Lost River (Ryan Gosling)

Düsterer Thriller über den Wunsch nach einem besseren Leben:

Filmplakat Lost River©TiberiusFilm

Filmplakat Lost River©TiberiusFilm

Die guten Zeiten in der Kleinstadt Lost River sind nicht nur vorbei, sondern sie werden ganz sicher auch niemals wieder kommen. Der amerikanische Traum von einem besseren Leben in Wohlstand ist dem Kampf ums Überleben gewichen. Wer kann, verschwindet, wer bleibt, hat keine andere Wahl. Billy (Christina Hendricks) gehört zu den wenigen, die noch versuchen – müssen -, in Lost River zurecht zu kommen. Mit ihren Söhnen Bones (Iain De Caestecker) und Franky bewohnt sie eins der heruntergekommenen Häuser der mehr und mehr verwaisenden Stadt. Das Geld, das sie verdient, reicht kaum, die Familie zu ernähren, und so zieht Bones selbst los, um Geld für die Reparatur seines Wagens aufzutreiben. In den verlassenen Gebäuden der Stadt legt er Rohstoffe frei, wobei vor allem der Verkauf von Kupferdrähten an den ortsansässigen Schrotthändler ein lukratives Geschäft ist.

Wo lukrative Geschäfte sind, lässt die Konkurrenz natürlich nicht lange auf sich warten, und schon bald erklärt der Stadt-Kriminelle Bully (Matt Smith) das Kupfer-Business zu seinem Revier, das er notfalls mit Gewalt verteidigt. Während Bones‘ Möglichkeiten, Geld zu verdienen, damit gegen Null gehen, erfährt Billy von ihrem neuen Bank-Berater Dave (Ben Mendelsohn), dass ihr Haus das nächste sein könnte, das abgerissen wird, wenn sie nicht bald die noch ausstehenden Raten zahlt. Dave hat jedoch gleich eine Idee, wie er Billy „helfen“ kann: Er bietet ihr einen Job in seinem Nachtclub an, in dem die paar Reichen, die es in der Gegend noch gibt, ihre Gewalt-Phantasien ausleben können. Billy lässt sich von Nachtclub-Chefin Cat (Eva Mendes) überzeugen, dass der Job für sie völlig ungefährlich ist, und da die finanzielle Situation ihr ohnehin keine Wahl lässt, nimmt sie die Stelle an. Zeitgleich versucht Bones gemeinsam mit Nachbarin Ratte (Saoirse Ronan), Bully und seinen Gehilfen möglichst aus dem Weg zu gehen, denn der selbsternannte Herrscher über Lost River hat sich vorgenommen, seinem Wettbewerber einen Denkzettel zu verpassen.


 

Untergang der Kleinstadt Lost River

Mit seinem Regie-Debüt Lost River legt Ryan Gosling eine Mischung aus Thriller, Film noir und modernem Märchen vor, das stilistisch und inhaltlich inspiriert ist von den Regisseuren, mit denen Gosling bereits als Schauspieler zusammenarbeitete, allen voran Nicolas Winding Refn und Derek Cianfrance. Vor allem lange rote Gänge oder absurderweise in Gesang ausbrechende Gangster-Bosse hat man zuletzt in Only God Forgives gesehen, und die Bereitschaft, seinen Lebensunterhalt mangels Alternativen durch Kriminalität zu verdienen wurde ähnlich in The Place Beyond the Pines thematisiert. Keine Frage: Gosling hat einen Film gedreht, für den er normalerweise die zwangsläufige Besetzung der Hauptrolle wäre. Iain De Caestecker, der den Bones spielt, ist dieser Herausforderung auch nicht immer gewachsen, weil er als angry young man zu wenig angry mitbringt. Auch musikalisch erinnert Lost River an die beiden Winding Refn-Filme, in denen Gosling die Hauptrolle inne hatte. Die (alb-)traumhaften Sequenzen sind mit psychedelischen Klängen unterlegt wie in Only God Forgives, Bones‘ Flucht vor Bully wird durch 80er-Jahre-Synthesizer-Musik im Stil von Drive begleitet. Johnny Jewel, der den Soundtrack zu Lost River schrieb, lieferte auch tatsächlich ein Stück zu Drive.

