Oslo, 31. August (Joachim Trier)

Filmplakat Oslo, 31. August

Filmplakat Oslo, 31. August

Wie Virginia Woolf geht er ins Wasser, jedoch weniger erfolgreich: Mit Steinen in den Taschen seiner Lederjacke und einem besonders großen in den Händen unternimmt Anders (Anders Danielsen Lie) einen halbherzigen Versuch, sich das Leben zu nehmen, wirkt aber nicht besonders überrascht, als ihm auch dies nicht gelingt. Damit, dass er in in seinem Leben nichts auf die Reihe bekommt, hat er sich bereits abgefunden. Etwas darüber empfinden kann er nicht – zu emotionslos ist er geworden.

Dabei hätte Anders gerade jetzt Grund, wenigstens ein bisschen optimistisch in die Zukunft zu blicken. Nach mehreren Monaten Abgeschiedenheit von Freunden, Familie und seiner Heimatstadt Oslo neigt sich sein Aufenthalt in der Entzugsklinik dem Ende zu; noch zwei Wochen, dann hat er sein Programm abgeschlossen, und seine Drogen- und Alkoholsucht soll dann für immer hinter ihm liegen. Zur Vorbereitung auf die Zeit „danach“ und um ihm den Wiedereinstieg in ein normales, bürgerliches Leben zu erleichtern, darf er bereits heute, am 30. August für einen Tag nach Oslo, um dort einen Vorstellungstermin wahrzunehmen. Aus dem Vorstellungstermin wird ein ganzer Tag, und – der Titel „Oslo, 31. August“ lässt es vermuten – eine Nacht, die Anders in der Stadt seiner Drogenvergangenheit verbringt.


Oslo, 31. August: einen Tag lang auf der Suche nach der Vergangenheit

Die Ordnung und Struktur, die Ruhe der Entzugsklinik – all das lässt Anders für einen Tag hinter sich. Wirkliches Interesse hat er gar nicht an dem Vorstellungsgespräch; viel wichtiger ist es für ihn, an seine Vergangenheit anzuknüpfen, alte Freunde und seine Schwester zu sehen. Der erste, den er besucht, ist sein bester Freund Thomas (Hans Olav Brenner), den er noch aus Drogentagen kennt, und der sichtlich überrascht ist, Anders plötzlich vor seiner Tür stehen zu sehen. Thomas hat den Absprung geschafft, lebt mit Frau und zwei Kindern ein bürgerliches Leben und hat sich von seiner eigenen Vergangenheit so sehr distanziert, dass er auch den alten Freund nicht mehr wirklich an sich heran lassen kann. Als Anders indirekt um Verzeihung bittet, verweigert Thomas diese ebenso indirekt – indem er mit Zitaten und intellektuellen Sprüchen antwortet und Anders damit auf Abstand hält.

Idylle vor der Bücherwand - Thomas hat's geschafft (Szenenbild aus "Oslo, 31. August")

Idylle vor der Bücherwand – Thomas hat’s geschafft (Szenenbild aus „Oslo, 31. August“)

Erst als Anders und Thomas die Wohnung des Freunds hinter sich lassen und durch Oslo spazieren, können sie sich einander öffnen. Anders fasst sein Leben in wenige Worte: Er ist 34 und hat nichts. Ein Neuanfang ist quasi ausgeschlossen, dafür ist es zu spät, und die Option, die dann noch bleibt, hat er bereits morgens erfolglos versucht. Auch Thomas ist mit seinem Leben unzufrieden, zu viele Notwendigkeiten gibt es, als dass er für die Dinge, die ihm wirklich wichtig sind, Raum in seinem Leben hätte. Eigentlich hätten sie etwas gemeinsam, doch die Freunde von damals sind heute auf so unterschiedliche Weise unglücklich, dass sie sich nicht gegenseitig helfen können – zu fremd ist die Welt des jeweils anderen. Der Blick zurück, den sie sich nach dem Abschied zeitversetzt zuwerfen und den sie so vom jeweils anderen nicht sehen können, scheint symptomatisch für die Begegnung.

