Der Geschmack von Apfelkernen (Vivian Naefe)

Filmplakat "Der Geschmack von Apfelkernen"

Filmplakat „Der Geschmack von Apfelkernen“

Es gibt dieser Tage einen etwas rührseligen Werbespot eines Bausparversicherers, dessen Tenor lautet, dass ein Haus mehr ist als der Ort, an dem man wohnt. Die Botschaft dahinter ist, dass man sich mit einer Immobilie ein Stück vom Glück kauft, und mit nicht weniger im Gepäck sollte man ankommen, wenn man sechsstellige Beträge verlangt. Während ich „Der Geschmack von Apfelkernen“ sah, musste ich an sehr vieles denken, unter anderem aber an diesen Spot, daran, wie unwahrscheinlich es heute ist, dass ein Haus tatsächlich auf Dauer mehr ist als ein Platz zum Wohnen. Zunehmende Mobilität und von Gesellschaft oder einem selbst eingeforderte Flexibilität lassen es kaum noch zu, dass ein Haus die Generationen überdauert und zum steinernen Gedächtnis einer ganzen Familie wird.

Im Buch (auf dem „Der Geschmack von Apfelkernen“ beruht) und Film gibt es das zum Glück noch: eine Familie, mehrere Generationen, ein Haus. Dieses Haus erbt Iris (Hannah Herzsprung) von ihrer Großmutter Bertha, die selbst dort aufgewachsen ist. Ob sie das Erbe antreten will, weiß sie noch nicht, denn zwischen den vielen schönen Erinnerungen verstecken sich auch einige, die Iris am liebsten gar nicht mehr an sich heranlassen möchte. Das Haus scheint die Erinnerungen nicht nur zu beherbergen, sondern schreibt sie offenbar in sich selbst ein: Wie sonst sind solch magische Momente zu erklären, in denen rote Johannisbeeren aus Trauer um eine verlorene Schwester über Nacht weiß werden, oder dass wirkliche Liebe einen Apfelbaum auch zwei Mal zum Blühen bringt?

 


 

Mosaik an Erinnerungen

Mit Iris‘ Gang durch das geerbte Haus kommen Zimmer für Zimmer die Erinnerungen zurück, an bei der Großmutter verbrachte Sommerferien und an Spiele mit Cousine Rosmarie und der Nachbarin Mira, die mit zunehmendem Alter riskanter und bedeutungsvoller wurden. Rosmarie, die Mira und Iris gerne gegeneinander ausspielte, um selbst ihre Macht in ihrer Dreierkonstellation zu behaupten, duldete keinen Widerstand und machte selbst nicht davor halt, ihrer eigenen Tante den lang ersehnten Freund auszuspannen – bis all ihre Machtspiele in einem besonders riskanten nächtlichen Ausflug gipfelten, bei dem sie tödlich verunglückte. Wie ein Mosaik finden die einzelnen Teile aus Gegenwart und verschiedenen Zeitpunkten der Vergangenheit – die Jugendzeit der Großmutter, die Kindheit und Jugend von Iris und Rosmarie – zueinander. Und während Iris sich in Miras Bruder, der gleichzeitig Berthas Nachlassverwalter ist, verliebt, stellt sie sich gleichzeitig der traurigsten Erinnerung, die sie bisher erfolgreich verdrängt hat: Dem Unfall ihrer Cousine Rosmarie.

Glückliche Zeiten: Die ganze Familie beim Osterfrühstück - Szenenbild aus "Der Geschmack von Apfelkernen"

Glückliche Zeiten: Die ganze Familie beim Osterfrühstück – Szenenbild aus „Der Geschmack von Apfelkernen“

„Der Geschmack von Apfelkernen“ handelt vom Erinnern, vom Vergessen und von Verlust. Ob die Großmutter, die Tochter, die Cousine oder die einzig wahre Liebe: jede der Figuren hat jemanden verloren, ohne den das Leben nicht mehr ist wie vorher. Manchmal fällt es da leichter, die Vergangenheit einfach ruhen zu lassen, statt sich Fragen nach dem „Warum?“ zu stellen. Gerade Iris hat für sich selbst entschieden, dass sie gar nicht so genau wissen will, was sich alles ereignet hat, bevor und als Rosmarie starb.

Ein bisschen braucht man, um sich in „Der Geschmack von Apfelkernen“ einzufinden: sehr viele Personen, viele unterschiedliche Zeiten und etliche Handlungsstränge machen es einem gerade anfangs nicht leicht, sich in der Geschichte – bzw. in den Geschichten – zurechtzufinden. Allein acht Liebesgeschichten werden erzählt, einige mehr angedeutet, zwei wichtige Figuren sterben auf tragische Weise und die Tatsache, dass Iris‘ Tante Inga (Marie Bäumer) aus ihren Fingern Funken sprühen lassen kann, könnte die Basis für eine ganze Geschichte sein – wird hier aber nur am Rande erwähnt. Etwa die erste halbe Stunde fragt man sich, wo der Film eigentlich hin will, danach aber lässt man sich treiben mit den Erzählungen, die so bunt gemischt und bruchstückhaft sind wie die Erinnerungen selbst.

Machtspiel: Rosmarie (Paula Beer, rechts) kennt keine Angst - Szenenbild aus "Der Geschmack von Apfelkernen"

Machtspiel: Rosmarie (Paula Beer, rechts) kennt keine Angst – Szenenbild aus „Der Geschmack von Apfelkernen“

Trotz der recht dicht gepackten Geschichten schafft der Film es, absolut glaubwürdige Figuren zu entwickeln: Besonders gut gelingt dies bei Rosmarie, die auf den ersten Blick boshaft, intrigant und machtbesessen scheint, aber bei genauerem Hinsehen eine große Schwäche und Einsamkeit offenbart.

Die Romanvorlage zu „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist der Debütroman von Katharina Hagena, der sehr schnell zum Bestseller avancierte und mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

„Der Geschmack von Apfelkernen“ läuft am 26. September 2013 im Kino an. Vielleicht ist der Film ein wenig rührselig, genau wie der Werbespot, ganz sicher aber ist „Der Geschmack von Apfelkernen“ ein sehr berührender Film über den Wunsch nach Vergessen und einem Neuanfang, der besonders durch herausragende Nebendarsteller glänzt.

Infos zum Film

Der Geschmack von Apfelkernen
Deutschland, 2013
Filmverleih: Concorde Filmverleih
Regie: Vivian Naefe
Drehbuch: Uschi Reich
mit Hannah Herzsprung, Marie Bäumer,
Meret Becker, Paula Beer,
Florian Stetter, Friedrich Mücke
FSK: frei ab 12 Google

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