Der dunkle Turm (Nikolaj Arcel)

Selbst Matthew McConaughey kann’s nicht retten: 1.0 Stars

McConaughey und Elba - es hätte so schön sein können

McConaughey und Elba – es hätte so schön sein können

Wie schafft man es, etwa 5.000 Seiten aus insgesamt acht Büchern sinnvoll in rund 95 Minuten Film inklusive Abspann unterzubringen? Richtig. Man schafft es nicht. Besonders – ähm – eindrucksvoll beweist das die Verfilmung von Der dunkle Turm, Stephen Kings Fantasy-Epos, das zu Matthew McConaugheys – verzeihlichem – Karriere-Ausrutscher wurde.

Ich bin gleich am ersten Tag in die Kino-Vorstellung gepilgert, weil ich mich wirklich sehr darauf gefreut hatte, die Geschichte, die mich jetzt seit Jahrzehnten begleitet, durch die Augen eines anderen auf der Leinwand zu sehen.

Was mich dort erwartet hat, hat mich allerdings dermaßen geärgert und mitgenommen, dass ich erst jetzt darüber schreiben kann. Hätte ich direkt eine Kritik verfasst, wäre ein echt fieser Artikel daraus geworden, in dem ich nur die schlechten Seiten des Films darstelle. Jetzt, mit etwas Abstand, habe ich mich da ein bisschen gemäßigt. Allerdings werfe ich alles über Bord, was ich mir je über das Spoilern oder Nicht-Spoilern in Filmkritiken vorgenommen habe, und erzähle einfach alles, was mir zum Turm in den Sinn kommt. Ist sowieso egal. Wenn ihr danach den Film nicht mehr sehen wollt, umso besser. Guten Gewissens kann ich das nämlich niemandem empfehlen.

Fans der „Romanvorlage“ werden die ersten zwei Minuten glauben, sie wären im falschen Film, und sich dann wünschen, sie wären es. Zuschauer, die sich dachten: „Cool, McConaughey, Elba, wird ein super Action-Film!“ werden wahrscheinlich bis zum Schluss nicht so richtig wissen, wo sie da hinein geraten sind. Ich weiß es ja selbst bis heute kaum.

Darum geht’s in Der dunkle Turm

Hier die Kurzzusammenfassung des Films, die euch den Kino-Besuch spart: Der total verrückte Mann in Schwarz mit Namen Walter (Matthew McConaughey) hat in irgendeiner Dimension eine Maschine gebaut, die aus übersinnlich begabten Kindern Energie zieht. Ist natürlich mit Schmerzen und viel Tam-Tam verbunden. Mit dieser Energie will er den Dunklen Turm zum Einsturz bringen, der im Zentrum von EINFACH ALLEM steht. Folge wäre, dass Monster aus allen Dimensionen in unsere kommen (das kann man sich ein bisschen vorstellen wie in der letzten Folge von Buffy Staffel 5) und er sie regiert. Super für ihn, man braucht ja ein Ziel im Leben.

Der einzige, der ihn aufhalten könnte, ist Ex-Revolvermann Roland (Idris Elba), der ein bisschen orientierungslos durch die Wüste stapft, seit Walter seinen (Rolands) Vater getötet hat. Aber er hat Revolver, deswegen Revolvermann. In unserer Dimension ungefähr heute hat Jake Chambers nichts mit beiden zu tun, aber dafür komische Träume von ihnen. Walters interdimensionaler Suchtrupp erkennt, dass hier jemand wertvoll für das Großprojekt Turm-Einsturz werden könnte und versucht, den Jungen „anzuwerben“. Der ist nicht dumm und haut ab, gelangt – über ein Tor mit einem vierstelligen Nummerncode – in Rolands Dimension, läuft ein bisschen mit ihm rum und besiegt am Ende Walter.

Ähnlichkeiten zum Buch

Die Bücher zusammenzufassen wäre etwas zu viel, aber ich kann die Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Film kurz aufführen. Also. Ja. Es gibt welche. Da wären zunächst die Namen der Hauptfiguren. Check. Es gibt mehrere Dimensionen. Check. Und einen Turm. Check. Der ist dunkel. Noch mal check. Ja. Das war’s so ziemlich. Man erkennt beim Schauen natürlich noch weitere Dinge aus Stephen Kings Reihe, aber das Ganze wirkt eher wie eine Referenz an etwas, das der Regisseur mal gesehen oder in einem Witz gehört hat. Oder geträumt. Und es ist dem Buch nicht ähnlicher als eine Kusine fünften Grades ihrem Nachbarn.


 

Was ist denn da passiert?

