Requiem for a Dream (Darren Aronofsky)

Tief bewegender und verstörender Film über den Einfluss von Sucht: 5.0 Stars

DVD-Cover Requiem for a dream

DVD-Cover Requiem for a dream

Wenn Harry (Jared Leto) in die Wohnung seiner Mutter Sara (Ellen Burstyn) stürmt, weiß diese bereits Bescheid: Wieder einmal ist dem Sohn das Geld ausgegangen und er holt sich Saras Fernseher ab, um ihn beim Pfandleiher in Bares zu verwandeln – nur damit Sara selbst ihn wenige Stunden später wieder auslöst, ein Ritual, das beide schon öfter durchlaufen haben und das sie in einer sehr ähnlichen Verhaltensweise aneinander kettet: Harry braucht das Geld, um sich Heroin zu kaufen, und Sara erstattet dem Pfandleiher selbstverständlich das an den Sohn ausgezahlte Geld, um ihrer eigenen Sucht nachgehen zu können – dem Fernsehen. Ob es der mehr oder weniger wohlverdiente Schuss ist oder das tägliche Zelebrieren der Quiz-Show – Harry und Sara bestimmen längst nicht mehr selbst, wie ihr Tag abläuft.

Doch insgesamt lässt die Sucht beiden noch einiges an Freiraum und es scheint so, als ob der Kick, den sie durch Fernsehen oder Drogen erhalten, das bisschen Geld locker wert ist. Sara ist seit dem Tod ihres Mannes zwar allein, doch zumindest etwas Anschluss hat sie noch an die Frauen in der Nachbarschaft, und dass Harry immer wieder in finanzielle Nöte gerät, verschafft ihr immerhin ab und an einen Besuch des Sohns. Für diesen sieht das Leben mit der Droge eigentlich ganz in Ordnung aus. Mit Marion (Jennifer Connelly) hat er eine hübsche und intelligente Freundin, deren Eltern sie finanziell unterstützen und die von einem nicht völlig unrealistisch erscheinenden Leben als Designerin träumt. Dass auch sie Heroin nimmt, macht die Beziehung sogar einfacher, weil beide über den selben Erfahrungshorizont verfügen. Mit seinem besten Freund Tyrone (Marlon Wayans) feiert Harry ab, sobald beide high sind, und auch sie träumen von einem Leben, in dem man keine Fernseher mehr versetzen muss, um an den nächsten Schuss zu gelangen. Die Idee, wie das zu erreichen ist, liegt dabei auf der Hand: Sie kaufen eine große Menge Heroin, strecken sie und verkaufen sie so mit Gewinn weiter.


 

Requiem for a Dream: Schonungslose Darstellung von Sucht und ihren Folgen

Der Plan, an schnelles Geld zu kommen, geht auch zunächst sehr gut auf: Die Drogen werden Harry und Tyrone regelrecht aus den Händen gerissen, und ihr eigener Bedarf – und der von Marion – sind erst mal gesichert. Auch für Sara läuft es mehr als gut, denn sie erhält einen Anruf, in dem ihr mitgeteilt wird, dass sie eventuell als Kandidatin für eine Fernsehsendung in Frage kommt. Sie muss nur ein Formular ausfüllen – was sie natürlich sofort tut – und auf eine konkrete Einladung warten. In der Nachbarschaft wird Sara zum Star, und um rechtzeitig wieder in ihr Lieblingskleid zu passen, beginnt sie eine Diät. Grapefruit und Eier erzielen jedoch nicht die gewünschte Wirkung, stattdessen folgt Sara dem Tipp einer Nachbarin und lässt sich von einem Arzt, der sie nicht einmal anschaut, ein ganzes Arsenal an Tabletten zum Abnehmen verschreiben. Die bunten Pillen geben Sara tagsüber jede Menge Energie, die sie durch zusätzliche Bewegung abbaut, und lassen sie abends noch im Fernsehsessel einschlafen. Der Erfolg stellt sich schnell ein, die Nachbarinnen erkennen Sara kaum wieder, und dass der Kühlschrank sie in ihren Wahnvorstellungen – einer Nebenwirkung der Wunderpillen – angreift, lässt sich da leicht verkraften.

