Only God Forgives (Nicolas Winding Refn)

Filmplakat "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Filmplakat „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Ob in „Drive„,  „The Ides of March“ oder „All Beauty Must Die“: Ryan Gosling scheint auf Rollen abonniert, in denen sich hinter seinem Jungengesicht Abgründe auftun. Auch in „Only God Forgives“ ist der von Gosling gespielte Julian zunächst der vernünftigere der beiden Brüder, die gemeinsam eine Kickbox-Schule in Bangkok betreiben.

Während Julian sich schweigend aus allem raushält, gibt der ältere Billy (Tom Burke) sich in Thailands Hauptstadt einem Rausch aus Sex, Drogen und Gewalt hin. Sein Gefühl der Unverwundbarkeit verliert sich jedoch schnell im Nichts, als er eine minderjährige Prostituierte tötet und dabei vom Vater und Zuhälter des Mädchens gesehen wird.

Der zum Tatort gerufene Polizist Chang (Vithaya Pansringarm) macht zwei Schuldige aus, Billy und den Vater, die er beide in Selbstjustiz bestraft: Er lässt den Vater mit Billy alleine, damit dieser Rache für den Tod seiner Tochter üben kann, anschließend schlägt Chang dem Vater eine Hand ab – damit dieser gewarnt ist, was noch passieren kann, falls er seine anderen drei Töchter auch zur Prostitution zwingten sollte.

Julian wird von einem seiner Mitarbeiter informiert, dass sein Bruder tot ist, und gemeinsam suchen sie den Vater des Mädchens auf, um Billys Tod zu rächen. Während der Vater vor Julian kniet und ihm erzählt, was passiert ist, kommt gleichzeitig Crystal (Kristin Scott Thomas), die Mutter von Julian und Billy, in Bangkok an, um die Leiche ihres Sohnes nach Hause zu bringen.

Crystal lebt die Trauer um ihren Sohn auf ihre eigene Art aus - Szenenbild aus "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Crystal lebt die Trauer um ihren Sohn auf ihre eigene Weise aus – Szenenbild aus „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Von der ersten Sekunde ihres Erscheinens an lässt Crystal keinen Zweifel daran, wer im Familienunternehmen, in dem es um weit mehr als eine Boxschule geht, das Sagen hat.

Die knallharte und eiskalte Geschäftsfrau, die sich Haarfarbe, Frisur und Kleidungsstil ganz offensichtlich bei Paris Hilton abguckt, ist vor allem wütend darüber, dass jemand ihren geliebten Erstgeborenen getötet hat. Die Eröffnung, dass Billy ein Mädchen vergewaltigt und getötet hat, tut sie schulterzuckend mit „Ich bin sicher, er hatte seine Gründe“ ab.

Wie quasi jeder in „Only God Forgives“ lechzt auch sie nach Rache, nur dass sie sich die Hände nicht selbst schmutzig machen wird. Dafür hat sie Julian, den sie für einen Schwächling hält und den sie durch psychischen Druck fest im Griff hat. Unter „Mutterliebe“ versteht Crystal anderes als der normale Mensch, doch Julian ist seiner dominanten Mutter so devot ergeben, dass er den Missbrauch, den sie begeht und der seinen Bruder Billy ganz offensichtlich zum Mörder hat werden lassen, nicht einmal als etwas Falsches empfindet. Gerne lässt er sich zum Werkzeug seiner Mutter machen. So kommt er auch Chang in die Quere, dessen ganz eigener Gerechtigkeitssinn die Situation vollends eskalieren lässt.


 

Only God Forgives: Film über Schuld, Rache und Verantwortung

Schon der Titel „Only God Forgives“ lässt erahnen, dass Vergebung in diesem Film des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn keinen Platz hat. Wie ferngesteuert bewegen sich die Figuren durch die Geschichte, durch Gänge, die an „Shining“ erinnern, und immer wieder durch die Nacht, die nie aufzuhören scheint, stets auf der Suche nach Vergeltung. Mehr als die Hälfte des Films ist in Rot- und Gelbtönen gehalten. Vor allem die Szenen, die in der Boxschule spielen, aber auch der von Billy verübte Mord, finden im Dämmerlicht statt. Die zum Teil äußerst brutalen Szenen  wirken so stilisiert und sind zwar leichter anzusehen, aber nicht einfacher zu ertragen.

