Die Jagd (Thomas Vinterberg)

Filmplakat "Die Jagd"

Filmplakat „Die Jagd“

Vertrauen ist ein sehr zerbrechliches Gefühl. Meist spricht viel mehr dagegen als dafür, jemandem zu vertrauen. Es kann Jahre dauern, Vertrauen zu gewinnen und zu empfinden, aber ein Moment, eine unbedachte Äußerung oder auch ein unbegründeter Verdacht genügen, um das ganze mühsam aufgebaute Vertrauensgebäude bis aufs Fundament niederzureißen. In Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Die Jagd“ schlägt das Vertrauen einer ganzen Gemeinschaft in Hass um, nachdem eine Lüge erzählt wurde.

Lucas (Mads Mikkelsen) ist trotz Scheidung, Trennung von seinem Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) und Job-Verlust fest in seinem Heimatort, einem kleinen dänischen Dorf, verwurzelt. Nachdem die Schule, an der er unterrichtet hat, schließen musste, hat er eine neue Arbeit als Kindergärtner gefunden. Die Kinder sind begeistert von ihm, wohl auch, weil er mit ihnen herumtobt und als einziger männlicher Erzieher einen Gegenpol zur Schar an Erzieherinnen bildet. Einen besonderen Fan hat Lucas in Klara (Annika Wedderkopp): Die Tochter von Lucas‘ bestem Freund Theo (Thomas Bo Larsen) besucht nicht nur den Kindergarten, in dem Lucas arbeitet, sondern sie hat in ihm auch den einzigen Erwachsenen gefunden, der sie ernst nimmt und der für sie da ist, zum Beispiel dann, wenn die Eltern über ihre Streiterei gar nicht mitbekommen, dass das Mädchen mal wieder ausgerissen ist. Wenn Lucas Klara mal wieder irgendwo aufliest, weil sie sich vor lauter Sorge, auf die Linien auf dem Boden zu treten, verlaufen hat, bringt er sie nach Hause, lässt sie mit seinem Hund Fanny spielen und ist für sie einfach das, was er für Theo auch ist: ein Freund.


Worte, die nicht mehr zurückgenommen werden können

Dass Klara in Lucas einen Ersatzvater sieht, ist spätestens klar, als sie ihm heimlich ein Geschenk als Liebesbekundung zukommen lässt und eine spielerische Situation dazu nutzt, ihn ungefragt auf den Mund zu küssen. Lucas versucht sofort, mit Klara zu sprechen, ihr zu erklären, welche Art von Zuneigung angebracht ist und welche nicht, doch Klara reagiert verletzt und abweisend. Später am gleichen Abend, als ihre Mutter sie wieder mal zu spät abholt, lässt Klara ihrem Frust bei Kindergarten-Leiterin Grethe (Susse Wold) freien Lauf. Sie erklärt, dass sie Lucas nicht mag, ihn hasst, weil er dumm und hässlich ist und außerdem einen Penis hat, der hervorsteht – etwas, das Klara auf einem Bild auf dem Rechner ihres Bruders gesehen hat. Grethe ist alarmiert, beschließt jedoch, die Sache erst mal mit sich selbst auszumachen. Sie stellt Klara keine weiteren Fragen, informiert auch ihre Mutter nicht. Da Grethe weiß, dass das Mädchen eine lebhafte Fantasie hat, besteht für sie zu diesem Zeitpunkt noch der Rest eines Zweifels. Doch der verfliegt übers Wochenende.

Lucas (Mads Mikkelsen) weiß nicht, welcher Verdacht gegen ihn besteht  - Szenenbild aus "Die Jagd)

Lucas (Mads Mikkelsen) weiß nicht, welcher Verdacht gegen ihn besteht – Szenenbild aus „Die Jagd“)

Am darauf folgenden Montag bittet Grethe Lucas, sich ein paar Tage freizunehmen. Sie deutet an, was für einen Verdacht es gibt, klärt ihn jedoch nicht über die konkreten Hintergründe auf. Lucas weiß, dass es um etwas „Unangemessenes“ geht – was genau man ihm vorwirft und von wem die Vorwürfe stammen, erfährt er jedoch nicht. Also tut er das, was Grethe ihm geraten hat: Er geht nach Hause und lässt den Dingen seinen Lauf. Zwar fragt er nach, was ihm zur Last gelegt wird, doch insgesamt scheint er darauf zu vertrauen, dass man ihm nichts anhaben kann, so lange er nichts gemacht hat. Seine Passivität im Angesicht eines unausgesprochenen Verdachts erinnert zuweilen an Kafkas Josef K.

Ein eilends hinzugerufener Psychologe formuliert unterdessen die Vorwürfe, die die sichtlich überforderte Klara nur noch abnicken muss, so dass aus den vagen Andeutungen konkrete Anschuldigungen werden.  Klaras zaghaften Versuche, ihre Lüge einzugestehen, werden von den Erwachsenen ihrer Umgebung nicht ernst genommen oder als Scham interpretiert. Einmal gesagt lässt sich der Vorwurf nicht mehr widerrufen.

Die Eltern der anderen Kinder, die lange vor Lucas informiert werden, welcher Verdacht besteht, entdecken an ihren Kindern ebenfalls Anzeichen von Missbrauch, beispielsweise in Form von Albträumen. Und so wird aus Klaras Lüge ein Selbstläufer, der sich durch die Erzählungen der Kinder weiter ausdehnt und in den Köpfen aller manifestiert. Das ganze Dorf ist von Lucas‘ Schuld überzeugt – und die Jagd auf den Erzieher beginnt. Das Vertrauen, das Lucas in der Gemeinschaft über Jahrzehnte hinweg genossen hat, ist nichts mehr wert.

 

Vorverurteilung auf Grund eines Verdachts

Lucas und sein Sohn Marcus - (Szenenbild aus "Die Jagd")

Lucas und sein Sohn Marcus – (Szenenbild aus „Die Jagd“)

In „Die Jagd“ erzählt der dänische Dogma 95-Regisseur Thomas Vinterberg („Das Fest“, „It’s all about love“) eine Geschichte über die verheerende Wirkung einer Lüge, die so schrecklich ist, dass jeder sie nur für die Wahrheit halten kann. Im gleichen Maße, wie das Dorf keinen Zweifel an der Schuld von Lucas hat, lässt Vinterberg keinen Zweifel an der Unschuld des Erziehers: Dass nur ein Funke Wahrheit in den Vorwürfen steckt, ist völlig ausgeschlossen. Dennoch kann man als Zuschauer – bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Jagd der Dorfbewohner außer Kontrolle gerät – beide Seiten verstehen. Dass Klaras Vater sich auf die Seite seiner Tochter stellt und seinen besten Freund aus dem Haus wirft, als dieser ihn bittet, noch mal mit dem Kind zu reden, ist absolut nachvollziehbar. Die Vorwürfe sind so ungeheuerlich, dass eine Freundschaft sie, sollten sie wahr sein, nicht aufwiegen kann. Während man „Die Jagd“ schaut, fragt man sich mehr als einmal, ob man selbst denn überhaupt anders reagieren würde.

„Die Jagd“ gewann den Europäischen Filmpreis für das beste Drehbuch. Hauptdarsteller Mads Mikkelsen wurde bei der Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes 2012 mit dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichnet.

 

Infos zum Film

Die Jagd
(Jagten)

Dänemark / Schweden, 2012
111 Minuten
Filmverleih: Wildbunch Germany
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Tobias Lindholm,
Thomas Vinterberg
mit Mads Mikkelsen,
Thomas Bo Larssen, Susse Wold

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