Wenn man als King- und Turm-Fan diesen Film sieht, fragt man sich schnell, wie so etwas passieren konnte. Ich stelle mir vor, wie ein überdrehter Produzent zu einer Reihe von Regisseuren, die es mega-stolz in die letzte Casting-Runde geschafft haben, sagt: „Schnell, ich brauche so ’ne Art Jugenddystopie, das geht gerade verdammt gut, hier, Panem und so. Aber von Stephen King und mit Matthew McConaughey. Und irgendwas total Verrücktes, so wie Idris Elba als Revolvermann, damit rechnet niemand. Ha! Aber auf keinen Fall länger als zwei Stunden.“

Und während sich alle anderen noch ratlos angesehen und überlegt haben, ob sie einen Arzt rufen sollen, ist Nikolaj Arcel begeistert aufgesprungen und hat gerufen: „Zwei Stunden??? Ich mach’s in anderthalb!“ Dann hat er kurz durch die Bücher geblättert, die da rumstanden, sich Worte rausgeschrieben (oder gemerkt), die ihm aufgefallen sind, und daraus ein Drehbuch für eine Mischung aus Western und Kinderfilm gebastelt. Und wahrscheinlich haben die Schauspieler dieses Drehbuch nicht zu Gesicht bekommen, bis sie am ersten Tag hochmotiviert und ein bisschen müde vom Feiern und deswegen willenlos auf dem Set standen. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, warum sie da mitgemacht haben. Die könnten doch echt bessere Jobs kriegen.

Schauspielerische Leistung? Nicht so.

Idris Elba hat überhaupt keine Chance, seine Figur zu entwickeln, obwohl Roland Deschain aus der Turm-Saga tief, vielseitig und liebenswürdig ist – und keine alberne Action-Figur wie sein Matrix-Mantel tragendes, bedrückt an der Kamera vorbei schauendes filmisches Pendant. Matthew McConaughey tut die ganze Zeit auf richtig böse, mimt dann aber den Zauberer, als würde er eine Kinect-Beta-Variante testen. Und sieht dabei ziemlich albern aus. Und das ist immerhin Matthew McConaughey. Ich mag Matthew McConaughey. Echt. Er darf jederzeit bei mir zum Kaffee vorbeischauen. Aber in diesem Film hat er wirklich Mist gebaut. Hätte ich auch nicht für möglich gehalten.

Viele Gründe, sich über Der dunkle Turm zu ärgern

Es ist ja immer so: Wenn man etwas unbedingt haben will und sich darauf freut, es dann aber nicht bekommt, ist man enttäuscht. Vielleicht sogar wütend. Ich wollte einen Film, der mich genau so gefangen nimmt wie die sieben (nein, das achte nicht) Bücher der Turm-Reihe. Und bekommen habe ich die wohl schlimmste King-Verfilmung, die ich je gesehen habe. Und es gibt ja bekanntlich einige schlimme. Also: Finde ich doof. Und das zeigt sich in etlichen Details.

Hab ich was verpasst? Was gibt’s denn da zu grinsen?

Zur Promotion des Films hat Stephen King beispielsweise extra das Buch Charlie the Choo-Choo herausgebracht, unter dem Pseudonym Beryl Evans, und allein das bringt die Realität der Bücher den Lesern näher als jeder Film das könnte. Ich bin sehr stolz darauf, ein handsigniertes Exemplar ergattert zu haben, was mich irgendwie erwarten ließ, dass der wahnsinnig gewordene Zug Charlie/Blaine, der in immerhin zweien der Bücher eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt und den Revolvermännern (ja, es gibt mehrere!) zum ernstzunehmenden Gegner gerät, auch zum Film etwas beitragen würde.

Okay, jetzt bin ich ungerecht. Charlie the Choo-Choo kommt im Film vor. In einer Szene, in der „Roland“ und „Jake“ in der Nähe eines verfallenen Freizeitparks übernachten, sieht man den Zug verrottet im Hintergrund liegen. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man daneben ganz klein den Zauber der Bücher und den Charme der Figuren aus Kings Werk. Wenn man sich sehr anstrengt, kann man sogar noch die Fußspuren von demjenigen erkennen, der achtlos darüber getrampelt ist.

Dummheiten zwischen den Dimensionen

Leider gibt es im Film sowieso keine richtigen Gegner. Walter ist auch nicht so richtig schlau dafür, dass er eine Bedrohung für das gesamte Universum darstellt. Seine 2 bis 500 (weiß man nicht) Bediensteten haben absolut keinen Plan und machen teilweise mit ihrer Unbeholfenheit den drei Stooges Konkurrenz. Und das, obwohl sie auch ein bisschen über Zauberkräfte verfügen und echt schnell rennen können. Auch Roland könnte cleverer sein. Als Jake ihn in der Wüste aufstöbert und aus seiner Depression reißt, stellt sich heraus, dass sie gar nicht weit gehen müssen, um Walter zu finden. Dessen Werk ist übrigens die ganze Zeit erkennbar an Blitzen am Himmel. Ist halt vorher keinem aufgefallen.

