Nachtzug nach Lissabon (Bille August)

Filmplakat "Nachtzug nach Lissabon"

Filmplakat „Nachtzug nach Lissabon“

Raimund Gregorius (Jeremy Irons) ist so einsam, dass er nicht einmal einen Partner zum Schachspielen hat – und stattdessen gegen sich selbst antritt, um die langen Nächte herum zu bringen. Seine Wohnung gleicht einer Bibliothek, und sein Leben hat er den toten Sprachen gewidmet, denn Gregorius unterrichtet Latein und Altgriechisch. Sein ziemlich konservativ-geregeltes – sprich: eintöniges – Leben erhält einen ganz neuen Impuls, als er auf dem Weg zur Arbeit eine junge Frau mit Selbstmordabsichten davon abhält, von der Brücke zu springen, wie sie es wenige Sekunden zuvor noch vorhatte.

Der Moment, nachdem Gregorius die Frau gerettet hat und die zwei einander gegenüber stehen, wird zum Schlüsselereignis: In den Gesichtern der beiden kann man groß die Frage „Und jetzt?“ lesen, denn offensichtlich haben sie gerade einen Augenblick besonders großer Nähe geteilt, den man so nicht einfach vorüberziehen lassen kann. Da der Lehrer sich für die lebensmüde Frau verantwortlich fühlt und ihm ganz offensichtlich nichts anderes einfällt, nimmt er sie kurzerhand mit in den Unterricht, aus dem sie jedoch nach wenigen Minuten wieder flieht. Zurück bleibt nur ihr Mantel, in dem Gregorius ein Buch des portugiesischen Arztes und Schriftstellers Amadeu de Prado findet.


Nachtzug nach Lissabon – und in die Vergangenheit

Gregorius beginnt zu lesen und ist sofort von den Texten de Prados fasziniert. Als er dann noch ein Zugticket nach Lissabon in dem Buch findet, eilt er gleich zum Bahnhof, wo der Zug schon zur Abfahrt bereit steht. Die junge Frau trifft er dort zwar nicht, doch nach nur kurzem Zögern macht Gregorious das, was der Titel vermuten lässt: er lässt in seiner Heimatstadt Bern alles stehen und liegen und nimmt den Nachtzug nach Lissabon, um herauszufinden, was es mit diesen beiden Menschen – der Frau, die er gerettet hat, und dem Mann, von dem diese Frau las – auf sich hat.

In Lissabon begibt sich Gregorius zunächst auf Zimmer- und dann auf Spurensuche und trifft so auf die Schwester von Amadeu de Prado – Adriana (Charlotte Rampling), die von ihrem Bruder erzählt, als wäre er nur kurz abwesend. Beim Verlassen des Hauses erfährt Gregorius jedoch von der Haushälterin, dass Amadeu längst gestorben ist. Viel mehr scheint der Lehrer also nicht erfahren zu können. Doch der Zufall kommt ihm zu Hilfe, und zwar zunächst in Form eines kleinen Unfalls. Bei einem Zusammenprall mit einem (ziemlich unverschämten) Radfahrer geht Gregorius‘ Brille zu Bruch, und die Augenärztin (Martina Gedeck), die für Ersatz sorgen soll, findet den Schweizer nicht nur sehr sympathisch, sondern kann außerdem mit einem Onkel aufwarten, der Amadeu sehr gut kannte.

Immer mehr erfährt Gregorius nun über den Arzt und Schriftsteller, dessen Leben stark durch die portugiesische Salazar-Diktatur geprägt war. In Rückblenden werden Amadeus Einsatz im Widerstand, seine innige Freundschaft zu Jorge (August Diehl) sowie die unterschiedlichen Beziehungen zum Vater, zur Schwester und zu seiner großen Liebe Stefania (Mélanie Laurent / Lena Olin) erzählt. Zwischen dem Wunsch, das Leben möglichst auszuschöpfen, und dem Bedürfnis, den Menschen sowohl als Arzt als auch politisch zu helfen, trifft Amadeu immer wieder Entscheidungen, die sein Leben und das seiner Mitmenschen grundlegend verändern.

