Inside Llewyn Davis (Joel Coen, Ethan Coen)

Filmplakat "Inside Llewyn Davis"

Filmplakat „Inside Llewyn Davis“

Der Anfang von „Inside Llewyn Davis“ ist gleichzeitig ein Ende von etwas, nämlich das Ende eines Auftritts im New Yorker Gaslight Café im Winter 1961. Folksänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) singt seinen letzten Song des Abends: „Hang me, oh, hang me until I ‚m dead and gone“. Kurz darauf wird Llewyn zum Hinterausgang des Cafés geschickt, da ihn jemand sprechen möchte. Als der Sänger aus der Tür tritt, bekommt er von einem fremden Mann ordentlich eine verpasst, als Erklärung gibt es lediglich ein „Wiedergutmachung“. Llewyn scheint keine Ahnung zu haben, womit er das verdient hat, doch anstatt sich zu beklagen, nimmt er die Situation einfach so hin – eine Reaktion, die man im Laufe des Films noch öfter von ihm zu sehen bekommt.

Da Llewyn weder eine eigene Wohnung noch Geld hat, ist er auf die Gunst seiner Mitmenschen angewiesen und übernachtet jede Nacht auf einer anderen Couch. Nachdem er in der Wohnung eines Intellektuellen-Ehepaars erwacht ist, das sich der Förderung unterschätzter Künstler verschrieben hat, sperrt er sich versehentlich aus. Doch nicht nur er selbst steht nun bibbernd vor der verschlossenen Wohnungstür – mit ihm ist auch die Katze der Gastgeber in den Flur geschlichen, um die Llewyn sich nun auch noch kümmern muss. Wie sich zeigt, ist diese Art und Weise, sich von einer ungünstigen Ausgangslage in immer größere Schwierigkeiten zu manövrieren, symptomatisch für Llewyn. Und so nimmt der Antiheld nicht nur die Katze sondern auch den Zuschauer mit auf eine Odyssee, deren Weg mit Misserfolgen, Anschuldigungen und Beleidigungen gepflastert ist.



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Die Odyssee des Llewyn Davis

Llewyns Ausgangslage ist nicht nur schwierig sondern auch traurig, denn sein Freund und Gesangspartner hat Selbstmord begangen. Das Soloalbum mit dem Titel „Inside Llewyn Davis“, das Llewyn daraufhin augenommen hat, entpuppt sich als unverkäuflich. Mit dem wenigen Geld, das Llewyn durch gelegentliche kleine Auftritte oder Aufträge als Background-Musiker verdient, soll er nun auch noch für eine Abtreibung aufkommen. Jean (Carey Mulligan), die Frau von Llewyns bestem Freund Jim (Justin Timberlake), ist sich nicht ganz sicher, ob Llewyn oder ihr Mann der Vater des Kindes ist, aber sie ist derart dauer-wütend auf Llewyn und beschimpft ihn permanent so heftig, dass dieser sich gar nicht traut, ihr in Bezug auf die Abtreibungskosten zu widersprechen.

Den einzigen Hoffnungsschimmer sieht Llewyn schließlich in Bud Grossman, einem erfolgreichen Musikproduzenten in Chicago. Dieser hat zwar nicht reagiert, nachdem Llewyn ihm ein Exemplar von „Inside Llewyn Davis“ geschickt hatte, – aber Llewyn lässt sich davon keineswegs abschrecken und beschließt, höchstpersönlich bei Grossman vorstellig zu werden. Eine Mitfahrgelegenheit soll Llewyn günstig und schnell nach Chicago bringen, wird jedoch zum nervenaufreibenden Albtraum. Besonders einer der Mitfahrer setzt Llewyn zu: Der mit Drogen vollgepumpte Jazzmusiker Roland Turner (überzeugend gespielt von John Goodman) malträtiert den Sänger vom Rücksitz aus mit Beleidigungen (siehe Filmzitat), denn von Folksängern hält Turner rein gar nichts. Nachdem der zweite Mitfahrer, mit dem Llewyn sich beim Fahren abwechselt, mitten auf der Landstraße verhaftet wird und leider mit ihm auch der Autoschlüssel ins Gefängnis wandert, droht Llewyns Mission zu scheitern.

