Einer flog über das Kuckucksnest (Miloš Forman)

Einer flog über das Kuckucksnest - Cover der Romanvorlage

Einer flog über das Kuckucksnest – Cover der Romanvorlage

Es ist eine düstere Welt, die sich in Miloš Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ ganz in weiß zeigt, eine Welt des Verwahrens und des Ausgrenzens und das Reich von Mildred Ratched (Louise Fletcher). Die Oberschwester führt unnahbar und kalt ein eisernes Regiment in „ihrer“ psychiatrischen Station. Randall Patrick McMurphy (Jack Nicholson) weiß nicht, worauf er sich einlässt, als er sich zur Begutachtung in die psychiatrische Klinik einweisen lässt. Stattdessen hält er sich für clever, denn die Zeit in einer Klinik abzusitzen muss ja viel angenehmer sein als die ihm eigentlich verordnete Haftstrafe. Da er die Regeln eh gerne etwas lockerer interpretiert, scheinen ihm ein paar Monate zwischen „Verrückten“ völlig in Ordnung.

Die Rollen auf der Station, auf die McMurphy nach einem halbwegs offenen Gespräch mit dem Leiter der Klinik kommt, sind klar verteilt – nicht mal 20 Patienten werden von einer ähnlichen Zahl an Pflegern betreut. Nur zwei Frauen gibt es: Stationsschwester Ratched und ihre Assistentin Pillbow, die nur die ausführende Kraft neben ihrer Chefin ist. Die Aufgabe der Pfleger besteht vor allem darin, dafür zu sorgen, dass sich niemand außerhalb der vorgesehenen Bahnen bewegt, und zwar im wörtlichen Sinne: Vor der täglichen Gruppensitzung mit Schwester Ratched wird gemeinsam ein bisschen Gymnastik im Stehen gemacht, ansonsten sitzt man tagsüber und liegt nachts. Der vielleicht zunächst harmlos erscheinende Eingriff in die Bewegungsfreiheit der Patienten ist symptomatisch für das Machtgefüge auf der Station. Die Fremdbestimmung geht bis ins Kleinste und schränkt die Bewohner in elementarsten Freiheiten ein.


 

Bedrückender Film über Macht und Rebellion

Für McMurphy sind das im Vergleich zum Gefängnis-Dasein dennoch ganz gute Aussichten, und er reiht sich halbwegs unauffällig in die Runde der Männer auf der Station ein. Seine erste Begegnung mit Schwester Ratched findet während der Gruppentherapie statt. Schwester Ratched nimmt Patient Harding (William Redfield) in die Mangel, und die stark sexuell geprägten Themen, die sie wieder und wieder anspricht, treiben den Mann in die Enge und bringen die Patienten gegeneinander auf. McMurphy sitzt und beobachtet, doch schon die ersten Blicke, die Schwester Ratched und er nach dieser am Ende völlig aus dem Ruder gelaufenen Gruppentherapie-Sitzung austauschen, sprechen Bände: Sie zeigt ihm, welche Macht sie besitzt, und er lässt sie erkennen, dass er weiß, was sie da tut. Und auf einmal ist klar, dass die Stationsschwester das ganze Chaos durch ihre stets auf sexuelle Machtlosigkeit ausgerichteten Fragen bewusst herbeigeführt hat, um einen ersten kleinen Punktsieg gegen „den Neuen“ zu erzielen und ihr Revier zu markieren.

McMurphy ist einer der wenigen auf der Station, die keinen Ausgang haben und nicht am Stationsausflug teilnehmen dürfen, doch er lässt sich nicht entmutigen und versucht, mit den „ganz schweren Fällen“, die kaum noch ansprechbar sind, ein Basketballspiel auf die Beine zu stellen. Überhaupt ist das typisch für Randall Patrick McMurphy: in tiefer demokratischer Überzeugung ist jeder für ihn gleich, er behandelt jeden gleich und hat an jeden dieselben Erwartungen. Während dieses Basketballspiels legt McMurphy den Grundstein für eine besonders wichtige Freundschaft, die mit dem Indianer Bromden, der von allen auf der Station nur „Häuptling“ genannt wird. Der Häuptling ist ein Berg von einem Mann, der dennoch erstaunlich klein und machtlos wirkt in der Welt der Psychiatrie. Seine einzige mögliche Reaktion auf diese Welt ist keine: Der Häuptling hört und spricht nicht und rührt sich auch selten vom Fleck. Doch McMurphy scheint einen Narren an ihm gefressen zu haben und ignoriert den Mann als einziger nicht. Auch das missfällt Schwester Ratched.

