Der Gott des Gemetzels (Roman Polanski)

Ich gehe ja eher wenig ins Kino. Nicht wegen der Filme – die mag ich – sondern weil ich gerne vorher weiß, mit wem ich diese ansehen werde. Von selbst komme ich nur ganz selten auf die Idee, mir mal einen Film vor dem DVD-Release anzuschauen. Aber wenn man mich fragt, gehe ich mit. Und manchmal kommt was Gutes dabei heraus. Wie letzten Samstag. Dass alle Welt von „Der Gott des Gemetzels“ spricht, hatte ich natürlich mitbekommen, und dennoch wusste ich fast gar nichts über den Film, als ich in der vorletzten Reihe Platz nahm, außer, dass er auf einem Theaterstück von Yasmina Reza basiert und toll besetzt ist. Und so konnte ich ganz unvoreingenommen der Dinge harren, die da kamen.

Kultivierte Bildungsbürger regeln alles gütlich

Die Handlung von „Der Gott des Gemetzels“ ist sehr schnell erzählt: Zwei New Yorker Ehepaare treffen sich, um sich über einen Vorfall auszutauschen, der zwischen ihren elfjährigen Söhnen stattgefunden hat: Der eine hat dem anderen mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. Aber man ist gebildet und kultiviert, und daher gehen die Parteien nicht aufeinander los, um Schuldzuweisungen auszutauschen, sondern klären erst einmal, welche Worte man in der Stellungnahme verwendet oder nicht. Statt „bewaffnet mit einem Stock“ wählt man lieber das neutralere „ausgestattet mit einem Stock“, um bloß nicht wertend oder urteilend zu sein.

Man isst gemeinsam Kuchen, trinkt Kaffee, macht Small Talk und versucht, jedweden Konflikt durch nahezu grenzenlose Kompromissbereitschaft schon im Keim zu ersticken. Dabei sind die beiden Paare sehr unterschiedlich: Die Longstreets, deren Sohn angegriffen wurde, passen auf den zweiten Blick selbst in die “Opferrolle”, die auch der Sohn innehat. Er (John C. Reilly) verkauft Eisenwaren und stellt sie (Jodie Foster) als Schriftstellerin vor, obwohl sie eigentlich in einer Buchhandlung arbeitet und “nur” Co-Autorin eines Sachbuchs war, aber bald das nächste verfassen möchte. Den Cowans dagegen sieht man an, dass sie im Leben den längeren Strohhalm gezogen haben. Nancy (Kate Winslet) ist Anlageberaterin und Alan (Christoph Waltz) vertritt als Anwalt diejenigen, die es sich leisten können, also Konzerne. Vor allem Alans Beruf spielt immer wieder eine Rolle, denn außer den vier anwesenden Personen kommt seinem Handy in „Der Gott des Gemetzels“ eine wichtige Funktion zu: Immer wieder klingelt es, und Alan muss die Fäden für einen Pharmakonzern ziehen, dessen wichtigstem Produkt in einer Studie heftige Nebenwirkungen nachgewiesen wurden.



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Masken der Zivilisation und Menschlichkeit

Während die Cowans mehrfach aufbrechen wollen, sind die Longstreets noch nicht mit dem Ergebnis der Unterredung zufrieden, wünschen sich eine Entschuldigung von dem Jungen und schaffen es, die Cowans immer wieder in die Wohnung und ins Wohnzimmer zurück zu holen. In dessen Enge spielt sich dann auch der größte Teil des Geschehens von „Der Gott des Gemetzels“ ab – ganz theaterhaft eben. Nach und nach lassen die kultivierten Bildungsbürger ihre Masken fallen, die Vorwürfe kommen doch noch, unterschiedliche Allianzen werden gebildet und wieder aufgelöst, bis am Ende jeder auf jeden losgeht. Der einzige, der sich von Anfang an nicht wirklich verstellt hat, ist der Anwalt Alan Cowan. Ihm sah man schon zu Beginn an, dass er all das Reden und Beschwichtigen für eine Farce hielt, und er geht sichtlich auf, als die anderen sich anmerken lassen, dass er damit Recht hatte.

Insgesamt ist „Der Gott des Gemetzels“ ein wirklich sehens- und empfehlenswerter Film, der durchaus einen Besuch im Kino rechtfertigt. Zum Teil sehr lustig, aber manchmal auch bestürzend realitätsnah (und an zwei Stellen ein bisschen eklig) wird er vor allem durch die vier hervorragenden Schauspieler getragen. Jodie Foster und Kate Winslet erhielten entsprechend auch zu Recht jeweils eine Golden Globe-Nominierung als beste Schauspielerin. Ich werde ihn mir sicher ein zweites Mal ansehen – sobald die DVD herauskommt.

Infos zum Film

Der Gott des Gemetzels (God of Carnage)
Frankreich/Spanien/Polen/Deutschland, 2011
79 Minuten
Filmverleih: Constantin Film
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Yasmina Reza
mit Jodie Foster, Christoph Waltz, Kate Winslet, John C. Reilly
FSK: ab 12

 


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