 

Llewyn Davis (Oscar Isaac) unterwegs mit Katze in der New Yorker U-Bahn

Llewyn Davis (Oscar Isaac) unterwegs mit Katze in der New Yorker U-Bahn

Ein Film über verpasste Chancen

Wie des öfteren in Filmen der Brüder Joel Coen und Ethan Coen (z. B. in „A Serious Man“ von 2009) möchte man den Protagonisten einfach nehmen und durchschütteln, weil man nicht glauben kann, dass jemand sein Leben derartig vermasselt, indem er sich nicht wehrt, nicht für sein Recht einsteht und sich kein bisschen zu behaupten weiß (und wenn er es doch tut, dann in völlig unpassenden Situationen). Llewyn ist außerdem jemand, der eine Chance nicht ergreift, wenn man sie ihm direkt vor die Nase hält, was in seinem Fall oft mit unangebrachtem Idealismus und Kompromisslosigkeit zusammenhängt. So schafft er es mehrfach, ganz knapp einer großen Karriere-Chance zu entgehen, und wird damit zum (zugegeben sehr coolen und sehr sympatischen) Loser. Seine Unfähigkeit, Beziehungen zu pflegen, und sein Hang dazu, ausgerechnet die ihm wohlgesonnenen Leute vor den Kopf zu stoßen, tun das Übrige.

 

Llewyn Davis (Oscar Isaac) auf der Suche nach einer neuen Bleibe

Llewyn auf der Suche nach einer neuen Bleibe

Die Atmospähere in „Inside Llewyn Davis“

Mit einer Hauptfigur wie Llewyn, die immer wieder in die absurdesten Situationen gerät, erschaffen die Coen-Brüder erneut einen Film, den man durchaus in dem von Katja Hettich als „Melancholische Komödie“ treffend beschriebenen Subgenre verorten kann. Denn so melancholisch die Stimmung und so traurig und hoffnungslos manche Situationen mit Llewyn auch erscheint, so skurril und komödiantisch wirkt der Film gleichzeitig. Diese Stimmung wissen die Regisseure nicht nur durch ihren Hauptdarsteller umzusetzen, sondern auch in Atmospähre (die Jahreszeit Winter unterstreicht das Gefühl von Kälte und Isolation an verschiedenen Stellen perfekt) und Bildern: Sehr eindrucksvoll ist hier z. B. der absurd schmale und immer spitzer zulaufende Flur, der zu Jeans Wohnung führt und den man sofort als Sackgasse wahrnimmt, oder auch die Kritzelei „What are you Doing?„, die Llewyn in einer öffentlichen Toiletten-Kabine liest und die seine Situation treffend zusammenfasst.

 

Das Regisseur-Duo Joel und Ethan Coen (links und rechts) mit Hauptdarsteller Oscar Isaac (Mitte).

Das Regisseur-Duo Joel und Ethan Coen (links und rechts) mit Hauptdarsteller Oscar Isaac (Mitte).

Hintergründe zum Film „Inside Llewyn Davis“

Die Coens entwickelten das Drehbuch zum Film, nachdem sie auf die Biografie des Folksängers Dave Van Ronk gestoßen waren, die den Titel „The Mayor of MacDougal Street“ trägt. Basierend auf einer Episode darüber, wie Van Ronk hinter einem Club verprügelt wird, schrieben Joel und Ethan die Geschichte von Llewyn und erschufen damit „einen Film, der sich aus diesem Ereignis ergibt und es zugleich erklärt“ (Ethan Coen). Da Ethan das Gefühl hatte, „dem Film mangelt es an Plot“, integrierten die Geschwister kurzerhand noch die erwähnte Katze, die hervorragend als im wahrsten Sinne des Wortes „roter“ Faden funktioniert. Die Geschichte wurde von den beiden Drehbuch-Autoren kreisförmig angelegt, was einmal mehr die aktuelle Situation ihres Protagonisten wiederspiegelt. Das Faszinierende daran: Die Abschluss-Szene ist im Vergleich zur Anfangs-Szene aus einem leicht veränderten Blickwinkel gedreht, so dass man beim Zuschauen nicht sofort merkt, dass man sich so gesehen wieder am Filmanfang befindet.

