Citizen Kane (Orson Welles)

Zeitloses Meisterwerk über einen Medien-Magnaten: 5.0 Stars

Citizen KaneOrson Welles, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, war gerade einmal 26 Jahre alt, als er den Film drehte, der noch heute in weiten Kreisen von Film-Fans und -Experten als der beste Film aller Zeiten gilt. Bereits zwei Jahre vor Fertigstellung hatte der amerikanische Filmverleih RKO-Productions Welles nach seinen Erfolgen am Theater und mit der mittlerweile weltberühmten Radio-Inszenierung von Krieg der Welten dem Wunderkind der Kulturszene ein Angebot gemacht, das dieser nicht ausschlagen konnte. Völlig freie Hand bei Besetzung, Story-Wahl und beim Schnitt hatte man Orson Welles zugesichert, doch nach zwei gescheiterten Versuchen mit anderen Film-Stoffen zweifelte man in Hollywood daran, ob der Neuling im Filmgeschäft überhaupt noch etwas auf die Leinwand bringen würde.

Doch Welles strafte alle Zweifler Lügen: Mit seinem Debütfilm Citizen Kane setze er neue Maßstäbe in filmischer Technik und Erzählweise. Die Geschichte über den Medien-Magnaten Charles Foster Kane war für insgesamt neun Oscars nominiert und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Schon der Beginn des Films führt in die für die 1940er Jahre völlig ungewöhnliche nicht-lineare Erzählweise ein: Hauptfigur Charles Foster Kane (dargestellt von Orson Welles selbst) stirbt in der zweiten Szene des Films einsam auf seinem Luxus-Anwesen Xanadu, lässt mit seinem letzten Atemzug eine Schneekugel, die er in der Hand hält, fallen und sagt nur noch ein Wort: Rosebud. Um in der Wochenschau nicht die gleiche altbekannte Zusammenfassung von Kanes Leben zu liefern, wird Reporter Jerry Thompson losgeschickt, um alles über die Bedeutung dieses seltsamen Worts herauszufinden.


 

Citizen Kane: Schlüssel-Film und cineastisches Meisterwerk

Thompson besucht nacheinander Kanes zweite (Ex-)Frau, eine erfolglose Sängerin, seinen ehemalige Manager Bernstein und seinen einstigen Vertrauten und Geschäftspartner Jed Leland. In Rückblenden lassen diese das Leben von Citizen Kane Revue passieren, das durch den absoluten Willen zum Aufstieg und Kompromisslosigkeit gegenüber seinen Mitmschen und auch sich selbst geprägt war. Kanes Eltern, die durch Zufall an Reichtum gekommen sind, geben ihren Sohn in die Obhut von Bankier Walter Thatcher, der dem Jungen beibringen soll, wie er später sein Geld noch mehren kann. Dieses traumatische Erlebnis stellt bereits früh die Weichen für einen später beruflich erfolgreichen Mann, der jedoch kaum eine persönliche Bindung zulässt. Kane, der aus allen Schulen fliegt und seinen eigenen Kopf hat, interessiert sich nicht für sein Vermögen, als er es an seinem 25. Geburtstag selbst übernehmen soll. Stattdessen möchte er die kleine New Yorker Tageszeitung The Inquirer selbst herausgeben, weil er glaubt, dass das Spaß machen müsste. Aus der seriösen Zeitung macht Kane ein Boulevard-Blatt, das höchste Auflagen erzielt und den Grundstein zu seinem Medien-Imperium in den ganzen USA bildet. Eine politische Karriere, die er als Krönung seines Strebens nach Macht ansehen würde, bleibt ihm jedoch auf Grund seines eigenen Stolzes verwehrt.

Die ehemaligen Weggefährten Kanes erzählen Thompson die wichtigsten Stationen des Medien-Moguls, doch keiner von ihnen kann Auskunft über das Wort Rosebud geben. Im Grunde wissen selbst die engsten Vertrauten von Kane nicht, was diesen im Innersten und im letzten Augenblick seines Lebens ausmachte.

Nicht nur die unchronologische Erzählung machte Citizen Kane zu einem Meilenstein der Filmgeschichte und einem der wichtigsten Wegbereiter für künftige Regisseure. Auch die Kameratechnik setzte neue Maßstäbe: weite Fahrten an Gebäuden hoch über das Dach durch ein Fenster hinein boten nie dagewesene Perspektiven. Zusätzlich setzte Welles die Bildsprache ausgiebig ein, um inhaltliche Dimensionen zu unterstreichen: Sehr oft wurden Personen von unten oder oben gefilmt, je nachdem, welche Stellung diese im Film einnimmt. Kane wird häufig von unten gefilmt, aus einer Perspektive, die ihn noch größer scheinen lässt. Seine zweite Frau Susan Alexander sitzt dagegen oft auf dem Boden und wird von der Decke aus gefilmt, so dass sie neben Kane noch unbedeutender wirkt. Zahlreiche Spiegelungen sind im Film zu sehen, und besonders auffällig ist, dass Reporter Jerry Thompson, aus dessen Sicht die Rahmenhandlung des Films erzählt ist, nie von vorne zu sehen ist. Man erlebt seine Recherche als Zuschauer auch kameratechnisch direkt aus seiner Perspektive. Ebenfalls ungewöhnlich war, dass die selben Schauspieler einzelne Figuren über einen Zeitraum von vierzig Jahren hinweg spielten. Noch heute hat die fantastische Maske des Films nichts an Eindruckskraft verloren.

Citizen Kane-Autor, -Regisseur, -Produzent und -Hauptdarsteller Orson Welles

Citizen Kane-Autor, -Regisseur, -Produzent und -Hauptdarsteller Orson Welles

Da Orson Welles für Citizen Kane das Drehbuch (gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz) schrieb, die Regie übernahm, an der Produktion beteiligt war und die Hauptrolle spielte, wird der Film teilweise auch als der erste Autorenfilm des amerikanischen Kinos genannt.

Leider war Citizen Kane trotz einhellig begeisterter Kritiker-Meinungen kein kommerzieller Erfolg vergönnt. Der Grund hierfür war, dass Orson Welles sich für seine Figur des Macht-Menschen Kane reale Vorbilder seiner Zeit gesucht hatte, allen voran Zeitungsmagnat William Randolph Hearst. Hearst erkannte sich und seine Frau in dem Film wieder und war alles andere als erfreut über die Darstellung seiner Person. Er versuchte alles, um Welles an einer Verbreitung des Films zu hindern, doch Welles wollte sein Meisterwerk nicht dem Publikum vorenthalten. Und so nutzte Hearst seine Medien-Macht, um schlecht über den Film zu berichten oder gar Kinobetreiber dahingehend zu beeinflussen, Citizen Kane gar nicht erst zu spielen. Entsprechend erhielt der Film kaum Publikum. Für Welles bedeutete dies, dass er nie wieder die gleiche freie Hand erhielt wie bei der Erschaffung seines Debütfilms. Zwar entstanden unter Welles‘ Regie noch weitere Meisterwerke wie Der Prozess oder Der dritte Mann, jedoch konnte er nie wieder seinem kreativen Potenzial so ungebremst Lauf lassen wir im wohl besten Film aller Zeiten.

Bildnachweis: By RKO Radio Pictures [Public domain], via Wikimedia Commons

Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

Infos zum Film

Citizen Kane
USA, 1941
141 Minuten
Regie: Orson Welles
Drehbuch: Herman J. Mankiewicz, Orson Welles
mit Orson Welles, Joseph Cotten,
Dorothy Comingore, Everett Sloane,
Ray Collins

 

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