Mein Leben ohne mich (Isabel Coixet)

Filmplakat "Mein Leben ohne mich"

Filmplakat „Mein Leben ohne mich“

Woher weiß man, dass man sein Leben richtig gelebt hat? Dass man wirklich all das getan hat, was man hätte tun sollen (oder wollen)? Möchte man das überhaupt wissen? Über solche Fragen denkt man nicht nach; man ist zu sehr im Alltag gefangen und möchte sich auch gar nicht damit beschäftigen, dass man nicht noch mindestens 500 Jahre hat, herauszufinden, was man eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte. Dass aus all dieser (gefühlten) Zeit plötzlich wenige Wochen werden können – davon handelt „Mein Leben ohne mich“.

 

Unerwartet aus dem Alltag gerissen

Ann (Sarah Polley), die Hauptfigur in „Mein Leben ohne mich“, hat sich bisher auch nicht viele Gedanken darüber gemacht, was sie sich erhofft. Mit ihrem Mann Don (Scott Speedman) und den beiden Töchtern lebt sie in einem Wohnwagen im Garten ihrer vom Leben enttäuschten Mutter (Deborah Harry). Die Schule hat Ann abgebrochen, als sie mit 17 zum ersten Mal schwanger wurde. Ihr Vater (Alfred Molina) sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis, Don verliert immer mal wieder seinen Job, und sie putzt abends in der Schule. Sich über möglicherweise verpasste Gelegenheiten Gedanken zu machen, kommt da gar nicht in Frage. Und dennoch hat Ann Hoffnungen und Pläne. Während der Arbeit und auf der Fahrt nach Hause hört sie Sprachkassetten an und versucht Chinesisch zu lernen, und bei den Kindern legen Ann und Don Wert auf Bildung und eine gute Erziehung. Irgendwann wird man es aus dem Trailer schaffen. Das wird zwar noch dauern, aber die junge Familie hat ja alle Zeit der Welt. Schließlich ist Ann gerade mal 23.

Doch all der Alltag und all die Pläne werden plötzlich ganz unwichtig, als Ann nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus erfährt, was die furchteinflößenden Ultraschall-Bilder erahnen lassen: Sie ist unheilbar krank. Ann scheint die Diagnose besser aufzunehmen als ihr Arzt, der ihr nicht in die Augen sehen kann, während er ihr die Untersuchungsergebnisse mitteilt. Nur wenige Momente der Schwäche sieht man, wie sie mit sich ringt, bevor sie die unvermeidliche Frage stellt: „Wie lange noch?“ Die Antwort ist noch ernüchternder als erwartet. Zwei bis drei Monate bleiben Ann, also im Grunde gar nichts.

 

Wie geht mein Leben ohne mich weiter?

Lee und Ann

Lee wacht über Anns Schlaf – und verliebt sich dabei in sie.
Szenenfoto aus „Mein Leben ohne mich“

Ann entscheidet sich gegen weitere Untersuchungen, die doch nichts bringen würden, und versucht stattdessen, sich darüber klar zu werden, was sie in der Zeit, die ihr bleibt, tun möchte. Was sie nicht will, ist ihr jedenfalls schon klar: Sie möchte nicht, dass ihr Mann und ihre Töchter zwei Monate lang in Krankenhausfluren darauf warten müssen, dass sie stirbt. Und so verschweigt Ann ihre Krankheit, erfindet als Erklärung für ihren Zustand eine Anämie für sich und geht immer wieder abends alleine weg, um ihre letzte To Do-Liste zu erstellen: „Things to do before I die“. Zehn Punkte möchte sie noch erledigen, und die ersten vier drehen sich um ihre Familie. Ihrem Mann will sie eine neue Frau besorgen, den Kindern Glückwunsch-Tonbänder für ihre Geburtstage besprechen. Erst dann fallen ihr Dinge ein, die sie für sich tun könnte. Sich eine neue Frisur zulegen und ohne Reue rauchen und trinken. Und dann gibt es Sachen, die sie vielleicht verpasst hat im Leben. Sie hat nie mit einem anderen Mann als Don geschlafen. Mit noch zwei Monaten vor sich möchte sie das ändern, einfach, um zu wissen, wie das ist. Und sie möchte jemanden dazu bringen, sich in sie zu verlieben.

