Ihr werdet euch noch wundern (Alain Resnais)

DVD-Cover "Ihr werdet euch noch wundern"

DVD-Cover “Ihr werdet euch noch wundern”

Fast zwei Minuten dauert es, bis alle informiert sind: Der berühmte Theater-Autor Antoine D’Anthac ist gestorben (der “Unfall beim Gewehrreinigen” natürlich ein Euphemismus für den Freitod) und bittet 13 Schauspieler-Freunde zur Testamentsvollstreckung auf seinen Landsitz – eine riesige und auf den ersten Blick unheimliche Burg. Die Gäste werden vom Butler in Empfang genommen und in einen Kinosaal geführt, wo D’Anthac ihnen per Video seinen letzten Wunsch präsentiert. Eine junge Theatergruppe möchte sein Stück “Eurydice”, in dem alle Anwesenden früher selbst gespielt haben, auf die Bühne bringen und bitten den Autor um sein Einverständnis. Da er es nun nicht mehr selbst kann, sollen die Schauspieler entscheiden, ob “Eurydice” überhaupt noch zeitgemäß ist und aufgeführt werden sollte. Also schauen sie sich gemeinsam eine Aufzeichnung des Stücks an, in dem die junge Schauspielerin Eurydice und der Geiger Orphée sich ineinander verlieben, gemeinsam in ein neues Leben fliehen, um dann aber an der Vergangenheit und der eigenen übermäßigen Liebe zu Grunde zu gehen und erst im Tod wieder vereint zu werden. Schon nach wenigen Sätzen fühlen sich die Schauspieler wieder in ihre früheren Rollen versetzt, beginnen, den Text mitzusprechen und parallel oder versetzt zum Geschehen auf der Leinwand das Stück zu inszenieren und mitzuerleben. Bald schon verschwimmen die verschiedenen Fiktionsebenen, auch das Haus scheint sich den Inhalten des Stücks anzupassen, und über den Umweg der Schauspieler und der Videoaufzeichnung sieht man sich als Zuschauer am Ende des Films mit dem alles durchziehenden Thema des Films konfrontiert: dem Tod.



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Ein Film, der sich nicht auf seine Handlung beschränkt

Von der ersten Szene an ist klar, dass “Ihr werdet euch nicht wundern” kein gewöhnlicher Film ist, keiner, den man “konsumieren” kann oder dessen Handlung sich einfach zusammenfassen lässt, denn es geht im neuesten Film des 91jährigen französischen Meister-Regisseurs Alain Resnais nicht um Handlung oder eine Story. Was “Die Zeit” schon 1963 in einer Kritik von Resnais’ wohl bekanntestem Film “Letztes Jahr in Marienbad” feststellte, gilt auch für “Ihr werdet euch noch wundern”: Die einzige wichtige Person ist der Zuschauer. Die verschiedenen Ebenen des Films, die Fiktion in der Fiktion, das Theater im Film im Film, all dies sind Mittel, um den Zuschauer selbst in das Thema des Films hineinzuziehen so, wie die Schauspieler (die sich, um noch eine weitere Meta-Ebene hinzuzufügen, übrigens alle selbst spielen) in das Theaterstück hineingezogen werden, und es sind Mittel, die funktionieren.

Verschiedene Ebenen spielen auch bei der Geschichte im inneren Kern der verschachtelten Handlungen eine Rolle: Das Theaterstück, das inszeniert wird, basiert auf Anouilhs “Eurydice”, der sich wiederum auf den Orpheus-Mythos bezieht. Auch die Rahmenhandlung mit dem verstorbenen Dramatiker stammt ursprünglich von Anouilh und ist seinem Stück “Cher Antoine ou l’Amour raté” entlehnt.

Dass es in der verwobenen Konstruktion um den Abschied vom Leben geht, spürt man spätestens, als die Schauspieler das Schloss betreten, einzeln, in Paaren und immer begleitet von einer Musik, die sich gut in Horror-Stummfilmen machen würde. Dies ist nicht die einzige Referenz an dieses Genre, denn Resnais blendet an verschiedenen Stellen Zwischentitel ein, unter anderem, nachdem alle Schauspieler im Haus angekommen sind und ins Kino gebracht werden, einen Murnaus “Nosferatu” entlehnten Titel “Als sie die Brücke überquert hatten, kamen die Geister sie begrüßen.”, der im Original “Kaum hatte Hutter die Brücke überschritten, da ergiffen ihn die unheimlichen Gesichte, von denen er mir oft erzählt hat.” heißt. In diesem Moment betreten die Schauspieler die Welt des Regisseurs und die des Orpheus: die Unterwelt, wo sie sich mit ihrem eigenen Tod und dem der ihnen nahe stehenden Personen auseinandersetzen müssen.

“Ihr werdet euch noch wundern” ist kein einfacher Film, und tatsächlich bezieht sich auch der (deutsche) Titel in erster Linie auf den Zuschauer, denn nach dem ersten Sehen wundert man sich wirklich. Doch nach diesem Wundern bzw. dadurch hatte ich den Drang, ihn ein zweites Mal zu sehen und ein drittes, und für mich ist dies eins der beiden Kriterien, die einen guten zu einem besonderen Film machen. Dass er nicht einfach und nicht auf Anhieb zu verstehen ist, erhöht da nur den Reiz, denn es sind ja nicht die Dinge, die man leicht gewinnt, an die man sich erinnert. Film- und Theaterfreunde werden in “Ihr werdet euch noch wundern” immer wieder Neues entdecken und am Ende nicht nur einen interessanten Film gesehen haben, sondern sich gedanklich damit auseinandersetzen, was dies für einen selbst bedeutet, was die zweite meiner persönlichen Voraussetzungen für einen besonderen Film ist, so dass ich nicht anders konnte, als “Ihr werdet euch noch wundern” auf die (lange) Liste meiner Lieblingsfilme zu setzen.

Infos zum Film

Ihr werdet euch noch wundern
(Vous n’avez encore rien vu)

F, 2011
115 Minuten
Filmverleih: Alamode Filmverleih
Regie: Alain Resnais
Drehbuch: Alain Resnais
mit Mathieu Amalric, Pierre Arditi,
Sabine Azéma
FSK: frei ab 0

 

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