Noah (Darren Aronofsky)

Fantastische und moderne Umsetzung einer biblischen Geschichte: 5.0 Stars

Filmplakat NOAH

Filmplakat NOAH

Es gibt viele Arten, die Bibel zu lesen, besonders aber unterscheiden sie sich danach, ob man an sie glaubt oder nicht, ob man die Geschichten, die man liest, als religiöses Leitwerk oder als Parabeln begreift. Eine Bibel-Verfilmung anzusehen – und schon beim Wort „Bibel-Verfilmung“ hat wahrscheinlich jeder eine ziemlich genaue Vorstellung von einem der bombastischen Inszenierungen vor Augen, an denen man als Kind an den Weihnachtsfeiertagen bei den Großeltern nicht vorbeikam – ist nur dann sinnvoll, wenn man zur ersten Kategorie zählt. Und Monumentalfilme mag. Donnernde Musik. Und Geschichten, die einem Moral mit dem Holzhammer beibringen.

Das alles trifft glücklicherweise auf Noah, den aktuellen Film von Darren Aronofsky, nicht zu. Zwar zeigt er die biblische Geschichte der Sintflut, jedoch ist seine Inszenierung so modern und so weit vom Original losgelöst, dass das produzierende Studio Paramount sich genötigt sah, den Film in den USA nur mit dem Hinweis zu zeigen, dass es sich hier nicht um eine bibeltreue Fassung handelt. Der neue Noah-Film ist kein kein Sandalen-Schinken, auch wenn man Russell Crowe als Noah natürlich nicht ansehen kann, ohne an Gladiator zu denken.

Die Welt, in der Aronofskys Noah (Russell Crowe) mit seiner Familie lebt, erinnert selbst schon an eine Post-Apokalypse. Die direkten Nachfahren Kains haben sich die Erde mit Hilfe gefallener Engel derart Untertan gemacht, dass die Natur dadurch völlig zerstört wurde. Aus der Linie von Kains nicht ganz so berühmtem Bruder Set sind nur noch wenige Menschen übrig, einer davon ist Noah. Mit seiner Frau Naama (Jennifer Connelly) und seinen Söhnen Ham (Ray Winstone), Sem (Logan Lerman) und Jafet führt Noah ein Leben im Einklang mit der Natur. Die Familie lebt ganz offensichtlich vegetarisch, pflegt verwundete Tiere und nimmt aus ihrer Umgebung nur das, was sie zum Leben braucht. Im krassen Gegensatz dazu stehen die sie bedrohenden Kämpfer und Krieger, denen die Familie möglichst aus dem Weg geht und die sich nicht nehmen, was sie brauchen, sondern was sie wollen. Dass es so mit der Welt nicht weitergehen kann, ist klar, und Noah sieht im Traum, wie alles enden wird: Eine Flut wird über die Erde kommen und alle Menschen vernichten.


 

Noah: Die Mission, die Unschuldigen zu retten

Einen entscheidenden Hinweis darüber, was dieser Traum für ihn und seine Familie bedeutet, erhält Noah von seinem Großvater Methusalem (Anthony Hopkins), dem ältesten Menschen der Welt, der in Aronofskys Sintflut-Saga überdies mit ein paar magischen Fähigkeiten ausgestattet ist. Noahs Familie hat offenbar den Auftrag erhalten, ein Schiff zu bauen, das groß genug ist, um die Unschuldigen zu retten, und dies sind ausschließlich die Tiere. Noah stürzt sich sogleich auf diese Aufgabe, mit der er mehrere Jahre beschäftigt ist, und verliert während dieser Zeit mehr und mehr sein Gefühl für die Mitmenschen außerhalb seiner Familie sowie einen Bezug zur Realität. Die Tatsache, dass die Menschheit sich selbst dem Untergang geweiht hat, entfremdet den naturverbundenen Mann so sehr, dass er, als die Flut dann endlich kommt, Ohren und Herz gegen die Schreie der Sterbenden verschließt. Seiner Familie fällt dies nicht so leicht. Besonders Sem, der im Gegensatz zu seinem Bruder unverheiratet und mit der Aussicht, dies zu bleiben, auf die Arche kommen musste, sieht in seinem Vater nicht den Retter der Natur, sondern seinen persönlichen Feind. Als Hams Frau Ila (Emma Watson) schwanger wird, obwohl sie eigentlich als unfruchtbar gilt, geht Noahs Wahn, die Welt von der Menschheit zu befreien, schließlich so weit, dass er sich gegen seine gesamte Familie stellt.

