Toni Erdmann (Maren Ade)

Melancholisches Portrait einer Generation: 5.0 Stars

DVD-Cover Toni Erdmann

DVD-Cover Toni Erdmann

„Ein bisschen schräg“ ist die wohl beste Beschreibung für Musiklehrer Winfried Conradi (Peter Simonischek). Dem Paketboten erzählt er, dass sein (imaginärer) Bruder Toni wegen Paketbomben-Baus im Knast saß und gerade wieder entlassen wurde, seinem Klavierschüler erzählt er, dass er sein eigenes Klavier extra für ihn gekauft hat und nach einer Schulveranstaltung läuft er auch privat noch mit Día de los Muertes-Schminke herum.

Auf seine Umwelt wirkt er befremdlich. Tochter Ines (Sandra Hüller) bequemt sich nicht einmal zu ihm, als sie ausnahmsweise zu Besuch in der deutschen Heimat ist. Stattdessen sieht Winfried Ines bei seiner Ex-Frau, wo seine Tochter mehr mit ihrer Unternehmensberatung telefoniert als mit ihrer Familie zu sprechen.

Winfrieds einzige wirkliche Bindung besteht zu Hund Willi. Als der stirbt, begibt er sich auf die Reise nach Bukarest, wo Ines gerade ein großes Projekt für eine Ölfirma leitet.

Toni Erdmann: Distanz und Distanzlosigkeit

Knallharte Beraterin und Shopping-Expertin: Kunde Hanneberg hat einen Sonderauftrag für Ines - Szenenbild aus Toni Erdmann ©Komplizen Film

Knallharte Beraterin und Shopping-Expertin: Kunde Hanneberg hat einen Sonderauftrag für Ines – Szenenbild aus Toni Erdmann ©Komplizen Film

Von Anfang an ist klar, dass Ines mit ihrem Vater nichts anfangen kann. Hinter einer Maske aus Professionalität und antrainierter Höflichkeit klärt sie ihren Vater über die Regeln auf, die für seinen Aufenthalt gelten. Er kann mit ihr zu einem Empfang gehen, muss aber verschwinden, sobald es ums Geschäft geht.

Auf diesem Empfang zeigt Winfried sich von seiner schrägsten Seite: Er erzählt dem Vorstand von Ines‘ Auftraggeber, dass er sich eine Ersatz-Tochter gemietet hat, und eigentlich nur in Bukarest ist, um mit Ines zu verhandeln, wer diese jetzt bezahlt.

Während Ines vor Scham fast im Boden versinkt, kommt Winfrieds schräger Humor gar nicht so schlecht an. Der Kunde besteht darauf, Ines‘ Vater noch auf einen Drink in eine Bar mitzunehmen.

Immer wieder versucht Winfried, einen Zugang zur Tochter zu finden. Deren Emotionslosigkeit macht ihn immer wieder fassungslos. Doch selbst als Winfried Ines‘ Menschlichkeit ganz grundsätzlich in Frage stellt, reagiert diese emotionslos und gleichgültig.

Bist du eigentlich ein Mensch?

Die Ursachen für Ines‘ Kälte liegen auf der Hand. In ihrer Umgebung, einer männerdominierten, kapitalistischen Sub-Gesellschaft, kann sie nur dann vorankommen, wenn sie ihre Emotionen nicht zulässt. Winfried sieht das, merkt jedoch auch, dass er keinen Zugang zu seiner Tochter findet. Da er ohnehin nur stört, bricht er schließlich Richtung Heimat auf.

Winfried geht – Toni Erdmann kehrt zurück

Hier ist nichts echt: Winfried als Toni Erdmann - Szenenbild aus Toni Erdmann ©Komplizen Film

Hier ist nichts echt: Winfried als Toni Erdmann – Szenenbild aus Toni Erdmann ©Komplizen Film

Doch Winfried kehrt nur scheinbar zurück. In Wahrheit bleibt er in Bukarest und hält sich – mit Perücke und falschen Zähnen verkleidet – als Life Coach Toni Erdmann immer in Ines‘ Nähe auf. Dabei zeigt er sich von seiner distanzlosesten Seite, quatscht Ines‘ Freundinnen und Chef an, erzählt Fremden, er sei der deutsche Botschafter und lässt sich zum Ostereier-Bemalen einladen.

So stört er natürlich immer noch, aber vor allem stört er Ines‘ Klarheit darüber, wer und was sie ist. Er zwingt sie indirekt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen – was sie, wie der Film zeigt, wirklich schlecht kann.

Generationenportrait der Kinder aus den 1970ern

Toni Erdmann ist natürlich in erster Linie ein Film über eine Vater-Tochter-Beziehung, die ziemlich aus den Fugen geraten ist. Gleichzeitig stellt der Film aber nicht nur zwei Figuren, sondern zwei Generationen einander gegenüber. Winfried hat als Alt-Achtundsechziger dafür gekämpft, dass seine Tochter frei, gleichberechtigt und friedlich leben kann. Entstanden ist eine selbstbewusste Generation, die sich von ihren Eltern abwendet, indem sie sich dem Kapitalismus zuwendet.

Denn Ines steht ganz klar als Stellvertreterin ihrer Generation. Als Frau in einer Männerwelt hat sie die Wahl, wie ihre Assistentin niedlich und stets zu Diensten zu sein, oder alles Weibliche abzulegen und das Spiel mitzuspielen. Die Möglichkeiten, die Bildung mit denen Winfried seine Tochter ausgestattet hat, nutzt diese, um entgegen der Werte, die er verkörpert, sich ganz dem Kapitalismus zuzuwenden.

Und so zeigt Toni Erdmann ein Portrait einer Generation, die dem Kapitalismus mehr zujubelt als jede Generation vor und jede nach ihr – meiner Generation. Der Weg, den Ines mit den Mitteln ihrer Eltern geht, entspricht genau dem Gegenteil dessen, was diese für sie wollten. Resultat ist eine Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, die nur durch radikales Ver- oder Entkleiden aufgehoben werden kann.

Preise und Nominierungen für Toni Erdmann

Toni Erdmann feierte seine Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er den Europäischen Filmpreis 2016 in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Darsteller (Peter Simonischek und Sandra Hüller).

Toni Erdmann ist als in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für einen Golden Globe nominiert, hat ihn jedoch leider nicht bekommen. Eine Oscar-Nominierung ist nicht unwahrscheinlich.

Infos zum Film

Toni Erdmann

Deutschland / Österreich, 2016
162 Minuten
Filmverleih: NFP Filmverleih
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl
FSK: frei ab 12

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