, auf die Zeit, in der Amy Winehouse bei ihren gelegentlichen Auftritten als Jazz-Sängerin entdeckt wurde und ihren ersten Plattenvertrag beim größten britischen Label erhielt. Der Freund, der ihr diesen Vertrag vermittelte – Nick Shymansky – war von da an über viele Jahre hinweg ihr Manager und noch länger einer ihrer wichtigsten Vertrauten. Der Vorschuss auf ihr Album Frank machte es ihr möglich, von zu Hause auszuziehen und ihr Leben mit Musik, Feiern und Alkohol zu verbringen. Zu dieser Zeit lernte Winehouse Blake Fielder-Civil kennen, dem sie regelrecht verfiel. Als Fielder sich von ihr trennte, fiel sie zum ersten Mal in ein Loch, das sie zunächst mit Alkohol und Drogen zu bekämpfen versuchte. Den Entzug, von dem Nick sie schon fast überzeugt hatte, ließ sie sein, weil ihr Vater fand, dass Amy keine Hilfe brauchte. Tatsächlich fand sie allein wieder auf die Füße: mit Hilfe ihrer Musik. Die Arbeit an ihrem zweiten Album Back to Black gab ihrem Leben wieder Sinn und Richtung. Auch der Erfolg blieb nicht aus – mit Back to Black wurde Amy Winehouse international zum Superstar.


 

Tragische Geschichte des Ausnahmetalents Amy Winehouse

Amy Winehouse als Teenager - da war die Welt noch in Ordnung

Amy Winehouse als Teenager – da war die Welt noch in Ordnung

Mit dem Erfolg kam auch Blake Fielder zurück – und brachte Amy, die auch vorher schon Drogenerfahrung hatte, mit Crack und Heroin in Berührung. Für Amy, die schon seit ihrem 15. Lebensjahr an Bulimie leidet, regelmäßig Alkoholexzesse erlebt und ohnehin sehr zerbrechlich ist, sind die Drogen ein weiterer Schritt auf dem längst eingeschlagenen Weg der Selbstzerstörung.

Regisseur Asif Kapadia ist es mit seiner Dokumentation gelungen, ein unglaublich nahbares und menschliches Bild der Person Amy Winehouse zu zeichnen, die sich hinter dem Weltstar verbarg, den zunächst alle bejubelten und dann verspotteten. Die zahlreichen Videos aus Winehouses Jugend und jungen Erwachsenenzeit zeigen eine zutiefst emotionale, verletzliche Frau, die mit dem Leben in dieser Welt überfordert ist und nur die Musik als Ausweg kennt. Viele schlechte Ratgeber in ihrem Leben – bei den Eltern angefangen – ebneten Amy den Weg, selbst viele schlechte Entscheidungen zu treffen. Dass Amy Winehouse in Blake Fielder ihren Seelenverwandten getroffen zu haben glaubte, wundert gar nicht. Schließlich war er der erste, der sie verstand, eine ähnlich instabile Kindheit hatte, sie aber auch immer wieder hinterfragte und ihr – aus ihrer Sicht – im Leben einiges voraus hatte. Endlich hatte sie jemanden gefunden, zu dem sie hinaufschauen konnte. Dies wurde durch Fielders immer wieder ablehnende Haltung und die vielen Trennungen noch verstärkt.