All ihre Vorhaben geht sie sofort an, während sie gleichzeitig so gut es geht ihr alltägliches Leben weiterführt. Dass sie nur noch sagen will, was sie denkt, schränkt sie schnell wieder ein, als sie merkt, dass sie damit Menschen verletzt, und „so viel rauchen und trinken wie sie will“ ist offensichtlich gar nicht so viel. Andere Punkte auf der Liste erledigen sich dagegen ganz leicht, nachdem sie sie sich vorgenommen hat. Dass sich jemand in Ann verliebt, passiert quasi im Schlaf. Lee (Mark Ruffalo), der als Landvermesser die halbe Welt bereist hat, ist sofort fasziniert von ihr, als er sie im Café ihre Liste schreiben sieht, die er für ein Tagebuch hält. Er erzählt ihr von den Ländern, in denen er gearbeitet hat, lässt sie so die Welt durch seine Augen sehen und liest ihr vor, ausgerechnet aus „Auf dem Weg zur Hochzeit„, das einige Parallelen zu „Mein Leben ohne mich“ enthält.

 

Umgang mit der eigenen Sterblichkeit

„Mein Leben ohne mich“ ist ein Film über den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit, der völlig ohne Kitsch und übertriebene Sentimentalität auskommt. Ann, die seit der ersten Schwangerschaft gelernt hat, dass sie die Sachen im Griff haben muss, lässt sich auch nicht durch ihren baldigen Tod davon abhalten, ihr weiteres Leben zu regeln und zu organisieren. Gleichzeitig fragt sie sich zum ersten Mal, was sie eigentlich möchte, und schafft sich in der Affäre mit Lee einen kleinen Raum für ihre eigenen Wünsche. Natürlich hat „Mein Leben ohne mich“ kein Happy End, und die „Aufräumaktion“, die Ann am Ende ihres Lebens durchführt, bringt auch neues Chaos mit sich. Vor allem die Beziehung zu Lee, der gerne mit ihr mit allen Konsequenzen zusammen leben möchte, bringt für beide neben den schönen Momenten auch viel Schmerz. Aber Ann schafft es trotzdem, alle Menschen, die mit ihr zu tun haben, zu berühren und deren Leben zu verändern, auch wenn sie selbst nicht mehr daran teilhaben kann.

Trotz des ernsten Themas ist „Mein Leben ohne mich“ ein lebensbejahender Film, der die Hauptfigur im Zeitraffer von wenigen Wochen alle Stationen der nicht mehr kommenden Jahre erleben oder zumindest durch ihre Planung erahnen lässt. Und ganz sicher ist „Mein Leben ohne mich“ ein Film, von dem man etwas für sich mitnimmt. Vielleicht macht man sich nicht sofort eine so finale To Do-Liste wie Ann, aber wahrscheinlich zumindest Gedanken darüber, was einem wichtig ist, auf welche Erfahrung man nicht verzichten möchte und was man bereuen würde, wenn man es versäumen würde.

„Mein Leben ohne mich“ wurde 2003 auf der Berlinale mit dem Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater ausgezeichnet. Sarah Polley gewann 2004 einen Genie Award als beste Hauptdarstellerin.

Infos zum Film

Mein Leben ohne mich
(My Life without Me)
Kanada / Spanien, 2003
102 Minuten
Filmverleih: Tobis
Regie: Isabel Coixet
Drehbuch: Isabel Coixet
mit Sarah Polley, Scott Speedman,
Deborah Harry, Mark Ruffalo,
Alfred Molina
FSK: ab 6 Jahre

 

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