Undurchschaubares Jungengesicht: Julian ist die Marionette seiner Mutter - Szenenbild aus "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Undurchschaubares Jungengesicht: Julian ist die Marionette seiner Mutter – Szenenbild aus „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Überhaupt besticht „Only God Forgives“ durch eine ganz besondere Visualität, die sich nicht nur in den Gewaltszenen findet, sondern den ganzen Film durchzieht. Manche Szenen wirken absurd und zusammenhanglos, was noch dadurch verstärkt wird, dass sie nicht immer chronologisch gezeigt werden.

Wenn Polizist Chang etwa vor seinen unbeweglichen und mit Orden dekorierten Kollegen Karaoke singt, erinnert das in seiner Skurrilität an so manche Szene aus Twin Peaks. Hauptfigur Julian, der den ganzen Film über vielleicht fünf Sätze spricht, sieht man sehr häufig von hinten oder im Spiegel, und selbst in den Momenten, in denen man sein Gesicht im Focus hat, weiß man nicht, was dahinter vorgeht.

Geschichte eines Missbrauchs

Die krankhafte Beziehung zu seiner Mutter durchzieht sein ganzes Leben, seine Beziehungsunfähigkeit und seine erzwungene Kontrolliertheit. Nach einem besonders demütigenden Abendessen mit seiner Mutter und einer durch ihn für den Abend als seine Freundin angeheuerten Prostituierten verteidigt er Crystals niederträchtiges Verhalten mit äußerster Vehemenz und dem Grund, der ihr für ihn alle Rechte zugesteht: Weil sie seine Mutter ist. Diese Unterwürfigkeit und Abhängigkeit Crystal gegenüber, die ihn auf Lebenszeit zur Marionette macht, findet seinen Höhepunkt gegen Ende des Films, als Crystal längst ihren eigenen Rachegelüsten zum Opfer gefallen ist und Julian von seiner Mutter Abschied nimmt, indem er sie dort berührt, wo er herkommt.

Marionette seiner Mutter: Julian - Szenenbild aus "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Marionette seiner Mutter: Julian – Szenenbild aus „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Besonders deutlich wird Julians Undurchsichtigkeit in der Szene, in der der Vater der ermordeten Prositutierten ihm schildert, was vorgefallen ist. Der Zuschauer hört nicht, was der Vater sagt, Julian sieht ihn an, die Lippen des Vaters bewegen sich, doch es ist kein Laut zu hören. Während man das sieht, ist man sich nicht sicher, ob Julian dem Mann zuhört oder ob er ihn nur reden lässt, aber längst seine Entscheidung getroffen hat. Dass sich später im Gespräch mit der Mutter herausstellt, dass Julian Einsicht gezeigt hat und den Mann hat laufen lassen, überrascht.

Außer Julians Gesicht spielen auch seine Hände eine große Rolle. Immer wieder sieht er sie an, ballt sie zu Fäusten in Situationen, in denen er sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen beherrschen muss und es gibt etliche Einstellungen, in denen man nur seine Hände sieht, vor dunklem Hintergrund, losgelöst von seinem Körper und so unterschiedlich, als gehörten sie zu verschiedenen Menschen.

Mit Erstaunen sieht Julian seine eigenen Hände an, als fragte er sich, wie diese getan haben können, was sie getan haben. Denn eigentlich ist nicht er es, der diese Hände führt, sondern Crystal, und die weißen Hände, die man immer wieder sieht, erinnern an Lady Macbeths Ausspruch: „Meine Hände sind blutig wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.“ Von seiner kalten und emotionslosen Umwelt unterscheidet sich Julian nur insofern, als dass seine Emotionslosigkeit auf einer Unfähigkeit zu empfinden beruht.

