Nebel im August (Kai Wessel)

Ergreifender Film über die so genannte „Euthanasie“ im Dritten Reich: 4.0 Stars

nebel im august cover

Filmplakat Nebel im August

Süddeutschland, Anfang der 40er Jahre: Nach dem Tod seiner Mutter wird der 13-jährige Ernst Lossa von Heim zu Heim geschickt und schließlich mit der Diagnose „nicht erziehbar ud asozial“ in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Auch dort fällt Ernst durch sein aufmüpfiges Wesen auf, entpuppt sich aber schnell als herzensguter, aufgeweckter Junge, der körperlich und geistig absolut gesund ist. Er kümmert sich liebevoll um die Kranken und bringt Leben in den tristen Anstaltsalltag. Bald verliebt sich das an Epilepsie leidende Mädchen Nandl in ihn und die beiden werden enge Freunde. Während die Alliierten Bomben werfen und Ernst darauf wartet, dass ihn sein Vater, ein fahrender Händler, aus der Anstalt befreit, geschehen dort grauenhafte Dinge. Immer mehr Patienten sterben an mysteriösen Lungenentzündungen. Doch Ernst erkennt schon bald, dass die als „minderwertig“ eingestuften Kranken unter dem Klinikleiter Dr. Veithausen systematisch ermordet und zu „Forschungszwecken“ aufgeschnitten werden. Gemeinsam mit Nandl und der Ordensschwester Sophia leistet er Widerstand und rückt so selbst ins Visier der Tötungsmaschinerie.

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Runder Film mit hochkarätiger Besetzung: Nebel im August

Nebel im August ist ein runder, klassischer und erschütternder Film über die NS-Zeit, erzählt aus der Sicht eines Kindes, das Gut und Böse noch intuitiv zu trennen vermag. Deshalb gibt es hier auch keine Erklärungsversuche über das Verhalten der Täter und kaum eine moralische Grauzone. Wer mordet, ist böse. Wer Leben rettet, ist gut. Und genauso muss das in diesem Film, der ja auch ein Film für größere Kinder (FSK 12) ist, auch sein.

Ob die Altersfreigabe nicht etwas zu locker angesetzt ist, fragt man sich bei einigen unerwartet schockierenden Bildern, die aber für den erwachsenen Zuschauer im richtigen Maß so eingesetzt sind, dass sie das Grauen konkreter machen, ohne zum Wegschauen zu zwingen. Rührende und dabei völlig pathosfreie Szenen hat dieser Film en masse. Das ist vor allem dem grandiosen jungen Hauptdarsteller Ivo Pietzcker zu verdanken, aber auch seinen Schauspielerkollegen, die zur Crème de la Crème des deutschen Mainstream-Kinos zählen, z. B. Sebastian Koch als Anstaltsleiter und Fritzi Haberlandt als Schwester Sophia.

Warum wir immer noch Filme über Nazi-Deutschland brauchen

Also schon wieder ein Film über das Dritte Reich – brauchen wir das wirklich? Ja, unbedingt. Und zwar zum einen, weil der Film mit der so genannten „Euthanasie“ in Nazi-Deutschland ein Thema aufgreift, das medial noch nicht genug Beachtung gefunden hat. Schätzungsweise 300.000 Menschen wurden unter dem Vorwand der „Sterbehilfe“ auf Befehl des NS-Regimes getötet. Nach Kriegsende wurde der systematische Mord an Behinderten als „Aktion T4“ bekannt, benannt nach der Adresse der zuständigen Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin.

Dabei ging es selbstverständlich nicht um die Erlösung unheilbar kranker Menschen, sondern um das „Ausmerzen minderwertiger Elemente“ im „deutschen Erbgut“, sprich die absurde Wahnvorstellung einer „Reinrassigkeit“, wie sie sich die Rassenideologen zusammenreimten. Ein anderer Grund für den Krankenmord war ökonomischer Natur: Wer krank war, konnte weder als Kanonenfutter noch als Arbeitskraft verbraucht werden, verursachte demnach Kosten und war also nutzlos. Psychisch Kranke wie geistig Behinderte, Gehörlose, Blinde, Gehbehinderte – kurz alle Menschen, die nicht dem Ideal des „gesunden arischen Volkskörpers“ entsprachen, wurden in Konzentrationslagern und Krankenhäusern ermordet – und zwar auch noch nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945. Gemordet haben die, die helfen sollten: Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern. Viele von ihnen arbeiteten nach Kriegsende einfach weiter in ihrem Beruf.

Auch die Rolle der Kirche im Tötungssystem des Nationalsozialismus wird im Film – wenn auch sehr kurz – thematisiert. Ihr Widerstand zeigt sich in Form der mutigen Schwester Sophia, die den Mord an Gottes Geschöpfen nicht mit ihrem Glauben vereinbaren kann. Die andere Seite, das Wegsehen, Ausharren, ja sogar Mitmachen beim Verbrechen, spiegelt sich im Verhalten des Bischofs wider, den Schwester Sophia vergeblich um Hilfe bittet.

Die Jenischen: Minderheit in West- und Mitteleuropa

Ein weiterer hochspannender und bedeutender Aspekt des Films ist eine Volksgruppe, die vielen komplett unbekannt sein dürfte: die Jenischen, denen Ernst und sein Vater angehören. Jenische bilden eine Minderheit in West- und Mitteleuropa, die wegen sozialer Ausgrenzung zur Dauermigration gezwungen waren und so als fahrende Händler umherreisten. Diesen Umstand machte sich das NS-Regime zunutze, um sie mit den ebenfalls jahrhundertelang marginalisierten Sinti und Roma gleichzusetzen. Genau wie diese wurden Jenische verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und unter dem Vorwand einer „niederen Rassenzugehörigkeit“ und „Arbeitsscheue“ systematisch ermordet. Ein Völkermord, über den bis heute fast niemand Bescheid weiß.

Raum im kulturellen Gedächtnis

All diese Themen zeigen, dass der Verarbeitungsprozess der NS-Verbrechen noch lange nicht abgeschlossen ist und immer noch neuen, angemessenen Raum im kulturellen Gedächtnis fordert.

Außerdem – und das gilt für jeden politischen Spielfilm, der auf wahren Begebenheiten beruht – ist Nebel im August deshalb wichtig, weil dort Geschichte individuell und damit menschlich wird. Wenn wir von den Verbrechen in Nazi-Deutschland sprechen, dann reden wir von der Verfolgung Andersdenkender, dem Völkermord an europäischen Juden, der Inhaftierung Homosexueller etc. Hinter all diesen grauenhaften, aber verallgemeinernden Themen verbergen sich Einzelschicksale wie das von Ernst Lossa. Damit diese greifbar werden und die Menschen, die das alles wirklich erlebt haben, nicht unter abstrakten Begrifflichkeiten verloren gehen, braucht es Filme wie Nebel im August.

Wer mehr über Ernst Lossa erfahren möchte, dem sei die gleichnamige Romanvorlage von Robert Domes ans Herz gelegt. Anders als der Film geht dieser weiter zurück bis ins Jahr 1933, als Ernst vier Jahre alt war und die Nazis die Macht ergriffen.

Infos zum Film

Nebel im August
D/AT 2016
126 Minuten
Filmverleih: STUDIOCANAL Film
Regie: Kai Wessel
Drehbuch: Holger Karsten Schmidt
mit Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt, Jule Hermann, Henriette Confurius, David Bennent, Karl Markovics
FSK: 12

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