Dogtooth (Yorgos Lanthimos)

Verstörender Independent-Film über eine Familie: 4.5 Stars

DVD-Cover Dogtooth

DVD-Cover Dogtooth

Dass Eltern ihren Kindern manchmal nicht ganz die Wahrheit sagen, um sie zu schützen, ist normal. Manchmal helfen die Geschichten von Zahnfee oder Nikolaus jüngeren Kindern, schneller Dinge zu akzeptieren und zu begreifen – und natürlich, sich sozial erwünscht zu verhalten. Auch Ängste werden oft eingesetzt, um Kinder in eine bestimmte Richtung zu lenken, vor allem, wenn Gefahren von ihnen noch nicht als solche erkannt werden. Meist verliert sich diese „Erziehungstechnik“ jedoch relativ schnell, denn so sehr man sein Kind auch schützen möchte, so wichtig ist es auch, es auf die Welt und das Leben vorzubereiten. Und das funktioniert nicht mit Geschichten.

Auch in Dogtooth erzählt ein Elternpaar ihren drei Kindern – einem Sohn und zwei Töchtern – eine ganze Menge an Geschichte, um sie zu schützen. Allerdings haben die Lügen, die die Eltern sich immer aufs neue ausdenken, eine ganz andere Dimension als die Geschichte vom Weihnachtsmann: Ihre Kinder sind mittlerweile junge Erwachsene und haben noch nie das abgelegene Gelände verlassen, auf dem das elterliche Haus steht. Ein Konstrukt dieser Größenordnung benötigt viele ausgefeilte Elemente, und die Eltern haben sich einiges einfallen lassen. Das Telefon ist sicher im Nachttisch-Schränkchen der Mutter versteckt, kritische Begriffe werden mit einer anderen Bedeutung belegt (so lernen die Kinder beispielsweise, dass ein Zombie eine kleine gelbe Blume ist) und – eine Tatsache, die einem in dem recht wortkargen Film nicht sofort bewusst ist – die Kinder haben nicht mal Namen. Kontaktunterbindung, Umdeutung von Begriffen und Identitätsentzug sind übrigens Methoden, die auch erfolgreich für Gehirnwäsche eingesetzt werden. Und da endet die Phantasie der Eltern noch lange nicht: Die Flugzeuge, die die Kinder über den Garten hinweg fliegen sehen, erklären sie zum Spielzeug, indem sie jedes Mal, wenn ein Flieger gerade das Haus passiert hat, einen kleineren Nachbau in den Garten werfen, um den die Kinder sich dann streiten dürfen. Und hinter dem großen Zaun, der das Grundstück natürlich umgibt, lebt angeblich der Bruder der Kinder, dem diese hin und wieder heimlich, aber von den Eltern natürlich dennoch bemerkt, Essen zuwerfen.


 

Erwachsen, wenn der Dogtooth ausfällt

Obwohl die Kinder das Grundstück nie verlassen, ist ihr Tag gut ausgefüllt. Sie müssen Dinge trainieren, wie unter Wasser die Luft anzuhalten oder mit verbundenen Augen im Garten zur Mutter zu finden, denn schließlich sollen sie, wenn sie so weit sind, fit für die gefährliche Welt sein. Wer besonders gut trainiert, wird mit Aufklebern belohnt, und wer die meisten hat, darf das Abendprogramm aussuchen, das jedoch meist aus dem Schauen selbstgedrehter Videos von der Familie besteht. Wie lange die Kinder zu Hause leben werden, ist auch klar, denn man ist erst bereit für die Gefahren hinter dem Zaun, wenn ein Eckzahn, der „Dogtooth“ ausgefallen ist.

