The Master (Paul Thomas Anderson)

Filmplakat "The Master"

Filmplakat „The Master“

Selbst in seinem eigenen Körper wirkt er fehl am Platz – die Arme zu lang und ständig im Weg, der Rücken gekrümmter als man es für einen jungen Mann erwartet, und den Mund öffnet er auch beim Sprechen nur zur Hälfte: Navy-Matrose Freddie Quell (Joaquin Phoenix) verbringt die letzten Kriegstage mit seinen Kameraden in Wartestellung an Land und vertreibt Zeit und seelische Belastung mit selbstgebranntem Alkohol. Betrunken erzählt man sich pubertäre Witze, und der sexuelle Notstand wird mit Hilfe einer aus und im Sand erbauten Ersatzfrau verzweifelt bekämpft. Dabei scheint Freddie selbst im Kreis der anderen Matrosen allein, wirkt ungelenk und ohne Verbindung zu seiner Außenwelt.

Doch dann ist der Krieg auch schon vorbei und die letzte Antwort auf die Frage, wer Freddie ist, verschwindet mit dem Ablegen der Uniform. Nachdem er sein altes Leben aufgegeben hatte, um in den Krieg zu ziehen, muss er sich nun ein neues zulegen. Die Hilfestellung, die er dafür von der Regierung erhält, ist eher dürftig. Motivierende Worte und ein halbherzig durchgeführter psychologischer Test sind alles, was man den traumatisierten Männern mit auf den Weg gibt.


Ein neues Leben finden

Den Ratschlag, dass ihm quasi alle Möglichkeiten offen stehen, noch in den Ohren, versucht Freddie sein Glück zunächst als Kaufhausfotograf, wird bei der Arbeit jedoch von seinen beiden Leidenschaften – Alkohol und Sex – derart abgelenkt, dass er den Job nicht lange behält. Von der darauf folgenden Anstellung als Erntehelfer muss er sogar fliehen, als einer seiner Kollegen beinahe an Freddies Selbstgebranntem stirbt. Seine nächste Station ist San Francisco, wo er ziellos durch die Straßen und sein Leben irrt, bis es ihn eines Nachts dorthin verschlägt, wo er zuletzt eine Bestimmung hatte: auf ein Schiff. Am nächsten Morgen wird er in einer Kajüte geweckt, in der er offensichtlich seinen fortwährenden Alkoholrausch halbwegs ausgeschlafen hat. Da das Schiff sich mittlerweile auf dem Weg nach New York befindet, bringt man Freddie zu „ihm“ (Philip Seymour Hoffman), der offensichtlich keinen Namen braucht, dem Kapitän des Schiffs, der sich außerdem selbst als Arzt, Philosoph, Atom-Physiker und Schriftsteller bezeichnet und für seine nähere Umgebung einfach nur „The Master“ ist. Dieser begrüßt den blinden Passagier freundlich und aufgeschlossen und zeigt sich begeistert von der Alkoholmischung, die Freddie bei sich hatte.

 

Praktische Lebenshilfe durch „The Master“

Ehrgeizige Ehefrau: Peggy (Amy Adams) - Szenenbild aus "The Master"

Ehrgeizige Ehefrau: Peggy (Amy Adams) – Szenenbild aus „The Master“

Auch wenn die beiden Männer auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind – der Meister gelassen, gebildet, wortgewandt, Freddie dagegen unkontrolliert, aggressiv und schnell an den Grenzen seiner Auffassungsgabe angelangt – sind beide voneinander gleichermaßen fasziniert. Der Meister bietet Freddie dann auch gleich eine „informelle Aufarbeitung“ an, die darin besteht, dass er wieder und wieder sehr persönliche Fragen stellt, die Freddie ohne Zögern (und später ohne zu blinzeln) beantworten muss. Freddie ist begeistert und kann gar nicht genug davon bekommen, dass sich endlich mal jemand eingehend mit ihm befasst. Und nicht nur das: Auf dem Schiff findet er eine Gemeinschaft, in die er ganz selbstverständlich aufgenommen wird. Auch Peggy, die schwangere Ehefrau des Meisters (Amy Adams), freut sich über Freddies Anwesenheit, da er offenbar eine inspirierende Wirkung hat. Und die frisch vermählte Tochter des Gemeinschaftsoberhaupts findet Freddie sogar richtig toll und flirtet ganz offen und sehr deutlich mit ihm.

