Drecksau (Jon S. Baird)

Krasse Tragikomödie mit erstaunlichem Tiefgang: 4.5 Stars

Filmplakat Drecksau

Filmplakat Drecksau

Der Polizist, dein Freund und Helfer? Wohl eher nicht, wenn der Polizist Bruce Robertson heißt (James McAvoy). Der Detective Sergeant hat genug mit sich selbst zu tun, als dass er ein offenes Ohr für seine Mitmenschen haben könnte. Er trinkt, kokst, schläft mit den Frauen seiner Kollegen und überschüttet nicht nur Verdächtige und Verbrecher mit den unflätigsten Beleidigungen. Der rücksichtslose Polizist, der seine Position scham- und skrupellos zu seinem eigenen Vorteil ausnutzt, hat gerade ein neues Lebensziel gefunden, denn er ist einer von einer Handvoll Kandidaten, die potenziell für eine Beförderung in Frage kommen. Da seine Kollegen in seinen Augen sowieso alle Idioten sind, ist Bruce sich sicher, dass er der Richtige für die Stelle ist. Trotzdem legt er sich mächtig ins Zeug, nichts dem Zufall zu überlassen und intrigiert, um seine Kollegen in möglichst schlechtes Licht zu rücken. Denn an dieser Beförderung hängt einiges: Steigt er die Karriereleiter hinauf, werden seine Frau und seine Tochter zu ihm zurückkehren. Er ist sich dessen so sicher, dass er bisher noch niemandem davon erzählt hat, dass er von seiner Familie verlassen wurde.

Ein Mordfall wird zur Beweisprobe für Bruce. Mit seinem jüngeren Kollegen Ray (Jamie Bell) mischt er die Verbrecher-Szene auf und greift – natürlich – auch schon mal zu unsauberen Methoden, um den Fall zu lösen und sich als der Macher unter einem Haufen Unfähiger zu positionieren.

Während Bruce nach außen hin der stets überlegt agierende und manipulierende Machtmensch scheint, der alles unter Kontrolle hat, ist sein Leben ihm tatsächlich längst aus den Händen geglitten. Wahnvorstellungen plagen ihn, neben Koks und Alkohol gibt’s noch jede Menge Tabletten von seinem Psychiater Dr. Rossi (Jim Broadbent) und längst hat er aufgehört zu verstehen, was da mit ihm vorgeht und wer er eigentlich ist.

Mit seinem Verhalten stößt Bruce natürlich all seine Mitmenschen vor den Kopf und von sich weg. Einzig Mary, die er kennenlernt, als er an einer Unfallstelle vergeblich versucht, ihrem Mann das Leben zu retten, sieht in ihm kein Monster, sondern einen Menschen, dem sie Dankbarkeit und Aufrichtigkeit schuldet.


 

Bruce Robertson – eine wahre Drecksau

Vordergründig handelt Drecksau von einem korrupten und zügellosen Polizisten, der jede nur denkbare Grenze nicht einfach übertritt, sondern wuterfüllt niedertrampelt. Bruce Robertson ist unmoralisch, rassistisch, frauenverachtend und alles andere als sympathisch. Seine Schimpftiraden über seine verhassten Mitmenschen sind so pointiert, dass sie schon fast komödiantisch wirken. Je länger man Bruce jedoch dabei zusieht, wie er sein Leben durch sein zerstörerisches Verhalten zielsicher an die Grenzen des Ruins führt, desto mehr bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Denn Drecksau erzählt vor allem die Geschichte einer psychischen Krankheit. Irgendwo zwischen Borderline und Bipolarität liegt Bruces Lebenswirklichkeit, und nicht einmal sein Psychiater kann ihm wirklich helfen – oder hat auch nur Interesse daran. Mit Mary gibt es zwar einen Menschen, der hinter Bruces Fassade blickt (etwas, das er nicht mal selbst schafft), doch ist er zu sehr verstrickt in seine Versuche, um jeden Preis die Beförderung zu erlangen und so seine Frau zurückzugewinnen, um zu merken, dass es auch immer noch andere Lösngen als die offensichtlichste gibt.

Drecksau überrascht nicht nur inhaltlich durch eine unerwartete Tiefe, sondern setzt auch technisch Maßstäbe. Große Teile des Films sind aus Bruces Perspektive erzählt. Da sein Verstand teilweise nicht mehr zwischen Fantasie und Realität unterscheidet, wirken viele Szenen surreal und erinnern an Klassiker, deren Hauptdarsteller ebenfalls dem Wahnsinn verfallen. Stanley Kubrick (Uhrwerk Orange) wird ebenso zitiert wie Darren Aronofsky (Requiem for a Dream) oder Terry Gilliam (The Zero Theorem, Brazil, Fear and Loathing in Las Vegas). In seinem Kopf führt Bruce einen verzweifelten Kampf – gegen seine Umwelt, gegen sich selbst und seine Ausbrüche und dafür, seine Familie zurück zu gewinnen. Dabei verstrickt er sich immer mehr in eine ausweglose Situation, die ihm eine Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität verwehrt.

Der ganze Film wird getragen durch seine Schauspieler, die alle Figuren spielen, die nicht ihrem normalen Rollenbild entsprechen. James McAvoy, der bislang vor allem sympathische Zeitgenossen verkörperte, gibt eine fantastische Darstellung von Bruce Robertson. Er schafft es, den Polizisten gleichzeitig als sadistischen und unsympathischen Misanthropen zu verkörpern, ihm gleichzeitig aber Tiefe zu verleihen, die das Scheusal zwar längst nicht liebenswert, aber hilflos und damit menschlich erscheinen lässt. Dass Drecksau mehr ist als eine Kriminalkomödie, lässt sich vor allem auf James McAvoy zurückführen.

Drecksau ist die Adaption des gleichnamigen Romans des schottischen Kult-Autors Irvine Welsh, aus dessen Feder auch Trainspotting stammt. Ähnlich tabulos wie in seinem wohl bekanntesten Werk sind auch die Darstellungen von Sex, Gewalt und Drogenkonsum in der Drecksau-Verfilmung. Diese permanente Grenzüberschreitung darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass dieser Film einen ganz tief – und eben auch ohne Grenzen – in seine Hauptfigur, ihr Erleben der Welt und ihre Motivationen mitnimmt. So schonungslos nah wie Bruce Robertson kommt man nur wenigen Figuren in Film und Literatur. Da gehört der ganze Filth (= Schmutz, so der englische Original-Titel) genau so dazu wie eine zutiefst verletzliche und menschliche Seite, die selbst ein Bruce Robertson nicht unterdrücken kann.

Infos zum Film

Drecksau
(Filth)

UK, 2013
107 Minuten
Filmverleih: Ascot Elite
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jon S. Baird
mit James McAvoy, Jim Broadbent,
Jamie Bell
FSK: frei ab 16

 

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