Harrys Erfolg lenkt auch sein Leben in neue Bahnen. Das leicht verdiente Geld setzt er dafür ein, seiner Mutter etwas Gutes zu tun: Statt ihr den Fernseher wegzunehmen, schenkt er ihr ein neues und größeres Gerät. Auf diesem einzigen selbstlosen Besuch bei Sara erkennt Harry, der natürlich einiges an Erfahrung mitbringt, dass die Tabletten, die der Arzt ihr so bereitwillig verschrieben hat, nicht viel anderes sein können als Speed und Valium, und er bittet sie, damit aufzuhören. Sara, die schon fast wieder in ihr geliebtes rotes Kleid passt, sieht das natürlich überhaupt nicht ein, und Harry weiß, dass er sich um seine Mutter kümmern muss, wenn er nicht will, dass sie tablettensüchtig wird.

Doch bevor Harry Sara helfen kann, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, wird er von den Ereignissen in seinem eigenen überrannt. Ein Bandenkrieg stoppt die Drogenzufuhr in seiner New Yorker Heimat, was sein und Tyrones Geschäft von einem Tag auf den anderen beendet und sie selbst vor ein großes Beschaffungsproblem stellt. Auch die Beziehung zwischen Harry und Marion wird auf eine harte Probe gestellt, da ab dem Moment, in dem die Zufuhr gestoppt ist, die gegenseitigen Schuldzuweisungen beginnen. Währenddessen kann Sara es nicht ertragen, dass die Wirkung ihrer Tabletten nachlässt, während die Einladung in die Fernsehsendung immer noch nicht angekommen ist. Also macht sie das einzig Logische und erhöht selbstständig ihre Dosis.

 

In Requiem for a Dream wird es besser, bevor es schlimmer wird

Requiem for a Dream ist Darren Aronofskys zweiter Film nach Pi, und seine Darstellung von Abhängigkeit und der Selbstaufgabe an die Droge ist so schonungslos und hart wie in kaum einem anderen Film. Dies ist einerseits auf die ungewöhnliche Narration zurückzuführen: Den Sehgewohnheiten völlig zuwider laufend steuert Requiem for a Dream von Beginn an ganz offensichtlich nicht auf ein Happy End zu, sondern es wird erst mal besser, bevor es schlimmer – und dann richtig schlimm wird. Freiheit, Selbstbestimmung, körperliche und geistige Gesundheit – die Opfer, die die Sucht von den vier Protagonisten abverlangt, sind unterschiedlich, aber in jedem Falle weitreichend und tiefgreifend.

Die verschiedenen Süchte, die gezeigt werden – Heroin-, Tabletten- und Fernsehsucht – stehen dabei „gleichberechtigt“ nebeneinander, keine wird als besser oder akzeptabler dargestellt als die andere. Dies wird vor allem deutlich durch den exzessiven Einsatz von Aronofskys Markenzeichen, der Hip-Hop-Montage: Wann immer Drogen konsumiert werden, werden kurze Detailaufnahmen wie ein um den Arm gezogener Gürtel, eine eingeworfene Tablette, sich weitende Pupillen oder aber auch ein auf der Fernbedienung gedrückter Knopf mit stark vereinfachten Ton-Effekten hintereinander geschnitten, um Monotonität und Routine zu illustrieren – diese Tätigkeiten sind der Alltag der Figuren und gleichzeitig der Mittelpunkt ihres Lebens. Auch wenn das Wort „Heroin“ im Film nicht genannt wird, ist durch diese Bilder klar, welche Droge drei der Figuren im Griff hat.

Doch nicht nur die Droge wird nicht genannt, auch vom Aufhören spricht niemand in Requiem for a Dream – die Abhängigkeit bestimmt das Leben aller so sehr, dass ein Leben ohne die Droge nicht mal denkbar, aber auch nicht erstrebenswert scheint. Egal, wie weit man gehen muss, egal wie verzweifelt die Situation und die Suche nach dem nächsten Schuss sind – es wird immer nur darüber nachgedacht, wie man an mehr Drogen kommt, nie, wie man in die Lage kommt, sie nicht mehr zu brauchen. Sobald die Wirkung nachlässt, ist das einzige Thema, wie man an die nächste Dosis kommt. Das trifft nicht nur auf die heroinabhängigen Freunde zu, sondern auch auf Sara, die ihrem besorgten Sohn auf seine Bitte, mit den Tabletten aufzuhören, sagt, dass sie es mag, wie sie sich fühlt. Die Droge gibt Sara eine Emotion, die sie anders in ihrem Leben nicht mehr findet. Und das ist in meinen Augen die Essenz von Requiem for a Dream: diese vier Menschen, die vorgestellt werden, versuchen, die Leere in sich durch etwas zu füllen, das sie dazu bringt, sich besser zu fühlen. Was dieses Etwas ist, kann dabei ganz unterschiedlich sein, und die gezeigte Bandbreite von einer gesellschaftlich fest verankerten Alltagsbeschäftigung bis hin zu einer der am schnellsten abhängig machenden Drogen überhaupt lässt einiges an denkbaren Zwischenschritten – Nikotin, Alkohol, Essen, Sex – zu, die die Suchtproblematik in unserer Gesellschaft eben nicht auf ein paar zugedröhnte Außenseiter-Junkies beschränkt. Die Konsequenz, mit der Requiem for a Dream zeigt, wozu die Abhängigkeit führen kann, ist das, was den Film so hart und verstörend macht, denn alle vier füllen ihre Leere so lange weiter, bis das, was sie da in sich hineingelassen haben, zu einem Monster heranwächst und sie von innen aufzufressen droht.