 

„Please Mr. Kennedy”: Llewyn Davis (Oscar Isaac) und Jim Berkey (Justin Timberlake) nehmen im Studio einen neuen Song auf.

„Please Mr. Kennedy”: Llewyn Davis (Oscar Isaac) und Jim Berkey (Justin Timberlake) nehmen im Studio einen neuen Song auf.

Die Musik

Folkmusik funktioniert über die Texte, das Fehlen von überflüssigem Schnickschnack und natürlich die Seele, mit der sie gesungen wird. Oscar Isaac wurde von den Coens als ein Schauspieler gecastet, der auch singen und Gitarre spielen kann, und mit seinem Talent auf beiden Gebieten wird der Film geradezu unvergesslich. Da das Regie-Duo beschlossen hatte, dass die Musik in „Inside Llewyn Davis“ eine tragende Rolle spielen sollte, arbeiteten sie beim Soundtrack von Anfang an eng mit dem Musik-Produzenten T Bone Burnett zusammen, mit dem sie bereits den kommerziell erfolgreichen Soundtrack zu „O Brother, Where Art Thou?“ entwickelt hatten. Wichtig war Joel und Ethan Coen nicht nur, dass die Songs beim Dreh live gespielt und gesungen wurden, sondern dass sie im Film auch über ihre volle Länge laufen. Das sorgt dafür, dass die einzelnen Stücke ihre volle Wirkung entfalten können und man ganz bei Llewyn Davis ist, wenn er z. B. „Hang me, Oh Hang me“ singt.

Auf dem Soundtrack zu „Inside Llewyn Davis“ sind übrigens nicht nur Songs mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Tiberlake und Marcus Mumford (Lead-Sänger der Folkband „Mumford & Sons“) zu hören, sondern auch von Dave Van Ronk selbst, dessen Album „Inside Dave van Ronk“ den Titel des Films inspirierte.

 

Fazit

Wenn Oscar Isaac alias Llewyn Davis singt, dann glaubt man ihm. Und allein deshalb, aber natürlich auch wegen seiner herrlich melancholischen Art, einen selbstzerstörerischen Künstler zu spielen, ist dieser Film absolut sehenswert und nicht nur für Folk- oder Coen-Fans ein Muss! Die atmosphärischen Bilder und die Stimmung passen zudem bestens zur Jahreszeit, in der der Film in Deutschland startet (Termin: 5. Dezember 2013). Und so ist „Inside Llewyn Davis“ nicht nur aufgrund seiner Erzählstruktur eine wahrhaft runde Sache, sondern auch Anwärter auf mindestens einen Oscar sowie den Titel „Bester Coen-Film“.

Infos zum Film

Inside Llewyn Davis
USA, 2013
104 Minuten
Filmverleih: Studiocanal
Regie und Drehbuch:
Joel Coen, Ethan Coen
mit Oscar Isaac,
Carey Mulligan,
John Goodman,
Garrett Hedlund,
Justin Timberlake
FSK: frei ab 6

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4 Kommentare

  • Ich hab den Trailer nur im Kino gesehen. Und aufgefallen ist mir besonders die rote Katze. Allein schon für die Idee muss man die Brüder loben. Aber Coen muss ja irgendwie. Ich bin gespannt wie ich ihn finde!

  • Marc

    Hallo Stephanie 🙂 ich war sehr begeistert. War gerade in der Preview. Nach der Eingangsszene wollte ich klatschen weil ich wohl vergessen hatte das ich im Kino saß.

    • Jaaaa 😀 Das kann ich sowas von nachvollziehen! Freut mich sehr, dass er dir gefallen hat, dachte mir auch schon, dass das was für dich ist. Bin mal gespannt, was das Gros der Zuschauer sagt, der Film läuft ja erst Donnerstag an.

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