No Turning Back (Steven Knight)

Nervenaufreibendes Echtzeit-Kammerspiel über eine Autofahrt

Filmplakat "No Turning Back" © StudioCanal

Filmplakat „No Turning Back“ © StudioCanal

Die Ampel springt auf Grün, aber der Mann im Auto biegt nicht nach links ab, wie es sein Blinker anzeigt, er sitzt einfach nur hinter dem Steuer. Erst als der Lkw hinter ihm hupt, sammelt sich der Mann und kneift die Augen zusammen. Dann setzt er den Blinker rechts und begibt sich auf eine knapp 90-minütige Autofahrt von Birmingham nach London – und wir, die Zuschauer, fahren mit ihm. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen: Der Mann, Ivan Locke (Tom Hardy), hat nicht nur einfach eine andere Richtung gewählt. Er hat stattdessen eine Entscheidung getroffen, die sein Leben verändert und nach der es „no turning back“, kein Zurück mehr gibt.

 

Kann eine Autofahrt spannend sein?

Der Film „No turning back“ funktioniert als Kammerspiel, denn die gesamte Handlung findet in Ivan Lockes Auto statt. Fast ununterbrochen telefoniert er mit unterschiedlichen Personen und so erfahren wir nach und nach mehr über seinen Beruf, über seine Verantwortung für einen millionenschweren Auftrag, über seine Familie und über den Grund, aus dem er all das mit einer Autofahrt aufs Spiel setzt. Die Spannung ist während der 85 Minuten Film allgegenwärtig, wird erhöht durch den Echtzeit-Faktor und zudem von Regisseur Steven Knight durch geschicktes Einbauen verschiedener Stressoren auf die Spitze getrieben. Eine zunächst mysteriöse Komponente erhält der Film, als Ivan Locke anfängt, mit jemandem auf dem Rücksitz zu sprechen, den der Zuschauer jedoch nicht sieht.



_

Eine besondere Hauptfigur: Ivan Locke

Es liegt nahe, dass ein Film wie „No turning back“ von der Hauptfigur getragen werden muss, denn sie ist die einzige, die man zu sehen bekommt. Regisseur Steven Knight macht es dem Zuschauer dabei absichtlich schwer mit Ivan Locke. Es ist nämlich geradezu unmöglich, die Hauptfigur auf einer menschlichen Ebene schnell einzuordnen. Auf den ersten Blick wirkt Ivan Locke gefasst. Er ist ein Mensch, der Pläne und To-Do-Listen macht, der Dinge kontrolliert abarbeitet. Er ist jemand, der ein Millionen-Euro-Projekt über Telefon steuert und sicherstellt, dass alles funktioniert. Er weiß, wen man mitten in der Nacht anheuert, um ein Problem mit einer Pumpe zu beheben, der weiß, wen vom Gemeinderat man nach Feierabend anruft, um eine bereits abgelehnte Straßensperre doch noch genehmigen zu lassen. Diese strukturierte Art funktioniert auf einer rationalen Ebene. Doch sobald es um Emotionen geht, versagt sie.

Die Figur Ivan Locke (Oscar-verdächtig gespielt von Tom Hardy) bleibt bis zum Ende von „No Turning Back“ mysteriös und ist dennoch nachvollziehbar. Es braucht Zeit, bis man sich eine Meinung über diesen Mann gebildet hat, der zugegeben einen Fehler gemacht hat, nun jedoch alles daran setzt, nicht einen weiteren Fehler zu begehen, nämlich den seines eigenen Vaters. Auf dieser Mission macht Locke vieles richtig: Er trifft eine für ihn moralisch richtige Entscheidung (symbolisiert durch das Rechtsabbiegen, im Original „to turn right“), er bleibt fokussiert, übernimmt Verantwortung und bringt zuende, was er begonnen hat. Doch was er nicht kann und was ihm letztlich zum Verhängnis wird: auf die Gefühle seiner Mitmenschen angemessen reagieren.

 

„No Turning Back“ produziert Stress

Der zunehmende Stress, dem Ivan Locke ausgesetzt ist, überträgt sich 1:1 auf den Zuschauer. Das liegt einerseits an der beklemmenden Enge des Autos, in dem man mit der Hauptfigur 85 Minuten lang sitzt. Andererseits liegt es an dem von Drehbuchautor und Regisseur Steven Knight hervorragend herausgearbeiteten Dilemma, aus dem es für Locke keinen Ausweg gibt und in das er mit jedem gefahrenen Meter tiefer hineingerät. Bilder und Schnitt des Films erschweren auf meisterhafte Art das Sehen, während man mit Ian Locke bei Tempo 145 in der Dunkelheit über die Autobahn rast und von unzähligen Lichtern geblendet wird. Ein weiterer Kniff des Regisseurs ist die Besetzung der Nebenfigur Donal, den Ivan mit Mühe und Not über Telefon immer wieder bändigen muss, damit der Kollege seine Anweisungen befolgt. Gesprochen wird Donal von Andrew Scott, der bekannt wurde durch seine Rolle des Moriarty in der BBC-Serice „Sherlock„. Andrew Scott wusste schon als Sherlocks Gegenspieler, wie er seine Zuschauer erschaudern lassen konnte: indem er seine Stimme schlichtweg wie die eines Wahnsinnigen klingen ließ.

 

Fazit zum Film

Steven Knight ist es gelungen, eine einzige Autofahrt unglaublich spannend zu gestalten und dem Zuschauer dabei keine Sekunde Rückzug zu gönnen. Idee, Story und handwerkliche Ausführung sind ebenso brilliant wie das Schauspiel von Tom Hardy. „No Turning Back“ ist einer der besten Filme, die ich bislang 2014 gesehen habe.

Infos zum Film

No Turning Back
(Locke)

USA / GB, 2013
85 Minuten
Filmverleih: StudioCanal
Regie und Drehbuch:
Steven Knight
mit Tom Hardy, Andrew Scott,
Olivia Colman, Ruth Wilson
FSK: frei ab 0

 

[footer] Google

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite verwendet Cookies. Mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen