Captain Phillips (Paul Greengrass)

Spannendes, bewegendes und differenziertes Drama mit toller schauspielerischer Leistung: 4.5 Stars

Packshot Captain Phillips

Packshot Captain Phillips

Dass man Geld nicht „machen“ kann, weiß man spätestens seit der Finanz-Doku Let’s make Money. Geld verdient man, das heißt, man tauscht es gegen etwas, was jemand anderes haben möchte, oder man nimmt es ihm gleich weg. Dieses Tauschen, dieses Wegnehmen, das existiert bei uns nur noch in sehr mittelbarer Form, so dass wir Dokumentationen wie die oben genannte benötigen, um uns zu erklären, was wir da eigentlich tun. Je weiter entfernt man jedoch von Finanzmärkten, virtuellem Geld und klimatisierten Bürojobs ist, desto unmittelbarer hat Geldverdienen mit Wegnehmen zu tun.

Richard Phillips (Tom Hanks), Kapitän der US-Handelsmarine, bricht zu seinem Auftrag auf: Hilfsgüter sollen nach Mombasa in Kenia gebracht werden. Für Phillips und seine Frau Andrea (Catherine Keener) ist dies so sehr Routine, dass die Verabschiedung am Flughafen so beiläufig ausfällt wie vor einem Einkaufsbummel. Dabei hat es die Strecke, die Captain Phillips vor sich hat, in sich: An der Küste von Somalia vorbei geht die Route, und diese Strecke ist bekannt für Überfälle durch somalische Piraten.


 

Captain Phillips: Schiffsentführung und Geiselnahme

Während Phillips seine Besatzung auf die Gefahren vorbereitet, macht sich auch Abduwali Muse (Barkhad Abdi) auf den Weg zur Arbeit. Die einzigen beiden Berufszweige, die es für junge Männer in seiner Heimat Somalia gibt, sind der Fischfang und die Piraterie, und welcher davon der lukrativere und vielversprechendere ist, muss nicht weiter erklärt werden. Die Jungen – denn älter als 18, 19 sind weniger, jünger dagegen viele – streiten sich darum, wer auf dem nächsten Schiff mitfahren darf, um ordentlich Geld zu verdienen. Muse ist dabei, und sein Ehrgeiz ist es, mit einem möglichst hohen Betrag wieder zu Hause aufzukreuzen.

Wie eine Jagd ist die Suche nach einem geeigneten Schiff für einen Überfall aufgezogen: Ganz rational wird das Schiff als Ziel ausgewählt, das sich außerhalb der „Herde“ der anderen Schiffe bewegt, weil es ein wenig hintendran ist, und natürlich ist dies das Schiff von Captain Phillips. Einen ersten Angriff kann Phillips durch eine List abwehren, doch von zwei „Fischerbooten“ bleibt eins ihnen auf den Fersen: das von Muse. Ein bisschen erinnert das Entern des Schiffs durch die Piraten an einen Kampf zwischen David und Goliath. Auf der einen Seite ein riesiges Containerschiff mit mehr als zwanzig Mann Besatzung, modernster Technik und Wasserwerfern, auf der anderen Seite ein Boot mit vier Piraten, die hierzulande noch zur Schule gehen würden, und einer Leiter. Was die Piraten jedoch haben und was ihnen gegenüber der Schiffsbesatzung Macht verleiht sind vier Maschinengewehre und vor allem nichts zu verlieren. Captain Phillips hat seine Crew auf diese Situation vorbereitet; bis auf ihn und zwei weitere Besatzungsmitglieder hält sich die gesamte Mannschaft zum Zeitpunkt der Schiffsübernahme durch die Piraten im Maschinenraum versteckt. Während Phillips auf Zeit spielt und die Entführer durch List überzeugen will, führen die versteckten Mannschaftsmitglieder einen Guerilla-Krieg gegen die zahlenmäßig unterlegenen Piraten. So schafft die Crew es, Muse in ihre Gewalt zu bringen und gegen ihren eigenen Kapitän, ein Rettungsboot und 30.000 Dollar auszutauschen, doch der Geiselaustausch misslingt und Captain Phillips wird von den Piraten im eigenen Rettungsboot entfürt.

Captain Phillips ist ein äußerst spannender Thriller, auch wenn man – der Fall beruht auf einer wahren Begebenheit – aus den Medien wahrscheinlich schon weiß, wie der Film endet. Dennoch sind die einzelnen Stationen der Geiselnahme so authentisch und realitätsnah erzählt, dass man die meiste Zeit einfach nur atemlos zuschaut, wie die Situation auf dem Schiff eskaliert und außer Kontrolle gerät. Die Zustände im Rettungsboot sind so klaustrophobisch, dass man die zunehmende Verzweiflung von Captain Phillips – grandios gespielt von Tom Hanks – am eigenen Leib miterlebt.

Besonders beeindruckt hat mich darüber hinaus die differenzierte Erzählweise des Films, die die beiden aufeinandertreffenden Seiten gleichermaßen ernst nimmt: Der eine macht sich auf den Weg, Hilfsgüter in Form von Nahrungsmitteln und Medikamenten nach Afrika zu bringen, der andere will die Gelegenheit nutzen und für ein Schiff oder notfalls ein Menschenleben mehrere Millionen Dollar zu erpressen. Damit wären die Sympathien in manch anderem Film klar verteilt. Zum Glück macht Captain Phillips es sich nicht so leicht. Statt sich auf ein simples Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Spiel zu beschränken, zeigt Captian Phillips auch Zusammenhänge auf zwischen der Selbstverständlichkeit, mit der man sich im Westen jederzeit im Recht sieht, und der Ausweglosigkeit in Ländern wie Somalia. Die jungen Piraten, gegen die US-Amerikaner aufgepeitscht durch ihre Stammesältesten, wissen zwar, wie man ein Maschinengewehr bedient und ein Boot fährt, sind aber in vielerlei anderer Hinsicht erstaunlich naiv. Wie groß beispielsweise der Unterschied zwischen den angebotenen 30.000 und den später geforderten 10 Millionen Dollar ist, scheint keinem der Piraten wirklich klar zu sein. Aber dass man von ihnen „Millionen Dollars“ zu Hause erwartet, reicht als Begründung für jegliche Forderung. Doch auch Muse merkt, dass er möglicherweise von seinen Stammesältesten nur ausgenutzt wird, und ganz selten, dann aber um so deutlicher, blitzt zwischen dem Piraten-Anführer und Captain Phillips ein wenig Verständnis und sogar so etwas wie Vertrauen auf.

Eine besondere Erwähnung verdient meiner Meinung nach auch Tom Hanks, der Richard Phillips in verschiedensten Facetten – als autoritäre Führungspersönlichkeit, als rationalen Strategen, als verantwortungsvollen Chef und als Mann am Ende seiner Kräfte – immer einfühlsam, emotional und absolut überzeugend spielt.

Captain Phillips war 2014 für insgesamt fünf Oscars nominiert, darunter in der Kategorie „Bester Film“. Gewonnen hat der Film leider keinen, was aber sicher auch an der starken Konkurrenz in den jeweiligen Kategorien lag.

Die DVD und BluRay Captain Phillips erscheint am 14.3.2014 auf DVD. Wer den Film im Kino verpasst hat, kann – und sollte – das jetzt nachholen.

Infos zum Film

Captain Phillips
USA, 2013
134 Minuten
Filmverleih: Sony Pictures
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Billy Ray
mit Tom Hanks, Catherine Keener,
Barkhad Abdi
FSK: frei ab 12

 

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