 

Ein Tag voller Begegnungen und Rückschläge

Anders in seiner Heimatstadt - Szenenbild aus "Oslo, 31. August"

Anders in seiner Heimatstadt (Szenenbild aus „Oslo, 31. August“)

Das Treffen mit Thomas bleibt nicht das einzige, das Anders die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt. Immerhin will er es nach der Begegnung mit dem Freund und seinem „normalen“ Leben bei seinem Vorstellungsgespräch versuchen, und alles läuft ganz gut, bis er auf die Zeit seiner Drogensucht, die im Lebenslauf ausgklammert ist, angesprochen wird. Etwas anderes als die Wahrheit erzählen kann er nicht, und die Ungläubigkeit und das Entsetzen bei seinem Interview-Partner zeigen Anders deutlich, dass dies immer so sein wird: Mit seiner Vergangenheit abschließen – das ist nur eine Phrase, die für ihn nie Realität werden kann. Abschluss, Normalität, ein zweiter Versuch, all das scheint ausgeschlossen, denn die Jahre, in denen er abhängig war, wird er immer erklären müssen. Hinzu kommt, dass er das Leben von den ihm am nächsten stehenden Personen grundlegend verändert – die Eltern müssen das Familienhaus verkaufen, um seine Schulden zu zahlen – und ihr Vertrauen verspielt hat. So schickt seine Schwester Nina ihre Freundin zum verabredeten Treffen ins Café, will nicht, dass er ihre Nummer hat oder dass er allein ins ehemalige Elternhaus geht. Seine Ex-Freundin Iselin ist den ganzen Tag über nicht für ihn erreichbar. Das Leben der anderen ist ohne ihn weiter gegangen, und offensichtlich haben sie sich darin gut eingerichtet.

 

Abschied von der Vergangenheit

Anders kann keine Freude empfinden (Szenenbild aus "Oslo, 31. August")

Anders kann keine Freude empfinden (Szenenbild aus „Oslo, 31. August“)

„Oslo, 31. August“ ist ein Film über das Abschiednehmen eines Menschen, der nichts mehr vom Leben erwartet – Abschied von Vergangenheit, Freunden und der Stadt Oslo. Die Richtung, in die der Tag von Anders laufen wird, ist klar vorgegeben. Er selbst scheint für sich schon entschieden zu haben, dass er es nicht schaffen wird, den Drogen auf Dauer zu widerstehen; alle anderen, denen er begegnet, sind zu sehr in ihrem eigenen Leben und in ihren eigenen Problemen gefangen, als dass sie auf seine auch noch eingehen könnten. Besonders deutlich wird das, als Anders im Café auf seine Schwester wartet, die nicht kommen wird: Ohne wirklichen Bezug zur Welt um ihn herum hört er den Problemen der anderen zu, und es wird klar, dass das Leben nicht zu wenige, sondern zu viele Möglichkeiten bietet, um glücklich zu werden. Gegen die Schwierigkeiten all derer, die sich bemühen, irgendwie zurecht zu kommen, scheinen ihm seine vor allem selbst herbeigeführt – und insofern unwichtig.

Auch wenn „Oslo, 31. August“ insgesamt ein sehr ruhiger, melancholischer Film ist, gibt es einige Passagen, die ausschließlich von Dialogen getragen werden. Teilweise werden aus dem Off Erinnerungen gesprochen, die Anders‘ Drogen-Selbsthilfegruppe entnommen sind: Erinnerungen an die Stadt Oslo, an die Beziehung zur Vergangenheit und an die eigenen Eltern, deren Einfluss auf das eigene Leben nie endet. Insgesamt ist der Film in seiner Traurigkeit völlig stimmig und konsequent, und die Verzweiflung, die Anders angesichts der Unmöglichkeit eines normalen Lebens empfindet, absolut nachvollziehbar. Zurück bleibt man mit dem Gefühl, dass es keinesfalls selbstverständlich ist, dass nicht jeder eine Insel ist.

Die Story von „Oslo, 31. August“ basiert lose auf dem Roman „Le Feu Follet“ von Pierre Drieu La Rochelle aus dem Jahr 1931, wurde aber in die Gegenwart und nach Oslo verlegt. Auch Louis Malle hat diese Geschichte 1963 – ebenfalls recht frei – unter dem Titel „Le Feu Follet“ (Das Irrlicht) verfilmt und damit Wes Andersons „The Royal Tenenbaums“ stark beeinflusst. In der intensivsten Szene des Films lässt Anderson seine Figur Richie eine Zeile aus dem Malles Film zitieren und gleichzeitig eine weitreichende Entscheidung treffen.

„Oslo, 31. August“ wurde in Cannes uraufgeführt und hatte beim Sundance-Festival seine USA-Premiere. Für Regisseur Joachim Trier ist es nach dem ebenfalls hochgelobten „Reprise“ der zweite Langspielfilm und auch der zweite Film mit Anders Danielsen Lie, der im „richtigen Leben“ Arzt und Musiker ist. In den deutschen Kinos startet „Oslo, 31. August“ am 4.4.2013.

Infos zum Film

Oslo, 31. August
(Oslo, 31. august)

Norwegen, 2011
96 Minuten
Filmverleih: Peripher Filmverleih
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
mit Anders Danielsen Lie,
Hans Olav Brenner, Ingrid Olava
FSK: frei ab 12

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