Albert Nobbs (Rodrigo Garcia)

Albert Nobbs bei der Arbeit - Szenenbild aus "Albert Nobbs"

Albert Nobbs bei der Arbeit – Szenenbild aus „Albert Nobbs“

Die Kellner links, die Kellnerinnen rechts: In Mrs. Bakers Hotel herrschen Ordnung und Hierarchie. Denn auch die Tatsache, dass das „Morrison’s“ von einer Frau geleitet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in Irland im 19. Jahrhundert in einer Welt von Männern für Männer lebt. Und ohne Geld oder Herkunft ist es schwierig, in dieser Welt einen Platz zu finden. Doch Albert Nobbs hat sich arrangiert: Er ist der zuvorkommendste der Kellner des „Morrison’s“, merkt sich die Vorlieben und kleinen Eigenheiten aller Stammgäste und schafft es, nahezu unsichtbar zu werden, wenn er den Gästen im Weg sein könnte – begegnet er jemandem auf dem Flur, scheint er zu einem Stück des Inventars zu werden, bis der Gast an ihm vorbeigegangen ist, egal, ob es sich dabei um ungehobelte Betrunkene oder vorlaute Kinder handelt. Ansonsten hält Albert sich aus allem heraus. Er pflegt kaum Kontakt zu den Kollegen und schon gar nicht zu Menschen außerhalb seines Hotel-Mikrokosmos. Stattdessen hofft er auf eine undefinierte bessere Zukunft. Penibel führt er Buch über die üppigen Trinkgelder, die seine Professionalität ihm einbringt, und unter dem Fußboden seines kleinen Zimmers hat er bereits ein kleines Vermögen angehäuft.

 


 

Suche nach der passenden Nische im Leben

Das gesamte Hotel fiebert dem anstehenden Kostümball entgegen, so dass die Hilfe von Joe Mackins (Aaron Taylor-Johnson) gerade recht kommt. Dass er nur wenige Stunden vorher aus seinem alten Job rausgeflogen ist, keinerlei Referenzen hat und nun jeden Job annimmt, um über die Runden zu kommen, spielt da keine besondere Rolle. Auch Hubert Page hilft noch kurz vor dem großen Fest aus. Der Maler soll die nötigsten Ausbesserungen an den Wänden vornehmen. Da er über Nacht im Hotel bleibt, um rechtzeitig fertig zu werden, wird ihm – ganz standesgemäß – eine Hälfte des Betts von Albert Nobbs zugewiesen, der sich mit Händen und Füßen und vergeblich wehrt.

Schnell eingelebt: Joe Mackins hat sich Helen angelacht - Szenenbild aus "Albert Nobbs"

Schnell eingelebt: Joe Mackins hat sich Helen angelacht – Szenenbild aus „Albert Nobbs“

Was Nobbs schon in dem Moment, als Mrs Baker ihm ihre Belegungspläne für die Nacht mitteilt, befürchtet, wird wahr – sein größtes Geheimnis lässt sich auf Grund der ungewollten Nähe zu dem fremden Mann nicht länger Verbergen: Unter dem perfekt sitzenden Anzug, dem starren Puppengesicht und der anhaltenden Schüchternheit steckt in Wahrheit kein ganz normaler Kellner, sondern eine Frau. Für Albert Nobbs ist die einzige Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, längst zur gelebten und gefühlten Realität geworden, um die er nun fürchtet, da seine Identität entdeckt ist. Nach einer auf dem Boden verbrachten Nacht und einem Tag voller Befürchtungen und Angst, versichert Page Nobbs jedoch endlich glaubhaft, dass sein Geheimnis sicher ist, denn Page selbst ist in exakt derselben Situaton wie Nobbs. Nur führt der Maler kein isoliertes Leben wie der Kellner, sondern ist mit einer Frau verheiratet, die ihn so akzeptiert, wie er ist. Die Begegnung mit Page und das Beispiel seines „bürgerlichen“ Lebens geben Albert Nobbs den Mut, seine geheimen Hoffnungen endlich kundzutun und seine junge Kollegin Helen (Mia Wasikowska) um eine Verabredung zu bitten. Diese hat jedoch längst ein Auge auf Joe Mackins geworfen und sieht in Albert Nobbs nur eine gute Möglichkeit, an Geschenke für sich selbst und ihren Angebeteten zu kommen.

Endlich eine Verabredung: Helen geht mit Albert spazieren - Szenenbild aus "Albert Nobbs"

Endlich eine Verabredung: Helen geht mit Albert spazieren – Szenenbild aus „Albert Nobbs“

„Albert Nobbs“ ist keine Verkleidungskomödie, sondern ein Drama über die Suche nach der eigenen Identität und nach einer Möglichkeit, in der Welt so zu leben, wie man es sich wünscht. Für Albert Nobbs (gespielt von Glenn Close), dessen „Mädchennamen“ man den ganzen Film hindurch nicht erfährt, ist dies ein Leben als Mann. Zurecht waren sowohl Glenn Close als auch Janet McTeer, die Darstellerin des Hubert Page, 2012 für einen Oscar nominiert. Ebenfalls eine Oscar-Nominierung erhielt das Make-up des Films, das bei der Maske der beiden Frauen den ganzen Film hindurch hervorragend ist, aber in einer Szene besonders brilliert: Albert Nobbs und Hubert Page versuchen, wie es sich anfühlt, in Frauenkleidern auf die Straße zu gehen und sehen dabei aus wie verkleidete Männer, ohne jedoch in „Little Britain“-Slapstick abzugleiten.

„Albert Nobbs“ ist die Verfilmung einer Kurzgeschichte von George Moore aus dem frühen 20. Jahrhundert. Bereits in den 1980ern wurde „Albert Nobbs“ für das Theater adaptiert, wo Glenn Close auch in dem Stück spielte. Die Adaption für den Film wurde von ihr 15 Jahre lang vorangetrieben. Am Drehbuch wirkte sie zusammen mit dem irischen Autor John Banville („Die See“, „Das Buch der Beweise“) mit und an der Produktion war sie ebenfalls beteiligt.

Mit einiger Verspätung startet „Albert Nobbs“ nun am 26.9.2013 in den deutschen Kinos. Eine wunderbare Geschichte über das Aufbegehren gegen den zugewiesenen Platz im Leben.

Infos zum Film

Albert Nobbs
UK/Irland, 2011
113 Minuten
Filmverleih: Pandastorm Pictures
Regie: Rodrigo Garcia
Drehbuch: Glenn Close, John Banville,
Gabrille Prekop
mit Glenn Close, Mia Wasikowska,
Aaron Taylor-Johnson, Janet McTeer
FSK: frei ab 6

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