45 Years (Andrew Haigh)

Faszinierendes Drama über ein einschneidendes Erlebnis nach 45 Jahren Ehe: 5.0 Stars

DVD-Cover zu 45 Years

DVD-Cover zu 45 Years: Kate kann nur zuschauen, wie sich Geoff seiner Vergangenheit zuwendet

45 Jahre ist es her, dass Kate und Geoff geheiratet haben. Kate plant zu diesem Jubiläum ein Fest mit allen Freunden des Paares, um in ganz großer Runde die schon so lange währende Liebe zwischen ihr und Geoff zu feiern. „Ein seltsames Datum für eine Feier“, wie der Bankettmeister der Partylocation bemerkt. Doch Kate erklärt, dass sie eigentlich den 40. Hochzeitstag in dieser Runde feiern wollten, doch dann sei ihr Mann krank geworden und die Feier musste verschoben werden.

45 Years: eine lange Zeit für ein Paar

Kate und Geoff sind ein eingespieltes Team, die beiden lieben und respektieren sich ganz offensichtlich und das gemeinsame Leben mit ihrem Hund in einem schönen englischen Landhaus mit riesigem Garten bietet beiden eine unaufgeregte, überraschungsfreie Idylle. Die Tage scheinen durchritualisiert: Kate geht mit dem Hund spazieren, sie gibt Geoff seine tägliche Spritze, sie fährt in die Stadt und isst mit Geoff zu Abend.



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Ein Brief verändert alles

Eines Tages sitzt Geoff am Küchentisch und scheint verstört: Er hat einen Brief aus der Schweiz erhalten, in dem man ihm mitteilt, dass nun endlich die Leiche seiner Freundin Katja entdeckt wurde. Mit Katja war Geoff zusammen, bevor er Kate kennenlernte. Bei einer Wanderung war Katja in einem von Geoff unbeobachtetem Moment in eine Gletscherspalte gefallen. Obwohl dieses Ereignis und die Beziehung zu „seiner Katja“, wie Geoff sie Kate gegenüber nennt, über 45 Jahre zurückliegen, wühlt die Nachricht über den Leichenfund Geoff merklich auf und stellt in 45 Years den Point Of No Return dar. Geoffs Erzählungen machen immer deutlicher, welche Bedeutung Katja in seinem Leben hatte und wie intensiv die Beziehung gewesen sein muss. Die Tatsache, dass der Name „Katja“ eine Silbe länger ist als der sonst fast gleiche Name „Kate“, bestätigt den Eindruck, dass für Geoff die Liebe zu seiner damaligen Freundin vollkommen gewesen sein muss.

„Die Entscheidungen, die man trifft, wenn man jung ist, sind ziemlich verdammt wichtig.“ (Geoff)

Geoff beschäftigt sich mehr und mehr mit seiner gemeinsamen Vergangenheit mit Katja, blüht dabei zusehends auf und entdeckt alte Gewohnheiten wie das Rauchen und das Hören bestimmter Musik wieder. Zu Beginn des Films als von Kate abhängig dargestellt, erkämpft Geoff sich nach und nach immer mehr Selbständigkeit: So verbringt er ganze Nächte auf dem Dachboden und fährt unangekündigt allein in die Stadt. Dies führt zu einer Entfremdung zwischen den Eheleuten, die sich in größeren wie in kleineren Dingen zeigt. So erfährt Kate von bestimmten Entscheidungen ihres Mannes plötzlich nicht mehr im direkten Gespräch, sondern von einer Freundin oder der Mitarbeiterin eines Reisebüros.

Bildsymbolik in 45 Years

Die Bildsprache in diesem sonst sehr reduzierten Film ist gewaltig. Man sieht Kate in verschiedenen Szenen an, wie ihre Einsamkeit wächst und wie sich ihr Mann immer mehr von ihr entfernt, teils symbolisiert durch den gemeinsamen Hund und sein Verhalten gegenüber Kate: Zu Beginn des Films läuft der Hund beim Spaziergang mit Kate noch brav neben ihr her, ist vielleicht kurz abgelenkt, kehrt aber immer wieder schnell zu Frauchen zurück und schaut oft zu ihr hoch – die Abhängigkeit in jeglicher Hinsicht ist hier klar erkennbar. Später muss Kate den Hund beim Spazieren schon rufen, damit er zu ihr kommt. In der zweiten Filmhälfte ruft sie den Hund, doch er erscheint weder im Bild, noch kommt er zu ihr – Kate muss ihm hinterherlaufen.