Der erste wirkliche Machtkampf zwischen ihr und McMurphy entbrennt um die Musik auf der Station. McMurphy bittet darum, die ohrenbetäubende, immergleiche Melodie auf Zimmerlautstärke herunterzuschrauben, doch Schwester Ratched, die in ihrer Argumentation immer dafür sorgen kann, dass die Vernunft auf ihrer Seite ist, muss das leider ablehnen, da es auf der Station auch Schwerhörige gibt, deren einziger Lebensinhalt in ebendieser Musik besteht. McMurphy ist überrumpelt. Gleich darauf will er die Einnahme seiner Medizin verweigern, und dieser Punkt geht am Ende an ihn. Dennoch ist McMurphy entsetzt darüber, dass die Stationsschwester mit den Männern machen kann, was sie will, und er schlägt eine verhängnisvolle Wette vor: Er will die Schwester in den Wahnsinn treiben. Für die anderen Patienten ein Spaß und eine willkommene Abwechslung, für McMurphy und Schwester Ratched ein Machtkampf und bitterer Ernst.

Während McMurphy immer wieder den Kürzeren gegen die Schwester zieht und auch einen kläglichen Ausbruchsversuch wagt, haben seine unermüdlichen Bemühungen doch immerhin eine Wirkung: Sie verdienen ihm den Respekt der anderen Patienten und bringen diese dazu, hin und wieder auch ein Risiko einzugehen. Charles Cheswick (Sydney Lassick) ist der erste, der aufbegehrt, doch er bleibt nicht der Letzte. Schwester Ratched versucht mit allen Mitteln, die Oberhand zu behalten, und unterdrückt die Männer, die dies am ehesten zulassen, allen voran Billy Bibbit (Brad Dourif). Der schüchterne Junge, dessen Stottern bei Erwähnung seiner Mutter immer besonders schlimm wird, hat bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich, doch statt ihm zu helfen, führt die Schwester ihn gerne vor und setzt ihn unter Druck.

Im Ergebnis verliert McMurphy jeden einzelnen Kampf gegen Schwester Ratched, aber er gewinnt dabei auch einiges, zwar nicht für sich, aber für die anderen auf der Station, die auf jemanden wie ihn gewartet haben, ohne es zu wissen. Dadurch, dass er sich nicht unterkriegen lässt, bringt er die Stationsschwester natürlich erst recht gegen sich auf. Doch sie handelt strategisch und hat Zeit, denn was McMurphy als einziger nicht weiß, ist, dass sein Aufenthalt in der Psychiatrie nicht zeitlich begrenzt ist, sondern nach Gutdünken der Psychiatrie-Leitung verlängert werden kann. Die hat das allerdings gar nicht im Sinn, kauft McMurphy nicht ab, dass er psychisch krank ist, und will ihn ins Gefängnis zurück schicken. Um zu beweisen, wie verrückt er wirklich ist, kapert McMurphy kurzerhand den Ausflugsbus und nimmt die gesamte Station mit zu einem Angelausflug. Fast geht der Schuss nach hinten los, denn die gesamte Anstaltsleitung spricht sich für eine Rückkehr ins Gefängnis aus. Einzige Fürsprecherin für einen Verbleib in der Klinik ist Mildred Ratched, die sich ihre Macht von niemandem streitig machen lässt.

 

Rebellische Komödie und ernstes Drama

„Einer flog über das Kuckucksnest“ beginnt als leichte Komödie, in der ein Rebell und Außenseiter mal ein bisschen die Psychiatrie aufmischt, doch etwa in der Mitte des Films schlagen Stimmung und Ton um und man sieht sich einer zutiefst ernsten Tragödie gegenüber. Die Geschichte von Randall McMurphy, der ganz selbstverständlich voraussetzt, dass jedem die selben Rechte zustehen und der daran scheitert, diese Rechte einzufordern, lässt einen bedrückt, ja beinahe verstört zurück. Denn oft erscheinen einem die Patienten auf der Station als die wahren Normalen und der Machtkampf mit Schwester Rached als eine Allegorie auf unser Leben: Brav wie die Schafe marschieren die Patienten auf der Station zur Medikamentenausgabe, essen, wenn man es ihnen sagt, sind ruhig und erdulden alles, was man für sie entscheidet, bis einer kommt, der ihnen erklärt, dass sie einen eigenen Willen haben dürfen. Dass es so einen gibt, kann das System natürlich nicht zulassen. Ein Rebell, den man nicht auf die eigene Seite ziehen kann, kann immer noch als abschreckendes Beispiel für die anderen dienen, was „Einer flog über das Kuckucksnest“ am Ende mit aller Härte zeigt. Doch das Ziel eines Rebellen ist ja nicht, selbst zu gewinnen, sondern andere davon zu überzeugen, dass sie gewinnen können, und am Ende steckt ein bisschen McMurphy in allen Patienten der Station.