Und vierstellige Nummern als Geheimcodes, mit denen man die unzähligen Dimensionen bereisen kann, die es gibt? Das macht in Summe 10.000 Möglichkeiten, ich BITTE euch! Jeder, der mal den Code seines Koffer-Nummernschlosses vergessen hat, weiß, wie schnell man die durchprobieren kann. Wenn man eine Schildkröte daran setzt, die pro Nummer eine Minute braucht, ist sie in einer Woche fertig. Ein Mensch braucht wahrscheinlich ein Sechzigstel, also knapp drei Stunden. Der perfekte Schutz vor unerwünschten Eindringlingen sieht anders aus. Ich jedenfalls würde kein vierstelliges Nummernschloss an meine Eingangstür hängen, wenn ich auch mal in Urlaub fahren will.

Warum King-Verfilmungen häufig enttäuschen

Besonders ärgerlich ist allerdings, was aus den Figuren des Romans wurde. Was ich – und ich glaube, auch viele andere Fans – an King-Büchern schätze, ist, dass er es wie kein zweiter versteht, Figuren zum Leben zu erwecken, die so real wirken, als würde man sie kennen. Jeder, der in seinen Büchern eine Rolle spielt, ist einzigartig, hat eine Vergangenheit, Träume und Hoffnungen, hadert mit sich selbst und trifft auch mal eine falsche Entscheidung. Dadurch wachsen sie einem so ans Herz, dass man sie begleitet, egal, wohin die Reise geht, mit ihnen zittert, sich freut, und um sie weint.

Ich weiß nicht, ob die meisten Regisseure das nicht erkennen, aber ich habe bei vielen King-Verfilmungen den Eindruck, dass Hollywood in den Büchern nur eine Mischung aus Horror, Fantasy und Action sieht, die es möglichst bildgewaltig auf die Leinwand zu bringen gilt. Ja, Horror und Fantasy sind die Genres, in denen King sich bewegt. Was seine Bücher aber besonders macht, sind seine Figuren. Und die fangen nur die wenigsten Filme ein (positive Beispiele aus meiner Sicht: Misery, Die Verurteilten, The Green Mile, und – sorry, Stephen King, aber ich mag den Film – The Shining). Der dunkle Turm schafft dies jedenfalls ganz und gar nicht.

Und gibt sich nicht einmal Mühe. Jake Chambers aus dem Buch ist ziemlich allein in New York mit seinen reichen Eltern, die sich nicht für ihn interessieren und keine Bindung zu ihm aufbauen. Im Film ist Jakes Mutter alleinerziehend, kratzt an der Armutsgrenze und hat einen ätzenden Typen zum Freund. Das bringt der Geschichte gar nichts. Es spart nicht mal Zeit. Es verändert aber die Figur von Jake, weil er einen anderen Hintergrund hat. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso man so etwas tut.

Bei 95 Minuten muss man kürzen. Und kürzen.

Richtig sauer aber bin ich, dass man mich um meine liebsten Figuren – Susannah und vor allem Eddie – betrogen hat. Was ist eine Turm-Verfilmung ohne Eddie Dean, der sich vom abhängigen, weinerlichen und egoistischen Drogenschmuggler in einer Notsituation zum fähigen Revolvermann mausert – und dabei über alle Grenzen geht, die er sich selbst gesetzt hat?

Und Susan Delgado. Lovely Susan, the girl in the window. Rolands einzige Liebe, die zeigt, wie zart der harte Revolvermann war, als er jung war – und warum er sein Herz danach verschlossen hat. Roland Deschain ohne Susan Delgado ist wie … Idris Elba, der grundlos auf Matthew McConaughey eindrischt. Sinnlos, langweilig und irgendwie traurig. Ach nein, das ist ja gar nicht die ganze Information. Denn zu Glas, dem vierten Band der Turm-Reihe, der Rolands Vorgeschichte und die Geschichte von Susan Delgado erzählt, soll es eine Fernsehserie geben. Und Spin-Offs sind geplant. Und ich weiß gar nicht, ob ich über diese Nachricht lachen oder weinen soll.

Ein zweiter Teil des Films wird davon abhängig gemacht, wie gut die Einspielergebnisse sind. Zumindest hier gehe ich davon aus, dass der Kreativität der Macher ein Ende gesetzt ist. Denn viele Fans der Reihe sind nicht wie ich bewusst unbelastet von Reviews ins Kino marschiert, sondern haben einen guten Rat angenommen und sich stattdessen einen schönen Abend zuhause gemacht.

Mein abschließendes Fazit zum Film: Ich kann leider keine Empfehlung aussprechen. Falls das noch nicht herausgekommen ist. Für niemanden. Und das tut mir sehr, sehr Leid. Denn man hätte aus dem Film wirklich etwas Großartiges machen können, wenn man mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Mut an die Sache herangegangen wäre wie der damals 19jährige Stephen King an seinen ersten Turm-Roman. So aber ist ein Kompromiss herausgekommen, der wirklich alles unter einen Hut zu bringen versucht – und damit niemanden wirklich glücklich macht.

Infos zum Film

Der dunkle Turm
(The Dark Tower)

USA, 2017
95 Minuten
Filmverleih: Sony Pictures Germany
Regie: Nikolaj Arcel
Drehbuch: Nikolaj Arcel
mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor
FSK: frei ab 12

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