Auch die Bilder der englischen Landschaft zeigen eine Veränderung: Spaziert Kate zu Beginn der Woche noch über gerade Wege, läuft sie später an einem isolierten Wäldchen vorbei, während die Kamera den Horizont leicht schief einfängt, so dass es aussieht, als führe Kates Weg auf unnatürliche Weise bergab. Später fährt sie in einem Ausflugsboot, doch anstatt die Landschaft in Fahrtrichtung anzuschauen, setzt sich Kate mit dem Rücken zu dem, was noch kommt, und betrachtet stattdessen, was hinter ihr liegt.

Wochentage als strukturierendes Element

45 Years wird durch die Wochentage in Kapitel unterteilt. Montags scheint die Welt von Kate und Geoff zunächst noch vollkommen in Ordnung, doch mit jedem weiteren Wochentag weichen Aktionen und Reaktionen von Ritualen ab, verschieben sich Dynamiken und verändern sich Gefühle und Beziehung. Neben Struktur bringen die fortschreitenden Wochentage eine natürliche Steigerung mit sich, denn alles läuft auf den Samstag zu, an dem das große Fest stattfinden soll. Natürlich fragt man sich als Zuschauer, ob es unter den gegebenen Umständen überhaupt dazu kommen wird.

Erschreckend und faszinierend zugleich zeigt 45 Years unglaublich realistisch, wie ein Fels aus 45 Jahren Ehe durch einen einzigen Brief innerhalb einer Woche aufbricht und nach und nach einfach zerfällt.

„Komisch, dass man die Dinge vergisst, die einen glücklich machen.“ (Kate)

Meine Meinung zu 45 Years

45 Years ist leider nur in einer Kategorie für einen Oscar nominiert, jedoch vollkommen berechtigt für das überzeugende Schauspiel von Charlotte Rampling (Beste Hauptdarstellerin). Viele Kritiker schreiben, Rampling habe noch nie so gut gespielt wie in diesem Film. Da ich die Britin in jedem ihrer Filme sehr beeindruckend finde, würde ich es anders formulieren: Für mich spielt sie in 45 Years einfach eine besonders überraschende Rolle, nämlich eine zutiefst verletzte Frau, die eigentlich stark ist, aber durch unvorhergesehene Ereignisse vollkommen aus der Bahn geworfen wird. Man folgt dieser Figur nur allzu willig in sämtliche emotionale Abgründe, weiß allein aufgrund ihrer Mimik, des Klangs ihrer Stimme und sogar ihrer reduzierten Gestik genau, was in ihr vorgeht, und spürt Adrenalin, Wut und Enttäuschung, wenn Kate Dinge entdeckt, die vielleicht besser unentdeckt geblieben wären. Dies alles schafft Charlotte Rampling und ich würde ihr allein dafür den Oscars als Beste Hauptdarstellerin wünschen. 45 Years gehört auf jeden Fall ab sofort zu meinen Lieblingsfilmen.

45 Years: Fazit

Der Film regt auf vielen verschiedenen Ebenen zum Nachdenken an, unter anderem: Ist es vielleicht grundsätzlich besser, manche Dinge gar nicht erst zu erfahren? Oder kommt es vor allem darauf an, wie man von solchen Dingen erfährt? Der Titel des Films legt die Vermutung nahe, dass man die dargestellte Gefühlswelt nur nachempfinden kann, wenn man eine ähnlich lange Beziehung führt oder geführt hat. Im Gegenteil lässt sich aber das Gedankenexperiment „Wie würde ich reagieren, wenn ich in der Situation wäre“ auch auf wesentlich kürzere Beziehungen übertragen, denn es geht hier vor allem um das Thema des Sich-betrogen-Fühlens und den Umgang damit.

45 Years ist ein tiefgründiger, intensiv berührender Film mit konsequenter Struktur, unvergesslicher Bildsprache, meisterhafter handwerklicher Umsetzung und fantastischen Schauspielern. Ich empfehle den Film jedem, der ruhige Dramen mit viel Bedeutung zwischen den Zeilen schätzt und sich für zwischenmenschliche Dynamiken interessiert.

Trailer zu 45 Years

 

Infos zum Film

45 Years
Großbritannien, 2015
92 Minuten
Filmverleih: Piffl Medien
Regie und Drehbuch: Andrew Haigh
Schauspieler: Charlotte Rampling, Tom Courtenay
FSK: frei ab 0

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