In „Einer flog über das Kuckucksnest“ spielen Blicke eine größere Rolle als Worte. Schwester Ratched, deren Machtgier sie in unsere Top 10 der Filmbösewichte gebracht hat, verdreht schon mal gerne die Wahrheit, doch wenn sie ihren Widersacher McMurphy ansieht, spricht das eine klare Sprache. Der ständige Kampf um die Macht und vor allem die Autorität unter den Patienten spielt sich eine ganze Zeit lang eher subtil ab, in Verweisen auf Rücksichtnahme und Regeln oder in kleinen Sticheleien. Letzten Endes jedoch schreckt die machtbesessene Schwester vor keiner noch so unmenschlichen Möglichkeit zurück, sich zu behaupten. Dafür muss sie nicht mal viel sagen. Der bedeutsamste – und folgenschwerste – ihrer Blicke fällt auf ihre Schwesternhaube, die durch eine der vielen Aktionen McMurphys verschmutzt wurde, und es ist klar, dass sie diese Verschmutzung ihrer Würde nicht hinnehmen kann.

Produziert wurde „Einer flog über das Kuckucksnest“ unter anderem von Michael Douglas, der auch prompt mit insgesamt 5 Oscars belohnt wurde, und zwar mit den „Big 5“ (Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Hauptdarsteller, Beste Hauptdarstellerin). Neben „Einer flog über das Kuckucksnest“ sind bisher erst zwei weitere Filme in diesen fünf Kategorien ausgezeichnet worden, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Es geschah in einer Nacht“. Für Danny DeVito und Christopher Lloyd (Doc aus „Zurück in die Zukunft„) war „Einer flog über das Kuckucksnest“ der Start in die Schauspielkarriere, denn beide spielten in diesem Film ihre erste Rolle.

Für die Literaturverfilmung nahmen die Drehbuchautoren von „Einer flog über das Kuckucksnest“ einen Perspektivwechsel von Häuptling Bromden, der den Roman von Ken Kesey erzählt, hin zu McMurphy vor, wodurch die Geschichte einen stärkeren Fokus auf den Machtkampf zwischen Schwester Ratched und McMurphy erhält, während der Roman außerdem die Frage nach der Grenze zwischen „normal“ und „verrückt“ stellt.

Der Titel stammt aus einem Abzählreim, der mit „Einer Ost, einer West, einer flog über das Kuckucksnest“ endet. Im Englischen bedeutet „cuckoo“ auch verrückt, und derjenige, der über das Nest der Verrückten fliegt (und dort abstürzt) ist natürlich Randall McMurphy.

„Einer flog über das Kuckucksnest“ hat meine Liebe zum Medium Film stark geprägt und gehört zu den Filmen, die ich als Jugendliche auf einer bald verschlissenen VHS-Kassette wieder und wieder gesehen habe. Der Film hat alles, was einen guten Film meiner Meinung nach ausmacht: eine tolle Story, sogar mit tieferer Bedeutung, fantastische Schauspieler und ein Drehbuch, das zeigen und sagen perfekt miteinander kombiniert. Ein Film, dem man seine bald 40 Jahre in keinster Weise anmerkt und den man getrost noch einmal – oder mehrmals – aus dem Regal nehmen und wieder anschauen kann.

Infos zum Film

Einer flog über das Kuckucksnest
(One Flew over the Cuckoo’s Nest)

USA, 1975
133 Minuten
Filmverleih: United Artists
Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Bo Goldman
mit Jack Nicholson, Louise Fletcher,
Danny DeVito, Christopher Lloyd,
Vincent Schiavelli, Michael Berryman
FSK: frei ab 12

 

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