Worte als Waffen

Crystal weiß, wie man den Gegner trifft - Szenenbild aus "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Crystal weiß, wie man den Gegner trifft – Szenenbild aus „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Nicolas Winding Refns Filme sind immer von Brutalität gekennzeichnet, und in „Only God Forgives“ ist das nicht anders. Besonders hier ist aber, dass die brutalste Figur des Films – Crystal – ihre Gewalt auf rein psychologische Weise ausübt. Sie ist die einzige, die viel redet, und wenn sie spricht, möchte man am liebsten nicht mehr zuhören. Zu genau weiß Crystal, was sie mit Worten anstellen kann, erfasst mit einem Blick den Schwachpunkt ihres Gegenübers und trifft ihn mit dem, was sie sagt, immer an der verwundbarsten Stelle.

Aushalten kann das nur ihr Sohn, den sie erst missbraucht, dann demütigt und schließlich verrät. In einer Welt der Zuhälter, Kopfgeldjäger, Vergewaltiger und Selbstjustiz übenden Polizisten ist sie es, die das wirklich Böse verkörpert, die in völligem Eigennutz alle Register zieht, um ihre Ziele zu erreichen und die keinerlei Widerspruch duldet. In der ödipalen Konstruktion dieser Geschichte ist sie die treibende Kraft hinter allem.

Racheengel Chang - Szenenbild aus "Only God Forgives" ©TiberiusFilm

Racheengel Chang – Szenenbild aus „Only God Forgives“ ©TiberiusFilm

Eine weitere wichtige Ebene von „Only God Forgives“ ist das Aufeinandertreffen zweier völlig unterschiedlicher Kulturen, ja Welten. Der Westen hält nicht nur in Form der Boxschul-Betreiber Einzug in Thailand. Er ist überall zu sehen: Als Freier minderjähriger Prostituierter, als selbstverständlicher Nutzer unfassbar schöner Hotelsuiten, als Drogen-Profiteur. Im Teesalon hängt eine Fotografie von Michelangelos David zwischen thailändischer Dekoration: Das Idealbild des Menschen kommt auch hier längst aus Europa. Chang, der selbst ernannte Hüter von Moral und Ehre, kämpft nicht zufällig mit einem Schwert und Dolchen. Er versucht, ein Gleichgewicht wieder herzustellen, das längst verloren ist. Julian, dessen Gesicht am Ende kein Jungengesicht mehr, sondern eine demolierte Fratze ist, ist wohl der einzige, der Changs Vorgehen nachvollziehen kann und der sich ihm immer wieder auf Augenhöhe zu nähern versucht.

Kein Film für zarte Gemüter

Gewalt spielt eine große Rolle in „Only God Forgives“, dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man den Film ansieht. Changs Aufforderung in einer Szene, dass bitte jetzt alle Damen die Augen schließen sollen, während die Herren am besten gut hinsehen, bin ich nach ein paar Minuten nachgekommen.

Darüber hinaus erzählt der Film aber eine vielschichtige Story von Schuld und Reue, die einen tief berührt und nachdenklich zurück lässt. Er bedient sich dabei der gesamten Palette filmischer Erzählkunst: Bilder, die wie fotografiert wirken, eindringliche Musik, deutlich spürbarer Schnitt, der den Film teilweise wie zusammengepuzzelt wirken lässt, lange Kamerafahrten – der Film fesselt einen schon allein auf Grund seiner Technik. Bei den Filmfestspielen in Cannes, wo „Only God Forgives“ seine Premiere feierte, gab es nicht nur positive Stimmen, sondern auch Buh-Rufe für den Film sowie den Vorwurf, dass Winding Refn „style over substance“ setze. Tatsächlich ist es so, dass der Film sehr künstlerisch ist, die Substanz aber auch in jedem Fall vorhanden ist. Allerdings wird vieles der Geschichte in Andeutungen erzählt und ist vor allem in Details zu finden. In jedem Fall ist „Only God Forgives“ ein ganz besonderes Stück Kino, ein Film, wie ich noch keinen gesehen habe.

Infos zum Film

Only God Forgives
Frankreich/Dänemark, 2013
90 Minuten
Filmverleih: Tiberius Filmverleih
Regie & Drehbuch: Nicolas Winding Refn
mit Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas,
Vithaya Pansringarm, Tom Burke
FSK: frei ab 16

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