 

Auf der Suche nach dem ungelebten Leben

Im Nachtzug nach Lissabon - Gregorius wird durch Amadeu inspiriert

Im Nachtzug nach Lissabon: Gregorius wird durch Amadeu inspiriert – Szenenbild aus „Nachtzug nach Lissabon“

Ein wichtiges Motiv in „Nachtzug nach Lissabon“ sind die Möglichkeiten des Lebens, die man nicht ausschöpft. Amadeu spürt bereits als junger Mann, welchen großen Unterschied die Entscheidungen, die man oft leichthin trifft, machen können. Gregorius ist fast 60, als die Aufzeichnungen des Schriftstellers ihn dazu bringen, nach seinem ungelebten Leben zu suchen. Ohne mit der Wimper zu zucken gibt er auf, was er in Bern hat, und macht sich auf den Weg ins Ungewisse. Bei seinen Nachforschungen, die oft an die Ermittlungen eines Detektivs erinnern, greift der Zufall ihm ziemlich oft unter die Arme. Und auch das stützt eine weitere zentrale Aussage des Films: dass der Zufall die treibende Kraft des Lebens ist. Gregorius lässt sich darauf ein und wird damit belohnt, dass er bei seinen Besuchen der noch lebenden Zeitzeugen lange lose gebliebene Fäden aufnehmen und zu Ende knüpfen darf.

 

Innige Freundschaft: Amadeu und Jorge - Szenenbild aus "Nachtzug nach Lissabon"

Innige Freundschaft: Amadeu und Jorge – Szenenbild aus „Nachtzug nach Lissabon“

„Nachtzug nach Lissabon“ erzählt parallel mehrere faszinierende Geschichten, die vor allem sehr starke und absolut nachvollziehbare Figurentwicklungen enthalten. Dass sich der in seinem Leben eingerichtete Lehrer ganz unerwartet aufmacht, um einer Geschichte nachzuspüren, mit der er an sich nichts zu tun hat, wird in nur wenigen Szenen skizziert, ist aber trotzdem absolut glaubwürdig. Auch der politische Hintergrund der Amadeu-Geschichte gibt dem Film eine zusätzliche Dimension, die über die im Mittelpunkt stehende Erzählung über Freundschaft und Liebe weit hinaus geht. Leider sind 110 Minuten jedoch ein wenig zu kurz, um alle Geschichten wirklich in der Tiefe, in der man sich das als Zuschauer schnell wünscht, zu Ende zu führen. Über den Hintergrund der verhinderten Selbstmörderin hätte ich beispielsweise gerne deutlich mehr erfahren, als es der kurze Abschluss, den der Film hierzu bietet, hergibt.

„Nachtzug nach Lissabon“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pascal Mercier und entstand als internationale Co-Produktion. Der Roman wurde zum Bestseller und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. „Pascal Mercier“ ist das Pseudonym des Schweizer Philosphen Peter Bieri, unter dem er Romane veröffentlicht.

Im Kino ist „Nachtzug nach Lissabon“ ab dem 7.3.2013 zu sehen.

Infos zum Film

Nachtzug nach Lissabon
(Night Train to Lissabon)

USA / Schweiz / Deutschland, 2013
110 Minuten
Filmverleih: Concorde Filmverleih
Regie: Bille August
Drehbuch: Ulrich Herrmann
mit Jeremy Irons, August Diehl,
Martina Gedeck, Bruno Ganz,
Jack Houston, Lena Olin,
Mélanie Laurent
FSK: frei ab 12

 

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2 Kommentare

  • Danke für das ausführliche Review. Hab den Trailer gesehen und denke ich werde mir den Film in einem Jahr oder so auf DVD in der Bücherei holen 😉

    Das Buch habe ich übrigens vor paar Jahren gelesen. Kam aber nicht richtig in die Geschichte rein und fand es eher langatmig. Wurde trotzdem ein großer Verkaufserfolg.

    Viele Grüße aus Franken,

    Christof

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