Gerade nach dem Erfolg von Back to Black, den Drogenexzessen, Fielders Verhaftung und etlichen abgesagten Konzerten wurde Amy Winehouse vom gefeierten Star zum Gespött der Medien. Dass ihre Geschichte aber deutlich tragischer ist als einfach die vom frühen, zu Kopf gestiegenen Erfolg, zeigt die Dokumentation immer wieder. Gerade die naiv-sorglosen Eltern, deren viele Fehleinschätzungen zwischen Dummheit und Verantwortungslosigkeit rangieren, trugen ungewollt zu Amys Absturz bei. Immer wieder gibt es extrem berührende Momente im Film, in denen klar wird, dass Amys früher Tod hätte verhindert werden können. Wenn der Vater beispielsweise erzählt, dass Amy die Scheidung der Eltern problemlos überwunden hat, und sie selbst in der nächsten Aufzeichnung darüber berichtet, wie sehr dies schon im Alter von neun Jahren ein Wendepunkt in ihrem Leben hin zum schlechteren war, wird sehr deutlich, wie wenig die Eltern auch heute noch über ihre eigene Tochter wissen. Dass die Mutter nichts unternahm, als ihre 15jährige Tochter an Bulimie erkrankte, sondern stattdessen davon ausging, dass sich das schon von selbst regeln würde, ist nur ein weiterer Schritt in der systematischen Vernachlässigung. Den Gipfel der Traurigkeit erreichen die Zeugnisse der Eltern jedoch, als Amy auf St. Lucia zum Drogenentzug ist, wo es ihr zum ersten Mal seit langer Zeit wieder besser geht, und der Vater mit einem eigenen Kamerateam anreist, um seine Lebensgeschichte – die natürlich eigentlich Amys Geschichte ist – verfilmen zu lassen. Als er sie dann noch vor laufender Kamera zurechtweist, weil sie zu Fans, die ein Foto von ihr machen wollten, aus seiner Sicht nicht freundlich genug war, und sie ganz offensichtlich nichts anderes möchte, als es ihrem Vater recht zu machen, kann man nicht anders als den Schmerz, den man ihr ansieht, mitzuempfinden. Seine Filmpläne hat Mitch Winehouse immer noch nicht an den Nagel gehängt – da er sich sehr darüber ärgert, wie schlecht er in der Doku wegkommt, möchte er nun einen eigenen Film über seine Tochter drehen, der ihr Leben aus seiner Sicht schildert.

Amy Winehouse und ihre Mutter

Amy Winehouse und ihre Mutter

Doch nicht nur Amys Eltern hätten sicher dazu beitragen können, den frühen Tod der Künstlerin zu verhindern. Gerade der Ruhm, die ständige Belagerung durch die Presse, die negativen Berichte machten der jungen Frau zu schaffen. Im Film gibt es ganze Fotostrecken, die Amy Winehouses Weg bis zu ihrer Wohnungstür wie ein Daumenkino dokumentieren. Die Sängerin, die nie ein Wort singen wollte, das sie nicht genau so empfand, hatte der Welt ihr Innerstes offenbart und zu Füßen gelegt. Und die Welt wollte immer mehr und mehr, bis sie die junge Frau komplett verzehrt hatte, die an der Welt und sich selbst zugrunde ging.

Die unglaublich tragische Geschichte von Amy Winehouse wird in dieser Dokumentation gefühlvoll, taktvoll und sehr nahbar erzählt. Die vielen Musik-Ausschnitte illustrieren immer wieder, welches Talent da verschenkt wurde. Und man fragt sich in sehr vielen Szenen, ob es nicht ganz einfach gewesen wäre, etwas zu ändern, ihren Tod zu verhindern. Vielleicht wäre das aber auch gar nicht auf Dauer möglich gewesen – die selbstzerstörerischen Tendenzen von Amy Winehouse lagen nicht in den Drogenexzessen, nicht im Ruhm, nicht in ihrer toxischen Beziehung mit Blake Fielder, sondern gingen viel weiter zurück, bis hin zu einem jungen Mädchen, das bereits als Teenager Anti-Depressiva nehmen musste.

Natürlich ist die Doku für alle Amy-Fans ein Muss. Aber auch für jeden Jazz- und Musik-Liebhaber und für all jene, die verstehen wollen, was die Welt aus einem Menschen machen kann, ist Amy ein echter Gewinn.

Infos zum Film

Amy

USA, 2015
127 Minuten
Filmverleih: Prokino Filmverleih
Regie: Asif Kapadia
Drehbuch: Asif Kapadia
FSK: frei ab 0

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