Wir sind jung. Wir sind stark. (Burhan Qurbani)

Hochaktuelles Drama über Ausländerfeindlichkeit mit passender Ästhetik: 4.5 Stars

Filmplakat zu "Wir sind jung. Wir sind stark."

Filmplakat zu „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Rostock, 1992: Eine Hochhaussiedlung im Brennpunkt Lichtenhagen, einem Bezirk, der hauptsächlich von Ausländern und „sozial schwachen“ Deutschen bewohnt wird. Vor riesigen Betonbauten hängen Asylbewerber auf kaputten Matratzen herum, die Wiesen dazwischen sind voller Müll, auf den Gehsteigen Kinder, die Pfandflaschen sammeln – Alltag in einer der ärmsten Regionen Deutschlands kurz nach der Wende. Und der Nährboden für die schlimmsten rassistischen Angriffe in der Geschichte der BRD.

Mittendrin: eine Gruppe desolater Jugendlicher. Sie lungern auf Spielplätzen oder im Auto des ältesten Cliquenmitgliedes herum, trinken Bier, rauchen Zigaretten, hören rechte Rockmusik und grölen ausländerfeindliche Parolen. Auch Stefan ist mit dabei, obwohl er aus ganz anderen Verhältnissen stammt: Sein Vater ist ein wichtiger SPD-Politiker auf Kommunalebene. Er lebt in einem schönen Haus mit Garten, Kunstdrucken und Klavier in einem nobleren Stadtteil von Rostock. Die meiste Zeit aber verbringt Stefan mit seinen Freunden in Lichtenhagen, die vor allem eins sind: hoffnungslos und wütend.

Kollektive Wut gegen Ausländer

Ihre Wut richten die Jugendlichen wie viele andere Lichtenhagener auf die Ausländer, zuerst auf die Sinthi und Roma im Asylbewerberheim. Als diese wegen drohender Eskalation von der Polizei zwangsumgesiedelt werden, überträgt sich die kollektive Wut auf die Vietnamesen im Nebenhaus, dem so genannten Sonnenblumenhaus. Dort lebt auch die junge Lien mit ihrem Bruder und dessen schwangeren Frau. Während die beiden zurück nach Vietnam wollen, will Lien in Deutschland bleiben. Sie hat einen Job und spricht Deutsch und will nicht sehen, wovor ihr Bruder unablässig warnt: Dass „die Deutschen“ sie aus Lichtenhagen raus haben wollen und dass das Leben im Sonnenblumenhaus gefährlich ist.

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Unter der drohenden Gefahr, die spürbar immer näher rückt, geht das normale Leben weiter. Während Stefan den Selbstmord eines Freundes betrauert, sich zum ersten Mal verliebt und Eifersucht zwischen Freunden erlebt, begegnet Lien verdecktem und offenem Rassismus, streitet mit ihrem Bruder um die Frage von Identität und Nationalität und erlebt, wie schnell Gewalt eskalieren kann. Beider Geschichten kulminieren in dem Anschlag auf das Sonnenblumenhaus – Stefan vor dem Haus, auf der Seite der gewaltblinden Täter, Lien im Haus, auf der Seite der fassungslosen Opfer.

Wichtiger Film mit brisanter Aktualität

Drei Jahre hat Regisseur Burhan Qurbani an seinem Konzept gearbeitet, das die realen Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen von 1992 rekapituliert. Der Zeitpunkt der Fertigstellung hätte nicht passender sein können. Das merkt man spätestens dann, wenn man auf dem Weg zum Kino eine Demonstration so genannter „Pegida“-Anhänger passiert, die unüberhörbar „Wir sind das Volk“ skandieren. Richtig unheimlich zeigt sich die Brisanz des Themas, wenn man zehn Minuten später in einem Kinosaal sitzt und dieselben Worte von einem wildgewordenen Nazi-Mob auf der Leinwand vernimmt, der Steine und selbstgebastelte Sprengsätze in ein Hochhaus wirft. Eine Brisanz und Aktualität, die Qurbani nicht voraussehen konnte, als er mit der Arbeit am Film begann – und letztendlich einen großen und sehr wichtigen Film erschaffen hat.

Warum lohnt sich „Wir sind jung. Wir sind stark.“?

Die fiktiven Geschichten von Stefan und Lien, zwei jungen Menschen, die auf der Suche nach Identität die Hoffnung verlieren, hat Qurbani gekonnt in den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Anschläge von Rostock integriert. Das dramaturgisch ausgefeilte Storyboard erfährt eine grandiose filmische Umsetzung, bei der alles stimmt: von geschickt eingesetzter Musik über eine Kamera, die sich im Rhythmus der Handlung zu ihren Höhepunkten aufschwingt, bis zu einer perfekt arrangierten Szenerie.

Der Regisseur hat dabei zwei sehr kluge Entscheidungen getroffen: zum einen für den Drehort Halle an der Saale, zum anderen für Schwarz-Weiß-Bilder. Das Ergebnis ist eine Hochhausästhethik, die die Trostlosigkeit einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt kurz nach der Wende betont und zugleich die Schönheit der Tristesse an sich einfängt. Auch bei ihrem Ausflug ans Meer schaffen es die unerträglich gelangweilten Jugendlichen von Lichtenhagen nicht, das Grau-in-Grau der Hochhaussiedlung abzuschütteln.

Nicht unerwähnt bleiben darf die beachtliche Leistung der Schauspieler, die durch die Bank weg überzeugen. Herausragend vor allem die beiden Hauptdarsteller Jonas Nay (Stefan) und Le Hong Trang (Lien) sowie der junge Joel Basman in der Nebenrolle des emotional gestörten Randalierers Robbie.

Fazit

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ ist kein leichter Film, aber auch keiner von erdrückender Schwere. Er wurde von teamWorx in Zusammenarbeit mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel und Arte produziert. Umso erfreulicher ist das Ergebnis, das man nicht allzu häufig in der Kinolandschaft antrifft: ein guter deutscher Film. Und eine Fernsehproduktion, die ganz großes Kino hervorgebracht hat.

Diesen Film kann man sich immer anschauen. Aber gerade jetzt sollte man sich ihn unbedingt anschauen.

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Infos zum Film

Wir sind jung. Wir sind stark.
Deutschland, 2014
128 Minuten
Filmverleih: Zorro
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke
mit Devid Striesow, Saskia Rosendahl,
Jonas Nay, Joel Basman, Trang Le Hong
FSK: frei ab 12

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