Der Einzige, der ein Leben außerhalb der Familie hat, ist der Vater, der täglich mit dem Auto in die Firma fährt, wo er genau wie zu Hause der Patriarch ist. Hin und wieder bringt er Christina mit nach Hause, die im Sicherheitsdienst arbeitet. Mit verbundenen Augen fährt er sie hin und auch wieder zurück, damit sie dem Sohn der Familie dabei helfen kann, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. So richtig Spaß macht ihr das nicht, aber wer ohne Fragen zu stellen regelmäßig mit verbundenen Augen zum Chef nach Hause fährt, um mit dessen Sohn Sex zu haben, hat auch keine Probleme damit, das Vertrauen und die Naivität der Töchter für die eigenen Zwecke auszunutzen. Und so bietet sie der älteren, die nicht mal weiß, was da gerade passiert, einen Haarreif im Gegenzug für Sex an. Als die Tochter beim nächsten Besuch von Christina darauf besteht, nicht mit irgendwelchem Kram abgespeist zu werden, sondern zwei Video-Kassetten (Rocky IV und Der weiße Hai) haben will, gerät durch diesen ersten Eindruck der Außenwelt das „Gleichgewicht“ der Familie ins Wanken.

Natürlich ist Dogtooth eine Missbrauchsgeschichte, denn schließlich geht es den Eltern – und dabei vor allem dem Vater – nicht um Schutz, sondern um Macht. Dass die Kinder das Haus je verlassen könnten, ist völlig ausgeschlossen, und man hat oft das Gefühl, Sechsjährige im Körper von 18jährigen zu beobachten, wenn die Kinder ihre Sticker zählen oder sich um das neueste Spiel-Flugzeug zanken. Bedrückend dabei ist jedoch der Umgang der Kinder mit allem Körperlichen. Sie verordnen sich gegenseitig Medikamente, denken sich Spiele aus, in denen derjenige gewinnt, der sich selbst stärker verletzen kann, betäuben sich zum Spaß und kennen keine Grenzen der Intimität. Durch die sehr hierarchische Struktur in der Familie, in der nichts in Frage gestellt wird, haben die Kinder nie gelernt, Dinge anzusprechen oder zu diskutieren. Stattdessen greifen sie auch schon mal zum Messer oder Hammer, um sich gegenseitig ihre Wut mitzuteilen. Gewalt gehört auch zum erlebten Alltag der Kinder, denn wenn sie gegen die Regeln verstoßen, reagieren beide Elternteile mit Schlägen. Immer wieder sieht man blaue Flecken, Verletzungen oder Narben an den Körpern der Kinder, und die Verbände die sie tragen, wechseln auch regelmäßig die Stelle.

Besonders erschütternd ist, wie sehr die Eltern in Dogtooth an ihren Lügen festhalten – und auch hier ist wieder erkennbar, dass das Schützenwollen der Kinder nicht die Motivation für dieses seltsame Konstrukt ist. Denn vor die Wahl gestellt, die Gesundheit ihrer Kinder zu gefährden oder ihre Geschichten zu verraten, entscheiden sie sich gegen das Wohl ihrer Kinder. Konsequenterweise wird auch nicht bestraft, wer lügt, sondern wer sich nicht an die Regeln hält.

Die bedrückende Atmosphäre von Dogtooth wird durch die besondere Kameraführung noch verstärkt: Es gibt so gut wie keine Schwenks oder Kamerafahrten, die Kamera bleibt während der gesamten Einstellung still, auch wenn das bedeutet, dass man die gerade sprechende Person nicht sieht oder auch nur mal die Beine der Figuren im Bild sind. Dies verstärkt den Eindruck des totalitären Familien-Staats, den der Vater sich errichtet hat, denn man wird den Eindruck nicht los, dass man hier durch Überwachungskameras blickt.

Dogtooth feierte Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2009. Er gewann den Prix Un Certain Regard und den Prix de la Jeunesse. Außerdem war er 2011 für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert. Im Kino lief dieser sehr spezielle Film in Deutschland nicht. Für schwache Nerven ist Dogtooth sicher nichts, aber der Film ist in jedem Fall eine absolut einzigartige Studie über totalitäre Strukturen in einer vom Vater dominierten Familie.

Infos zum Film

Dogtooth
(Κυνόδοντας)

Griechenland, 2009
93 Minuten
Filmverleih: Störkanal
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos
mit Christos Stergioglou, Michelle Valley,
Aggeliki Papoulia, Mary Tsoni, Christos Passalis
FSK: frei ab 16

 

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