Sieht man von Mel Gibsons stark umstrittenen Jesus-Film Die Passion Christi ab, so ist Noah die erste Kino-Adaption einer biblischen Geschichte seit Jahrzehnten. Darren Aronofsky schafft es, dieses als verstaubt verrufene Genre modern zu inszenieren und mit neuem Leben zu füllen, denn sein Noah kämpft nicht gegen die Sintflut, um dem Publikum eine religiöse Geschichte zu erzählen, sondern an Hand dieser bekannten Erzählung werden ganz moderne Probleme der Menschheit inszeniert: Noah ist der einzige Überlebende einer Naturkatastrophe, die die Menschen selbst durch ihr rücksichtsloses und ausbeutendes Verhalten herbeigeführt haben, und Noah trifft dies so sehr, dass er vollständig die Verantwortung dafür übernehmen will, dieses Fehlverhalten wieder gutzumachen. Seine Mission, die Unschuldigen zu retten, umfasst für ihn daher nicht die Menschheit, und Noah ist so konsequent in seiner Übernahme der Verantwortung, dass er willens ist, die Menschheit komplett aussterben zu lassen, sobald seine Aufgabe, das Überleben der Tierwelt sicherzustellen, erfüllt ist. Dass er dies am Ende doch nicht geschehen lässt, ist auch eine zugleich alte und aktuelle Aussage, denn etwas Gutes kann nur aus gutem Verhalten entstehen. Der Noah, der sich trotz aller gegenteiligen Erfahrungen entschließt, doch noch einmal an das Gute im Menschen zu glauben, bekräftigt durch diesen Akt der Güte schon selbst, dass dieser Glaube vielleicht, manchmal doch nicht unbegründet ist.

Dass nicht Gott, sondern ein Mensch die Zukunft der Menschheit entscheidet, zeigt auch, dass Noah auch ohne den religiösen Hintergrund sehr gut funktioniert. Ein weiteres Beispiel hierfür ist eine besonders beeindruckende, in Aronofskys Markenzeichen, der Hip-Hop-Montage, gedrehte Szene, in der die Evolution nach aktuellem wissenschaftlichen Stand gezeigt wird (beispielsweise die Entstehung des Mondes nach der Kollisionstheorie), während im Off Noah seinen Kindern parallel und erstaunlich passend zu den Bildern die Schöpfungsgeschichte erzählt. Beide Sichtweisen führen jedoch zum selben Ergebnis: Egal, woran man nun glaubt, die Verantwortung für diesen Planeten, für unsere Umwelt, für die anderen Lebewesen, trägt der Mensch, denn Verantwortung trägt man nicht, weil man dazu von jemandem beauftragt wird, sondern, weil man es kann.

Dass der Veganer Darren Aronofsky sämtliche Tiere in dem Film CGI-animierte und nicht mit echten Tieren zusammenarbeitete, ist da nur konsequent. Zudem führen diese Visual Effects dazu, dass man eher auf die Vielfalt der Tiere und der Natur an sich aufmerksam wird, denn auf Noahs Arche sind natürlich nicht nur Tiere, die man heute noch kennt. Auch andere Elemente und Wesen entspringen weder der Realität noch der Bibel, sondern Aronofskys Fantasie, und in manchen Szenen erinnern das Setting und die Umsetzung von Noah stark an die Herr der Ringe-Trilogie. Noch näher allerdings ist Noah mit The Fountain, dem Science Fiction-Film von Aronofsky aus dem Jahr 2006, verwandt, denn schon hier spielten Einheit von Mensch und Natur eine besondere Rolle. Ebenfalls wie bei The Fountain hat Darren Aronofsky zunächst eine Graphic Novel zu Noah geschrieben, bevor er den Film unsetzte.

Neben der tiefen und vielschichtig angereicherten Geschichte ist auch der Cast hervorzuheben, bei dem neben den bekannten Schauspiel-Größen Crowe, Connelly, Hopkins und mittlerweile auch Watson vor allem ein Nachwuchsschauspieler auffällt: Logan Lerman, bekannt aus den Percy Jackson-Filmen und der wunderbaren Coming of Age-Geschichte Vielleicht lieber morgen, in der er die Hauptrolle spielte, gibt den abtrünnigen Sohn Sem so eindruckvoll und überzeugend, dass es verwunderlich wäre, wenn dieser Schauspieler keine große Karriere vor sich hätte.

Noah ist zugleich der Startschuss für die Wiederbelebung des Bibel-Genres. Noch dieses Jahr wird beispielsweise Ridley Scotts Moses-Film Exodus mit Christian Bale in die Kinos kommen, ein weiterer Moses-Film ist in Planung. Bleibt zu hoffen, dass auch diese Filme es schaffen, die Brücke zu schlagen zwischen alten Geschichten und aktuellen Themen, keinen Anspruch auf Deutungshoheit erheben und ebenso fesselnd und nachhaltig beeindruckend sind wie Aronofskys neuer Film.

Infos zum Film

Noah
USA, 2014
138 Minuten
Filmverleih: Paramount
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky,
Ari Handel
mit Russell Crowe, Jennifer Connelly,
Logan Lerman, Emma Watson,
Ray Winstone, Anthony Hopkins
FSK: frei ab 12

 

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