We need to talk about Kevin (Lynne Ramsay)

Filmplakat We need to talk about Kevin

Vom Filmplakat zu “We need to talk about Kevin” sollte man sich nicht täuschen lassen – das hier ist keine seichte Sommerkomödie

Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), Hauptfigur in “We need to talk about Kevin”, ist Abenteuerjournalistin, jung und freiheitsliebend, und genießt ihr Leben und ihre Unabhängigkeit in vollen Zügen. Auf ihren Reisen denkt sie nicht an den nächsten Tag, taucht ein in das Hier und Jetzt – und ist glücklich. In Franklin (John C. Reilly) hat sie einen Mann gefunden, der ihr die Freiräume lässt, die sie braucht, den sie liebt und von dem sie geliebt wird.

Doch schon in der zweiten Szene von “We need to talk about Kevin” sieht man eine völlig andere Eva: gealtert, allein und gebrochen. Auf dem Tisch stehen Alkohol und Tabletten, und Auto und Haus haben Nachbarn mit roter Farbe beworfen, was Eva nicht mal überrascht. Als sich später nach einem unerwartet positiv verlaufenen Vorstellungsgespräch auf dem Weg zum Auto ihre Freude zaghaft äußert, schlägt ihr eine Bekannte auf dem Parkplatz das Lächeln buchstäblich aus dem Gesicht. Doch Eva wehrt sich nicht, nimmt die Demütigung hin und hält sogar einen herbeieilenden Passanten davon ab, ihr zu helfen. Stattdessen nimmt sie die Schuld auf sich – eine Geste, an die sie sich schon gewöhnt hat.

 

Allein und überfordert

Zwischen diesen beiden Stationen in Evas Leben liegen knapp zwanzig Jahre. In Rückblenden und verschiedenen Zeitsprüngen erfährt man nach und nach, warum Eva vom Nachbarsjungen provozierend und ohne jegliches Schamgefühl offen angestarrt wird, warum sie sich im Supermarkt vor ehemaligen Freundinnen versteckt und der neue Kollege meint, sie hätte kein Recht, ihn zurückzuweisen. All das hat mit ihrem Sohn Kevin (in verschiedenen Altersstufen dargestellt von Rock Duer, Jasper Newell und Ezra Miller) zu tun, der seit mittlerweile zwei Jahren im Gefängnis sitzt.

Eigentlich hatte Eva gar kein Kind gewollt, doch nach einer langen Reise und dem glücklichen Wiedersehen mit Franklin passt man halt mal nicht auf – und Eva ist schwanger. Zwischen den anderen werdenden Müttern wirkt sie schon deplatziert und von Kevins Geburt an hat Eva Schwierigkeiten, eine Bindung zu ihrem Sohn aufzubauen. Die ersten Monate schreit er quasi durchgehend, und Eva schafft es nicht, ihn zu beruhigen. Als sie mit dem Kinderwagen neben einem lärmenden Presslufthammer steht, ist ihr die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, wenigstens ein anderes Geräusch zu hören, wenn schon keine Ruhe zu finden ist.

Bei Franklin findet sie keine Unterstützung. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt, genießt er die schönen Seiten des Elternseins, spielt und kuschelt mit Kevin und zeigt seiner Frau gönnerhaft, dass das alles doch gar nicht so schwierig ist mit dem Kind. Auch als Kevin nicht anfangen will zu sprechen, beunruhigt das nur Eva. Wenn er über die Stränge schlägt, heißt es von Franklin nur, dass Jungs nun mal so sind. Über Kevin geredet – wie der Titel “We need to talk about Kevin” andeutet – wird nie.

