Finsterworld (Frauke Finsterwalder)

Träume und Erwartungen in verbundenen Geschichten:

DVD-Cover Finsterworld

DVD-Cover Finsterworld

Ein ganz normaler Tag in Deutschland: Fußpfleger Claude wird auf dem Weg zu seiner Lieblingskundin im Altenheim wegen Telefonierens am Steuer angehalten, kommt aber mit einem blauen Auge bzw. einer Mini-Bestechung in Form von ein paar Tuben Fußsalbe weg, Natalie und Dominik versuchen, sich beim Geschichte-Leistungskurs-Ausflug nach Auschwitz nicht von den Klassen-Schnöseln fertig machen zu lassen, die dauer-genervte Dokumentar-Regisseurin Franziska hat eigentlich keine Lust mehr auf ihre Doku über einen zwischen Fernsehen und Dosenspaghetti dahin vegetierenden Witwer und ihr um diverse Fußsalben reicherer Polizisten-Freund Tom wäre viel lieber ein Kuscheltier. Zunächst zusammenhanglos folgt Finsterworld diesen und anderen Figuren durch einen dann doch nicht so normalen Tag.

Claude (Michael Maertens), der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, hegt nicht nur eine Leidenschaft für Füße, sondern auch für Frau Sandberg, die er regelmäßig im Altenheim besucht, mit selbst gebackenen Keksen versorgt und mit seiner Gesellschaft und tiefgründigen Gesprächen erfreut. Auch wenn Frau Sandberg locker Claudes Mutter sein könnte, sprühen vor allem bei ihm heftig die Funken, wenn er ihre Füße mit Kamillen-Essenz massiert oder von lästiger Hornhaut befreit. Natürlich stehen der Erfüllung seiner Sehnsüchte gesellschaftliche Konventionen im Weg, doch die beiden einsamen Seelen fühlen sich beieinander einfach richtig aufgehoben.

Natalie lässt sich von Maximilian nicht stressen - Szenenbild aus Finsterworld©MalteWandel_Alamode_Juri_Gierszal

Natalie lässt sich von Maximilian nicht stressen – Szenenbild aus Finsterworld ©MalteWandel_Alamode

Ähnlich scheint es Dominik (Leonard Schleicher) und Natalie (Carla Juri, bekannt aus Feuchtgebiete) zu gehen. In der Schule sind die beiden geduldete Außenseiter, teilen aber Interessen und ein gewisses Selbstverständnis, mit dem sie gegen den Strom schwimmen. Auf dem Ausflug ins KZ müssen sie sich vor allem gegen die Ignoranz ihrer reichen Mitschüler Maximilian und Jonas behaupten, für die Geschichte wahrscheinlich einfach eine bequeme Fach-Wahl war.

Das größte Problem des Ehepaars in besten Jahren Inga und Georg ist die Tatsache, dass selbst ihre HON-Card ihnen keinen Platz in einem ausgebuchten Flugzeug verschaffen kann und sie nun im stattdessen bereitgestellten Mega-SUV nach Paris fahren müssen. Die beiden lassen es sich gut gehen, während ihnen alle anderen Familienmitglieder – der halbwüchsige Sohn und Georgs Mutter – einfach nur egal sind.

Tom und Franziska dagegen haben größere Probleme: Während sie im wahren Leben mehr Regie führt als hinter der Kamera, die Einkäufe bis ins kleinste Detail vorschreibt und von ihm ausführen lässt, versucht er ihr möglichst schonend beizubringen, dass er sich hin und wieder gerne ein Tier-Kostüm anzieht, um gemeinsam mit anderen Furries zu kuscheln.

Solche Wünsche hat der Einsiedler, der in den Wäldern lebt, längst aufgegeben: Sein aktuelles Ziel ist es, eine verletzte Krähe gesund zu pflegen und ansonsten möglichst wenig mit den Menschen, die man nicht als seine Mitmenschen bezeichnen kann, zu tun zu haben.


 

Leicht verschobenes Deutschland-Portrait

Es ist ein leicht verschobenes, amerikanisiertes Deutschland-Portrait, das Frauke Finsterwalder in ihrem Debüt-Spielfilm zeigt. Die Szene, in der Claude von Polizist Tom angehalten wird, sieht man eher in einem US-Spielfilm als im deutschen Straßenverkehr, die Schuluniformen von Natalie und ihren Mitschülern sehen nach amerikanischer Privatschule aus und der Einsiedler mit Gewehr im Wald ist auch nicht typisch deutsch. Doch gerade durch diese Verschiebung bemerkt man auch die Details, die für die moderne deutsche Gesellschaft so typisch sind: Claudes Angst vor Autoritäten, der Wille der Sandbergs, Luxus zu genießen, der aber immer aufgesetzt wirkt, als müsse man das nun mal so machen, die unbeholfene Vergangenheitsbewältigung, bei der der Geschichtslehrer das Gegenteil dessen erreicht, was er eigentlich wollte, der fehlende Mut der Regisseurin Franziska, die davon träumt, Künstlerin zu sein, aber aus Sicherheits- und Karrieredenken heraus lieber die künstlerische Freiheit zugunsten des Gehorsams ihrer Chefin gegenüber verrät – all das sind Symptome einer Gesellschaft, die Angst vor sich selbst hat.

Dabei müssen die Ausbrüche aus diesem selbstgemachten Gedanken-Gefängnis nicht zwangsläufig zu etwas schlechtem führen: Während zu Beginn des Films noch alle Figuren versuchen, das zu tun, was von ihnen erwartet wird bzw. was nötig ist, wagen doch die meisten von ihnen im Verlauf des Films mehr oder weniger erfolgreiche Ausbruchversuche aus dem von gesellschaftlichen Anforderungen und Moralvorstellungen geprägten Alltag. Alle sind auf der Suche nach einem bisschen persönlichem Glück. Um dies zu erreichen, müssen sie sich auch mal außerhalb vorgegebener Wege bewegen, was – zum Beispiel im Fall von Toms Pelz-Vorliebe – einiges an Mut erfordert, gerade in einer Gesellschaft, die sehr auf Konformität ausgerichtet ist.

Tom fühlt sich am wohlten als Kuscheltier - - Szenenbild aus Finsterworld©MalteWandel_Alamode_Juri_Gierszal

Tom fühlt sich am wohlsten als Kuscheltier – Szenenbild aus Finsterworld ©MalteWandel_Alamode

Finsterworld wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Goldenen Auge für den besten deutschsprachigen Film beim Zurich Film Festival. Der Film ist außerdem für den Deutschen Filmpreis in den Kategorien Bester Programmfüllender Spielfilm und Bestes Drehbuch nominiert. Sandra Hüller erhielt außerdem eine Nominierung als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle als ständig unzufriedene Regisseurin. Michael Maertens steht für seinen verliebten Fußpfleger ebenfalls auf der Liste der Nominierten.

Ein sehr eigener, manchmal etwas rätselhafter, aber in jedem Fall besonderer Film über das Leben in Deutschland, über Einsamkeit, die Sehnsucht nach Nähe und den Versuch, einfach man selbst zu sein.

Infos zum Film

Finsterworld
Deutschland, 2013
91 Minuten
Filmverleih: Alamode Film
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
mit Corinna Harfouch, Carla Juri, Ronald Zehrfeld,
Sandra Hueller, Michael Maertens
FSK: frei ab 12

 

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