Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich (Marcus Vetter, Karin Steinberger)

Packender Dokumentarfilm über den unglaublichen Kriminalfall Jens Söring: 4.5 Stars

Diese Geschichte von Liebe und Leidenschaft, Mord und Verrat, Unrecht und Kampf hätte kein Krimiautor besser schreiben können.

Ein bisschen Shakespeare, ein bisschen Dickens, etwas Bonnie und Clyde

Im März 1985 ereignet sich in Virginia, USA, ein grausamer Mord: Das wohlhabende Ehepaar Haysom wird tot in seinem Haus aufgefunden, voller Blut, mit zahlreichen Messerstichen am ganzen Körper. Schon bald gerät die zwanzigjährige Elizabeth, die Tochter der beiden, ins Visier der Ermittler. Von ihr und ihrem Freund Jens, einem Austauschstudenten und Diplomatensohn aus Deutschland, fehlt plötzlich jede Spur. Monate vergehen, bis der verantwortliche Detective einen Anruf von Scotland Yard erhält: Das flüchtige Liebespaar wurde in England gefasst. Die beiden hatten unter falschen Namen mehrfach Scheckbetrug begangen. Der Polizei erzählen beide, sie hätten den Mord ohne Hilfe des jeweils anderen begannen. Elizabeth litt unter einem tief erschütterten Verhältnis zu ihren Eltern, Jens tat es angeblich aus Liebe.



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Ein Jahr später startet der eigentliche Prozess vor Gericht, eine Mediensensation, die in die Geschichte eingehen soll, denn der Fall nimmt eine ungeahnte Wendung. Jens Söring widerruft seine Aussage und beteuert, er habe ein falsches Geständnis abgelegt, um seine Freundin vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Er glaubte, als deutscher Diplomatensohn käme er höchstens für ein paar Jahre in ein heimisches Gefängnis und könne danach mit Elizabeth zusammen sein. Auch am Tatort weist nichts auf Jens Söring hin, vieles aber auf Elizabeth Haysom. Die habe Jens zufolge selbst den Mord begangen und ihm unmittelbar darauf alles gebeichtet. Jens, 18-jährig, privilegiert und superintelligent, aber eben auch naiv und verliebt, entschied sich, den Mord auf sich zu nehmen und mit Elizabeth die Flucht zu ergreifen. Elizabeth jedoch – immer noch von der Todesstrafe bedroht – behauptet nun vor dem Richter, Jens habe ihre Eltern getötet und sie ihn lediglich dazu angestiftet.

Nun steht Aussage gegen Aussage, doch die Indizien sprechen recht eindeutig für Jens‘ und gegen Elizabeths Version. Dennoch: Die Geschworenen glauben Jens nicht. Er wird wegen Mordes zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt, Elizabeth bekommt wegen Anstiftung zweimal 45 Jahre. Elizabeth kommt in ein Frauengefängnis, Jens nicht weit von ihr ins Buckingham-Gefängnis in Virginia.

27 Jahre unschuldig im Gefängnis

Dort sitzt er seit 27 Jahren und beteuert nach wie vor seine Unschuld. Mehrere Revisions- und Gnadengesuche sind abgelehnt worden, obwohl Jens Söring mittlerweile zahlreiche Unterstützer hat, die an seine Unschuld glauben und für seine Freilassung kämpfen, darunter unter anderem die ehemalige Stellvertretende Staatsanwältin von Virginia und heutige Anwältin von Jens Söring sowie mehrere ehemalige Polizisten, die damals in dem Fall ermittelten.

Diese und viele weitere Beteiligte kommen in dieser spannenden Doku genauso zu Wort wie Jens Söring selbst. Elizabeth Haysom lehnte ein Interview ab. So bleibt von ihr in der Doku nur der Eindruck einer hasserfüllten Psychopathin, die als hochintelligente und charismatische Zwanzigjährige die Männer um den Finger wickelte und kaltblütig ausnutzte – wie sie es auch mit Jens Söring tat. Diesen wiederum lernen wir als bebrillten Mann Mitte / Ende 40 kennen, sympathisch, klug, reflektiert, dem man ein solches Verbrechen einfach nicht zutraut. Ungeachtet dieser vielleicht überzeichneten, jedenfalls einseitigen Darstellung der beiden Figuren sprechen auch immer wieder neu auftauchende Indizien eindeutig für Sörings Unschuld. Dies hätte ihm vor Kurzem fast zu seiner Überführung nach Deutschland verholfen. Ein Regierungswechsel und Haysoms erneutes Beharren auf ihrer Version machten diese Hoffnung jedoch zunichte.

Mehr als ein tragisches Einzelschicksal

Im Fokus dieser Dokumentation steht nicht das Verbrechen, sondern die Geschichte eines Menschen, der durch einen einzigen Fehler in seiner Jugend sein „komplettes Leben versaut“. Grimmepreisträger Marcus Vetter zeichnet gemeinsam mit Karin Steinberger einfühlsam und engagiert das Porträt eines Mannes, der seit 27 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen und seinen ermüdenden, doch nie endenden Kampf um Gerechtigkeit in einer fast ausweglosen Situation.

Es geht aber um mehr als um ein Einzelschicksal. Söring wird auch als Opfer eines durch und durch fehlerhaften und ungerechten US-amerikanischen Rechtssystems inszeniert, das mit bürokratischen Hürden und mit der über allem drohenden Todesstrafe so himmelschreiendes Unrecht wie das von Jens Söring erst möglich macht. Das macht diesen Film so wichtig. Marcus Vetter und Karin Steinberger verschaffen Jens Söring Gehör, einem von unzähligen unschuldig Inhaftierten, die abgeschottet in den Gefängnissen dieser Welt kaum Beachtung finden, hoffnungslos in ihrer Hilflosigkeit. Der Film gewann dafür den Öngören Preis für Demokratie und Menschenrechte auf dem 22. Filmfest Türkei in Nürnberg.

Spannend, bestürzend, exzellent

Vetter montiert in Das Versprechen einen wahren und schockierenden Krimi, zeigt harte Sheriffs und verstörende Blutbilder, verbindet Videomaterial aus dem Prozess mit heutigen Aussagen von Jens Söring und anderen Beteiligten. Besonders erschütternd sind auch die zahlreichen Liebesbriefe der zwei hochbegabten Jugendlichen, die von einer glühenden Leidenschaft einerseits und einer krankhaften Verzweiflung andererseits zeugen. Dabei bleibt Das Versprechen dauerhaft spannend, bestürzend, ohne reißerisch zu sein – kurzum eine exzellente Doku. Hollywood dürfte sich an dieser Story bald die Rechte sichern.

Jens Söring hat über die Jahre mehrere Bücher über seinen Fall geschrieben, eine Übersicht und weitere Infos gibt es auf seiner Webseite jenssoering.de. Heute fordern zahlreiche öffentliche Personen aus Deutschland und den USA seine Freilassung, darunter u. a. Angela Merkel und Chip Harding, Sheriff aus Virginia.

Infos zum Film

Das Versprechen – Erste Liebe Lebenslänglich
(The promise
)
Deutschland / USA 2016
119 Minuten
Studio: farbfilm home entertainment
Regie und Drehbuch: Marcus Vetter, Karin Steinberger
mit Imogen Poots (Stimme Elizabeth Haysom) und Daniel Brühl (Stimme Jens Söring)
FSK: 12

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