 

Narratives und visuelles Meisterwerk

Die Intensität in Requiem for a Dream wird nicht nur durch die Geschichte, sondern auch durch Musik und besondere Kamera-Technik erzeugt. Die bereits erwähnte Hip-Hop-Montage zeigt den Lebensmittelpunkt der Figuren, darüber hinaus werden Zeitraffer eingesetzt, wenn die vier durch ihre jeweiligen Drogen gerade vor Energie sprühen, und die Snorricam (eine am Körper des Schauspielers befestigte Kamera, die auf sein Gesicht gerichtet ist und es so scheinen lässt, als ob nicht die Figur, sondern der Hintergrund sich bewegt, was solchen Szenen etwas Surreales, Traumhaftes verleiht), wenn sie ganz bewusst und teilweise wie in Trance für einen kurzen Moment begreifen, was die Sucht mit ihnen macht. Auch diese Technik setzte Aronofsky bereits in seinem ersten Film Pi ein. In Requiem for a Dream nutzt er sie ausführlich – jede der Figuren hat eine Snorricam-Szene.

Eine besonders eindrucksvolle Szene zeigt Harry und Marion einander zugewandt im Bett liegend. Sie reden miteinander, berühren sich und wirken vertraut und nah – und doch getrennt und als Individuen unvereinbar, denn diese Szene wird als Split-Screen gezeigt, der die beiden einerseits näher aneinander bringt, da es keine Überlappung, sondern eine Lücke zwischen den beiden Bildern gibt, sie andererseits aber auch unüberwindbar voneinander trennt.

Durch extrem viele Schnitte (im Durchschnitt hat ein Film 600 bis 700 Schnitte, Requiem for a Dream bringt es auf über 2.000) erhält der Film zudem an manchen Stellen eine Videoclip-Ästhetik, bei der die Bilder auf den Zuschauer einprasseln, der sie nur noch ungefiltert und unverarbeitet in sich aufnehmen kann.

Wer sich selbst einen ersten Eindruck von diesem absolut ungewöhnlichen Film verschaffen möchte, sollte sich den Trailer ansehen, der sowohl die besondere Visualität als auch die Intensität des Films herüberbringt – Hip-Hop-Montage, Snorricam und Split-Screen inklusive. Nach Ansehen des Trailers weiß man definitiv, ob man diesen ungewöhnlichen Film schauen sollte oder nicht – denn auch, wenn ich selbst von Requiem for a Dream begeistert bin, bin ich sicher, dass die intensive und schonungslose Darstellung nicht jeden Film-Geschmack trifft. Außerdem hört man im Trailer die fantastische und die Wirkung des Films noch verstärkende Titelmusik Lux Aeterna von Clint Mansell, die seitdem auch die Trailer vieler anderer Filme, darunter Sunshine und Der Herr der Ringe – Die zwei Türme, begleitete, und eins der am häufigsten wiederverwendeten Filmstücke überhaupt ist. Der Kontrast zwischen diesem wunderschönen Musikstück und den zutiefst bedrückenden Bildern verstärkt den verstörenden Eindruck des Films noch.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Requiem for a Dream an manchen Stellen vielleicht etwas in die Jahre gekommen ist, insgesamt aber ein erzählerisches und visuelles Meisterwerk bleibt und ein einzigartiger Film, der einen bewegt, verstört und vor allem tief beeindruckt zurück lässt.

Infos zum Film

Requiem for a Dream
USA, 2000
110 Minuten
Filmverleih: Highlight Films
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
mit Jared Leto, Jennifer Connelly,
Ellen Burstyn, Marlon Wayans,
Christopher McDonald
FSK: frei ab 16

 

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