Freddie und sein Meister - Szenenbild aus "The Master"

Kurz vor der Verhaftung: Freddie und sein Meister – Szenenbild aus „The Master“

Dass die Gruppe, in der er sich nun befindet, manche seltsame Rituale pflegt, stört Freddie nicht. Im Gegenteil: es gibt ihm Halt, klare Regeln vorzufinden, die er gar nicht erst hinterfragen kann, weil sie sich der „üblichen“ Logik überhaupt nicht stellen. Und so ist von Anfang an klar, dass er für den Meister, diesen ersten Menschen, der ihm Orientierung und einen Weg gezeigt hat, alles tun würde. Selbst, als Freddies Vertrauen in ihn schon bröckelt,  die Polizei vor der Tür steht und aus „The Master“ plötzlich Lancaster Dodd wird, lässt sich Freddie für ihn verhaften. Und auch Dodd kann Freddie nicht loslassen, obwohl ihm seine Frau stark dazu rät. Stattdessen probiert er an Freddie neue Methoden aus, die ihn von seiner Aggressivität und der Alkoholsucht befreien sollen.

 

Drama einer orientierungslosen Generation

Nie um eine Antwort verlegen: Lancaster Dodd - Szenenbild aus "The Master"

Nie um eine Antwort verlegen: Lancaster Dodd – Szenenbild aus „The Master“

„The Master“ ist die Geschichte all der Kriegsheimkehrer, deren Repräsentant der einfach gestrickte Freddie Quell ist. Traumatisiert und orientierungslos ist er das perfekte Publikum für Menschen wie Lancaster Dodd, der vorgibt, auf alle Fragen eine Antwort parat zu haben. Doch auch für Lancaster wird Freddie immer wichtiger, da er auf den ersten Blick zwar vollkommen anders als der Sekten-Meister ist, aber in Wahrheit dessen eigentliche Wünsche auslebt.

Dass es sich bei der Gemeinschaft um eine Sekte handelt, zeigt Regisseur Paul Thomas Anderson wie nebenbei, wenn zum Beispiel der Meister seine eigene Tochter vermählt, er Zwischenfragen ganz selbstverständlich übergeht oder – in einer recht bizarren Szene – abends gesungen und getanzt wird und plötzlich und ohne Vorwarnung alle Frauen einfach nackt durch den Raum springen.

Die drei wichtigsten Darsteller – Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman und Amy Adams – waren für den Oscar nominiert, sind jedoch leider leer ausgegangen. Dabei wird „The Master“ von ihrer grandiosen und sehr unterschiedlichen Darstellung getragen: Philip Seymour Hoffman wirkt schon dominant und sich seiner selbst bewusst, wenn er einfach nur dasitzt, Amy Adams spielt furchteinflößend kalt und berechnend, und Joaquin Phoenix spielt den entwurzelten Freddie so authentisch verunsichert, dass Paul Thomas Anderson ihn mit dem dreifachen Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis, dem Hauptdarsteller aus dem letzten Anderson-Film „There Will Be Blood“, verglich. Leider nervt die nuschelige deutsche Synchronisation entsetzlich, von der man am Anfang noch vergeblich hofft, dass sie sich im Laufe des Films ändert.

Viel schöner anzuhören ist dagegen der Soundtrack von „The Master“, der wie die Soundtracks zu „There Will Be Blood“ und „We Need To Talk About Kevin“ von Radiohead-Komponist und -Gitarrist Jonny Greenwood stammt und der dem Film eine authentische (und melancholische) 1950er-Jahre-Atmosphäre verleiht.

Infos zum Film

The Master
USA, 2012
137 Minuten
Filmverleih: Senator Filmverleih
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
mit Joaquin Phoenix,
Philip Seymour Hoffman,
Amy Adams, Laura Dern

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