 

Beklemmende Literaturverfilmung

We need to talk about Kevin Szenenbild

Keine dauerhafte Annäherung möglich – Eva (Tilda Swinton) und Kevin (Jasper Newell)
Szenenbild aus “We need to talk about Kevin”

Einen Moment der Annäherung an ihren Sohn erlebt Eva, als Kevin krank ist und er sich von ihr vorlesen und versorgen lässt. Doch schon am nächsten Tag ist das wieder vorbei, und Mutter und Sohn stehen sich wieder wie zwei Fremde gegenüber. Kevin wird zunehmend schwieriger, was immer noch nur Eva merkt. Die kleine Schwester Celia (Ashley Gerasimovich), die die Familie mittlerweile vervollständigt und die ihren großen Bruder abgöttisch liebt, wird geschickt von Kevin terrorisiert, ohne dass Eva etwas daran ändern kann.

Dass Kevin keine Freunde hat, wird gar nicht thematisiert, doch den ganzen Film über sieht man ihn nur allein oder mit seinem Vater. Sein einziges Interesse ist das Bogenschießen, das Franklin ihm schon in frühen Jahren beigebracht hat. Ansonsten nutzt er seine offensichtlich überdurchschnittliche Intelligenz vor allem dazu, sich nihilistischen Gedanken hinzugeben und seine Mutter zu provozieren.

“We need to talk about Kevin” ist ein von der ersten Minute an beklemmender Film, der zuweilen sogar verstörend wirkt. Hierzu trägt vor allem die künstlerische Umsetzung von Regisseurin Lynne Ramsay bei: Scheinbar unzusammenhängende Einzelszenen werden zusammengefügt, ohne dass anfangs klar ist, wann diese stattfinden. Gemeinsam mit Eva erlebt man ihre aktuelle Ausgrenzung und Demütigung und erfährt durch schlaglichtartige Erinnerungen, wie es so weit kommen konnte. Und fast jede Szene ist dominiert von der Farbe rot, die Eva wie die Schuld, die sie empfindet, abwaschen möchte, sei es beim ständigen Händewaschen oder beim Abkratzen der roten Farbe von ihrem Haus, das den ganzen Film über andauert.

Die besondere Stärke von “We need to talk about Kevin” liegt – neben der durchweg fantastischen Darstellung durch alle beteiligten Schauspieler und der künstlerischen Gestaltung des Films – vor allem darin, dass Regisseurin Lynne Ramsay keine Antworten gibt, ja, nicht einmal versucht, sie zu geben. Stattdessen werden Fragen gestellt, denen man genau so ratlos gegenüber steht wie Hauptfigur Eva. Und genau so sehr beschäftigt einen nach dem Sehen dieser Film auch noch. Als Kevin vor seinen Eltern ein Paket auspackt, dessen Inhalt ihm bei der Tat hilft, die ihn letztlich ins Gefängnis bringt, wirkt das im Nachhinein wie eine Aufforderung, doch endlich aufgehalten zu werden. Nicht nur über, sondern mit Kevin reden – vielleicht wäre das eine Lösung gewesen. Doch auch diese Antwort gibt “We need to talk about Kevin” nicht vor, sondern überlässt sie seinen Zuschauern.

“We need to talk about Kevin” basiert auf dem gleichnamigen Briefroman von Lionel Shriver (im Deutschen “Wir müssen über Kevin reden”), der 2005 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet wurde.

Infos zum Film

We need to talk about Kevin
Großbritannien, 2011
110 Minuten
Filmverleih: Fugu
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay,
Eva Z. Cabrera
mit Tilda Swinton, John C. Reilly,
Ezra Miller
FSK: frei ab 16

 

 

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2 comments

  • Aber wir müssen noch über Tilda Swinton reden. Ihr feines Spiel ist es, was diesen Film ausmacht. Wie Tilda Swinton die Zerissenheit von Kevins Mutter zwischen Schmerz, Versagensangst und unterdrückter Wut darstellt – nicht durch Exaltiertheit, wie es so manche Filmdiva tun würde, sondern durch ein zurückgenommenes und dadurch viel intensiveres Schauspiel – das ist absolute Weltklasse. Es bleibt zu hoffen, dass Tilda Swinton dafür mit Filmpreisen überhäuft wird.

    • Ja, Tilda Swinton spielt einfach unglaublich. Ich habe sie schon vorher gerne gesehen, aber in “We need to talk about Kevin” ist sie wirklich grandios.

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