Nachtclub-Betreiberin Cat, gespielt von Goslings Lebensgefährtin Eva Mendes, Szenenbild aus Lost River©TiberiusFilm

Nachtclub-Betreiberin Cat, gespielt von Goslings Lebensgefährtin Eva Mendes, Szenenbild aus Lost River©TiberiusFilm

Das große und eigenständige Thema von Lost River ist jedoch das Erwachen aus dem Traum von einem besseren Leben, den alle Figuren des Films träumen, obwohl sie in völliger Verwahrlosung fernab von jeglicher Zivilisation ihr Dasein fristen und ihren Lebensunterhalt mit Tätigkeiten wie Kupferdiebstählen bestreiten, die anderswo nicht als Job gelten würden. Lost River, der ursprünglich How to Catch a Monster heißen sollte, wurde in Detroit gedreht, und ursprünglich sollte der Film auch hier spielen. Detroit als Sinnbild einer amerikanischen Stadt im Niedergang symbolisiert wie kein anderer Ort, dass Wachstum und Gewinnsteigerungen nicht endlos möglich sind. Hatte die Stadt in den 1950er Jahren noch 2 Millionen Einwohner, sind mittlerweile, nachdem die Blütezeit der Automobilindustrie vorüber ist, gerade einmal 700.000 übrig geblieben, die in teils verlassenen Gegenden leben, die an Geisterstädte erinnern. Billy und Bones sind diejenigen, die noch nicht ganz angekommen sind in der neuen Realität, die noch nicht begriffen haben, dass es in ihrem Zuhause keine Verbesesrung geben wird und dass die einzige Möglichkeit, doch noch ein besseres Leben zu führen, woanders liegt. Doch nicht jeder kann reich und berühmt werden, nicht auf jeden wartet ein großes Auto und ein tolles Haus, und Billy und ihre Söhne sind die Verlierer des Systems, für die die Kosten für eine Auto-Reparatur zum entscheidenden Kriterium für den Fortgang aus Lost River und somit für das kleinste bisschen Hoffnung auf Besserung werden.

Ryan Gosling beim Dreh von Lost River

Ryan Gosling beim Dreh von Lost River

Bei seiner Premiere in Cannes 2014 ereilte Lost River das selbe Schicksal wie Only God Forgives oder Gus Van Sants aktueller Film Sea of Trees mit Matthew McConaughey in der Hauptrolle: Er wurde vom Publikum ausgebuht. Vielleicht liegt das daran, dass Gosling keinen Hehl daraus macht, dass er David Lynch und Nicolas Winding Refn nacheifert, die Innovationskraft dieser erfahrenen Regisseure in seinem Debütfilm jedoch nicht ganz erreicht, vielleicht auch an der bildgewaltigen und symbolträchtigen Umsetzung, die die Handlung des Films teilweise hinter Farbgebung, Kameraführung und Sound zurücktreten lässt oder die Zusammenstellung der Namen Billy, Bully, Cat und Rat erinnerten zu stark an ein Enid Blyton-Kinderbuch. Vielleicht buht man in Cannes aber auch einfach gerne Filme aus und das sehr amerikanische Thema war dem europäischen Publikum einfach zu fremd.

Insgesamt ist Lost River ein sehr sehenswertes Debüt, das Tribut zollt an einige der interessantesten Regisseure der Gegenwart und gleichzeitig ein hochaktuelles Thema der US-amerikanischen Zeitgeschichte – die Erkenntnis, dass der amerikanische Traum ausgeträumt ist – behandelt. Die Entwicklung von Ryan Gosling vom Schauspieler zum Regisseur lässt in jedem Fall auf weitere spannende und eigenwillige Filme hoffen.

Infos zum Film

Lost River
USA, 2015
95 Minuten
Filmverleih: Tiberius Filmverleih
Regie: Ryan Gosling
Drehbuch: Ryan Gosling
mit Christina Hendricks, Saoirse Ronan,
Iain De Caestecker, Eva Mendes,
Matt Smith, Ben Mendelsohn
FSK: frei ab 16

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