Catfish (Henry Joost, Ariel Schulman)

Fesselnde und zugleich berührende Doku über Identität und das Internet:

DVD-Cover Catfish

DVD-Cover Catfish

Yaniv „Nev“ Schulman lebt mit seinem Bruder Ariel in New York. Beide sind Mitte 20 und versuchen, in kreativen Berufen Fuß zu fassen, Nev als Fotograf und Ariel als Dokumentarfilmer. Als Ariel gerade mit seinem Freund Henry ein Thema für einen Film sucht, erhält Nev einen Brief von einem achtjährigen Mädchen aus dem 1.700 Kilometer entfernten Ishpeming in Michigan. Abby Pierce, so der Name des Mädchens, hat ein Foto abgemalt, das Nev für eine Tageszeitung gemacht hatte, und widmet ihm das Bild. Aus einem beigefügten Brief erfährt Nev, dass Abby schon länger malt, viele ihrer Bilder auch verkauft und demnächst eine eigene Galerie im Ort eröffnen wird. Die drei jungen Männer sind beeindruckt von Abbys Talent und Henry und Ariel entschließen sich, eine Dokumentation über das Wunderkind Abby aus der Sicht von Nev zu drehen. Abby schickt auch weiterhin Bilder, schreibt Nev Briefe und E-Mails und bald schon tritt Nev mit Abbys Familie in Kontakt. Über Facebook ist er bald mit Abbys Mutter Angela, ihrem Vater und ihrer Schwester Megan befreundet. Mit Angela telefoniert Nev sogar ein paar Mal, Abby bekommt er aber leider nie an den Apparat.

Doch das Interesse von Nev – und auch der Doku – wendet sich ohnehin bald einem anderen Thema zu. Denn Abbys Schwester Megan ist zwar nicht so künstlerisch begabt wie die Achtjährige, dafür aber im richtigen Alter und ziemlich attraktiv. Auch mit Megan tauscht Nev sich immer wieder über Facebook und über Mails aus, lernen sich näher kennen, stellen etliche Gemeinsamkeiten fest – und verlieben sich schließlich ineinander. Nach ein paar Telefonaten möchte Nev seine Angebetete endlich persönlich kennenlernen, doch bevor ein Treffen zustande kommt, stellen Ariel und er plötzlich ein paar Ungereimtheiten fest: Die Songs, die Megan angeblich für Nev selbst geschrieben und komponiert hat, findet er auf Youtube – von einer anderen Sängerin. Darauf angesprochen streitet Megan alles ab, behauptet, dass die Lieder selbstverständlich von ihr sind und versucht, ganz normal weiter mit Nev zu kommunizieren. Doch nicht nur Abby hat ganz offensichtlich gelogen. Auch das Gebäude, das Abby für ihre angeblich längst eröffnete Galerie gekauft haben will, steht noch im Internet zum Verkauf bereit. Nev will auf Grund des seltsamen Verhaltens sofort den Kontakt zu Megan, Abby und der gesamten Familie abbrechen, doch Ariel möchte herausfinden (und filmen), was und vor allem wer dahinter steckt – und überredet seinen Bruder, nach Ishpeming zu fahren, um sich selbst ein Bild von seinen Facebook-Freunden zu machen.



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Catfish auf Facebook

Catfish ist – ähnlich wie Dear Zachary – eine der Dokumentationen, deren Thema sich während des Drehs offensichtlich noch einmal (oder mehrmals) ändert und die ihre Spannung daraus ziehen, dass man als Zuschauer quasi „live“ miterlebt, was auch die Filmemacher während des Drehs erst erfuhren. Die Suche nach der Person, die sich auf Facebook als Megan ausgibt, ist dabei wahnsinnig spannend, gerade weil sie Teil einer Dokumentation ist. Gleichzeitig ist die Auflösung der Geschichte überraschend und extrem berührend und lässt einen mit der Frage zurück, warum sich jemand als jemand anderes ausgibt – und mit einer Antwort, die einem nicht gefällt, weil sie sehr viel über unsere Gesellschaft, unsere Werte und unser Miteinander aussagt.

Für Catfish gab es bisher weder einen deutschen Kino- noch einen DVD-Start, der Film ist jedoch in UK erhältlich und in gut sortierten Videotheken. Ein Grund für das Zögern der Verleihe, den Film ins Programm zu nehmen, sind ungeklärte Rechtsstreitigkeiten über im Film genutzte Musik.

Für Nev Schulman war Catfish der Einstieg in eine Karriere beim Fernsehen. MTV brachte 2012 die Reality Show Catfish: The TV Show (Catfish – Verliebte im Netz) heraus, die Menschen aufspürt, die sich auf Facebook als jemand anderes ausgegeben haben. Die Reihe läuft auch heute noch und wird von Nev Schulman moderiert.

Der Begriff Catfish fand sogar Eingang in die US-amerikanische Umgangssprache und bezeichnet heute jemanden, der eine falsche Identität im Internet nutzt, um Menschen kennenzulernen.

Die Authentizität von Catfish wurde angezweifelt, da die Kamera sehr oft bei wichtigen Dreh- und Angelpunkten der Geschichte zugegen war. Möglicherweise wurden einzelne Szenen nachgestellt, aber selbst wenn die ganze Geschichte ein Fake ist, bietet der Film eine wahnsinnig spannende Story, eine tiefe Aussage und ein – manchmal bedrückendes – Bild unserer Zeit.

Infos zum Film

Catfish
USA, 2010
104 Minuten
Regie: Henry Joost, Ariel Schulman
mit Nev Schulman, Henry Joost,
Ariel Schulman, Megan Faccio

 

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