Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin)

DVD-Cover "Martha Marcy May Marlene"

DVD-Cover „Martha Marcy May Marlene“

Die Verhältnisse sind einfach, die Regeln klar. Eine Farm in den Bergen, selbst gefertigte Kleidung und eine eingespielte Gemeinschaft: Die Frauen bereiten die Mahlzeitên vor, die Männer essen zuerst. Der kleine Tisch, um den man sich drängt, ist ohnehin schon überfüllt, obwohl man in zwei Schichten isst.

Doch auch, wenn dieses Zusammenleben einer Gruppe Aussteiger in Sean Durkins preisgekröntem Sekten-Drama „Martha Marcy May Marlene“ auf den ersten Blick harmonisch wirkt, hat eine der Frauen (Elizabeth Olsen) es ziemlich eilig, das alles hinter sich zu lassen. Sie packt im Morgengrauen hastig ihre wenigen Sachen zusammen und rennt fort, durch den Wald. Ihr hinterher läuft einer der Männer, ruft ihr nach, holt sie jedoch erst viel später, in einem Diner, ein. Zur Rückkehr kann er sie nicht bewegen. Stattdessen sieht man sie später allein, am Bahnhof, wo sie einen Anruf macht und an ihrem Schweigen von ihrer Schwester Lucy (Sarah Paulson) als Martha erkannt wird. Nur mit Mühe kann Lucy Martha dazu bringen, sich am Bahnhof abholen zu lassen. Doch letztlich schafft sie es, ihre Schwester zu sich in ihr Ferienhaus zu nehmen, wo sie mit ihrem Mann Ted (Hugh Dancy) gerade zwei Wochen verbringt.


Geheimnisse der Vergangenheit

Zwei Jahre hat Lucy nichts von ihrer Schwester gehört. Da sie jedoch erkennt, wie verstört Martha ist, drängt sie sie nicht, mehr zu erzählen als die karge Erklärung, die die Schwester freiwillig gibt: Sie war bei einem Freund, und man ist im Streit auseinander gegangen. Dass das wahrscheinlich nicht ganz stimmt, wird schnell klar. Denn Martha hat sich während ihrer Abwesenheit Verhaltensweisen angeeignet, die deutlich machen, dass sie sich in einer ganz eigenen Gemeinschaft befunden haben muss. Intimität und Privatsphäre kennt sie nicht, vor Ted, den sie noch keinen Tag kennt, zieht sie sich komplett aus und springt in den See, und während ihre Schwester und ihr Schwager Sex haben, legt sie sich neben die beiden ins Bett und versucht zu schlafen.

Was wirklich passiert ist, erfährt Lucy nicht – dafür aber der Zuschauer. In Rückblenden sieht man Martha, wie sie zu der Kommune kommt, in der sie die letzten beiden Jahre verbracht hat. Einen anderen Lebensstil möchte sie ausprobieren, fern von Geld- und Karrieregedanken, und die Gemeinschaft um den charismatischen Patrick (John Hawkes) scheint dafür perfekt. Dass hier ein neues Leben für Martha beginnt, wird bereits bei der ersten Begegnung zwischen ihr und Patrick klar, bei der dieser sie direkt in Marcy May umbenennt – weil das besser zu ihr passt. Was mit gemeinsamem Nahrungsanbau, Singen am Lagerfeuer und Gemeinschaftsbesitz beginnt, entpuppt sich jedoch bald als „Quid pro quo“-Situation, denn wenn „Martha Marcy May Marlene“ (letzteres ein Deckname, unter dem alle Frauen sich am Telefon melden) in der Kommune bleiben möchte, muss sie sich öffnen, Vertrauen zeigen, für die anderen da sein. Das beginnt mit einem Initiationsritus, der nichts anderes ist als eine Vergewaltigung unter Drogeneinfluss. Und wie es sich für einen Initiationsritus gehört, ist das erst der Anfang des Schreckens.

 

Wer ist Martha Marcy May Marlene?

Besonders auffällig in „Martha Marcy May Marlene“ ist, wie bedeutend gerade die Dinge sind, die nicht gesagt werden. Da Martha ihre Familie nicht an ihrer Vergangenheit teilhaben lässt, eskaliert die Situation bald. Ted fühlt sich zunehmend gestört, Lucy sitzt zwischen den Stühlen und Martha selbst wird immer mehr von ihren Erinnerungen verfolgt. Möglicherweise auch nicht nur von Erinnerungen: Immer wieder hat sie das Gefühl, dass eins der anderen Sektenmitglieder sie aufgespürt haben könnte. Ob das Teil ihres Traumas oder Realität ist, bleibt dabei manchmal unklar. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass man sich oft nicht sicher ist, ob eine Szene in der Gegenwart im idyllischen Ferienhaus oder in Marthas nur halb verdrängter Vergangenheit spielt – schließlich gehen auch in Marthas Wahrnehmung die beiden Zeiten ineinander über.

Während im aktuellen Sekten-Drama „The Master“ der Frage nachgegangen wird, auf welchen Boden die Lehren einer Sekte fallen müssen, um zu gedeihen, geht es in „Martha Marcy May Marlene“ nicht unbedingt stärker, aber doch deutlicher um den Kult an sich, die Machtstrukturen und die Methoden einer Sekte, ihre Mitglieder zu anderen Menschen zu machen. Die potenziellen Mitglieder haben keinen wirklichen Platz im Leben, sind orientierungslos, der charismatische Anführer verspricht eine  ganz andere, viel bessere Lebensweise und die klaren Regeln geben Halt. Die ganze „Eingliederung“ von Martha in die „Gemeinde“ ist gekennzeichnet durch subtile Elemente der Gehirnwäsche: Anknüpfung an wunde Punkte, Suggerierung von Schuldgefühlen, Neu-Besetzung von Begriffen und sogar die Auflösung der Identität durch die Namensänderung von Martha in Marcy May. Dabei ist es gerade der Kontrast zwischen ruhiger Erzähl-Atmosphäre des Films und bedrückend-verstörenden Inhalten, der „Martha Marcy May Marlene“ fesselnd in zweierlei Hinsicht macht: zum einen funktioniert der Film wie ein spannender Thriller, bei dem man einfach wissen möchte, wie es weitergeht, zum anderen lässt einen das Gesehene auch nach dem Abspann lange nicht los.

Premiere feierte „Martha Marcy May Marlene“ 2011 auf dem Sundance Film Festival, wo der Film mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Zahlreiche weitere Preise für Regisser Sean Durkin und die fantastische Hauptdarstellerin Elizabeth Olsen folgten. Seit Herbst 2012 ist „Martha Marcy May Marlene“ auf DVD erhältlich.

Infos zum Film

Martha Marcy May Marlene
USA, 2012
102 Minuten
Filmverleih: Fox Searchlight
Regie: Sean Durkin
Drehbuch: Sean Durkin
mit Elizabeth Olsen,
John Hawkes, Sarah Paulson
FSK: frei ab 16

 

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